Premiere in Jena: Der Kampf um die Upper-Class

Am Theaterhaus erlebte "Nora (Dollhouse)" von Rebecca Gilman ihre deutsche Erstaufführung

Ihre Beziehung scheitert, doch sie bleiben zusammen: Lena Vogt als Nora und Matthias Zera als Terry Helmer.
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Jena. Die Helmers sind ganz wie aus dem Bilderbuch einer Hollywood-Vorabend-Fernsehserie: Das junge, aufstrebende Ehepaar hat eine schicke Wohnung im wohlhabenden Stadtteil Chicagos, drei bezaubernde Kinder und ein Leben ohne große Sorgen.

Doch der erste Eindruck täuscht gewaltig. Moritz Schönecker dekonstruiert in seiner Inszenierung von Rebecca Gilmans "Nora (Dollhouse)", die auf Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" basiert, gekonnt das Bild von einer glücklichen Familie. Ehemann Terry Helmer (Matthias Zera) hat sich mit Nora (Lena Vogt) sein persönliches Püppchen genommen. Mit ihrem Aussehen und dem abgeschlossenen Kunststudium ist sie für Terry ein annehmbares Vorzeigepüppchen in der Welt der Upper-Class. Nora wiederum hat sich ihr ganz persönliches Schlaraffenland erschaffen, hat sich ihre Welt mit Hilfe der Kreditkarte ihres Mannes zurechtgebastelt. Wie ein kleines Kind holt sie sich die Zutaten zu ihrem vermeintlichen Glück: Traumwohnung, Traumeinrichtung, Traumkinder. Was sie in keinem Laden kaufen kann, sind Liebe, Zufriedenheit und Geborgenheit.

Und so entgleitet Nora allmählich die Option auf das ultimative Glück, auf das sie alle Energie verwandt hat. Sogar ihren Ehemann hat sie dafür belogen. Das Geld für seinen Entzug hatte sie sich von Terrys Erzfeind Raj Patel (Benjamin Mährlein) besorgt - und nicht, wie behauptet, vom verstorbenen Vater geerbt. Noras Leben droht ihr allmählich zu entgleiten, als Raj Patel nun selbst einen Kredit benötigt, den ihm Banker Terry nicht genehmigen will. Raj erpresst Nora, die mit aller Kraft verhindert, dass ihr Ehemann die Wahrheit erfährt. Und so wird der Zuschauer Zeuge eines verzweifelten Kampfes dieser geld- und statusgeilen Frau gegen die Wahrheit.

Nora flieht nicht

Zuerst flirtet sie heftig mit Pete (Yves Wüthrich), dem besten Freund ihres Mannes, da sie sich von ihm das Geld für Raj erbetteln möchte. Doch der Plan geht schief. Um ihren Ehemann vom Laptop wegzulocken, mimt sie recht ungelenk mit Schmollmund und großen Kinderaugen das lüsterne Ehe-Schlämpchen, das sich mal wieder so gerne mit ihm im Bett amüsieren würde. Macho Terry gefällt das natürlich, und so hat Nora vorerst gewonnen. Doch ihr Kartenhaus fällt letztlich in sich zusammen.

Wer nun eine Erleuchtung seitens der Protagonisten erwartet, wird enttäuscht. Nora bleibt den Kreditkarten ihres Mannes treu - und Terry will sein Aushängeweibchen auch behalten. Gilmans Nora flieht, anders als bei Ibsen, nicht. Was hier auch nicht überrascht. Alles andere wäre Hollywood. Beim finalen Champagnertrinken springt die Kälte zwischen Nora und Terry, die Lena Vogt und Matthias Zera in 120 Minuten ausstrahlen, auf den Zuschauer über und sorgt für Gänsehaut.

Weitere Vorstellungen: 20., 21., 22. Februar

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