Systemkämpfe am Brett: Musical "Chess" in Altenburg bietet großes Spektakel, aber musikalisch wenig Reife

Auch wenn Gesang und Musik rhytmische Sicherheit und Balance vermissen ließen: Mit einer effektvollen und optisch opulenten Eigeninszenierung eröffnete Kay Kuntze seine erste Spielzeit als Generalintendant des Theaters Gera-Altenburg.

Bild 1: Die Schachweltmeisterschaft wird zum Schlachtfeld der Ideologien: In "Chess - Das Musical" von Benny Andersson und Björn Ulvaeus kämpfen Frederick Trumper (Alexander Melcher, l.) und Anatoly Sergievsky (Christian Alexander Müller) gegeneinander. Foto: Stephan Walzl

Bild 1: Die Schachweltmeisterschaft wird zum Schlachtfeld der Ideologien: In "Chess - Das Musical" von Benny Andersson und Björn Ulvaeus kämpfen Frederick Trumper (Alexander Melcher, l.) und Anatoly Sergievsky (Christian Alexander Müller) gegeneinander. Foto: Stephan Walzl

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Altenburg. "Du denkst, ich spiele nur Schach? Das ist Krieg, Baby", protzt der egozentrische US-Schachmeister Trumper, der zur Zeit des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion zur Weltmeisterschaft antritt. Generalintendant Kay Kuntze inszeniert am Theater Altenburg in Koproduktion mit dem Theater Bielefeld das Musical "Chess" der ABBA-Mitglieder Benny Andersson und Björn Ulvaeus. Das rockige Musical nach einer Idee von Tim Rice zeigt den Kampf der Ideologien, der 1972 im Hintergrund der Schachweltmeisterschaft ablief. Neben der politischen Brisanz des Matches werden in Balladen Einzelschicksale erzählt.

Showeffekte und Kostümfeuerwerk (Duncan Hayler) bringt Kuntze auf die Bühne. Bunte Choreographien des engagierten Pop- und Opernchors sorgen für Unterhaltung. Kuntzes Bilder thematisieren das Wettrüsten der Supermächte: Unter aufeinander ausgerichteten Raketen werden einstige Schachgegner zu Kameraden, daneben hopst ein amerikanischer Astronaut über die Bühne und platziert eilig seine Fahne, während die Sowjets Medaillen der olympischen Spiele zählen.

Gesponsert von Central Intellectual Amusements (CIA) und Killer Game Boards (KGB) treten im luxuriösen Tiroler Meran der Amerikaner Trumper und der Russe Anatoly zur Schachweltmeisterschaft an. Damen in Pelzen und glitzernden Skioutfits reisen mit Schoßhunden im Ice-Hotel an und bejubeln den Auftritt des arrogant-brutalen Schach-Rockstars Trumper, der in Cowboy-Stiefeln und Lederjacke mit seiner sexy Assistentin Florence eine große Show gibt.

Mit Rockröhre und furiosem Bühnenspiel brillierte Alexander Melcher in dieser Partie. Dagegen trainiert der sowjetische Herausforderer, am Tropf hängend und von einem Ärzteteam strengstens überwacht, sein Spiel. Beherrscht und souverän agierte Christian Alexander Müller als russischer Vorzeige-Sportler. Im Hintergrund operieren die Geheimorganisationen, handeln beim Schiedsrichter - einer ulkigen Erscheinung zwischen Märchenfigur und Actionheld mit Riesenkanone - Bedingungen aus. Im Verlauf des Turniers lernt Assistentin Florence (mit viel Einsatz und schönen Momenten: Anne-Mette Riis) den akkuraten Russen von einer anderen Seite kennen, die beiden verlieben sich. Er erhält den Titel und sucht Asyl in Amerika. In einer herrlich amüsanten Choreographie Götz Hellriegels zeigt ein Parodie-Ballett das komplizierte Einwanderungsprozedere.

Die Geheimdienste ziehen die Strippen

Ein Jahr später trifft Anatoly auf einen russischen Herausforderer - "One night in Bangkok". Zwischen Sextourismus und Leuchtreklame geht der Kampf der Ideologien weiter. Die Sowjets hören intime Bettgespräche ab, denn sie wollen gewinnen. Dafür bieten sie sogar die Freilassung von Gefangenen, darunter Florences Vater. Mit Anatolys in der UdSSR zurückgelassener Familie hoffen die Geheimdienste (souverän: Kai Wefer und Erik Slik), den Titelverteidiger manipulieren zu können. Das Wetteifern kulminiert im Schachduell: Im Hintergrund der Partie zeigt Kuntze den vielschichtigen Kampf der Supermächte. Mondlandung, Olympische Spiele, Flüchtlinge, Mauerbau und Westpakete ziehen über die Bühne, dazwischen Anatolys Ehefrau mit Kindern.

Mit jungen Musical-Darstellern und unter der musikalischen Leitung von Thomas Wick­lein konnte das Rockspektakel allerdings musikalisch nicht voll überzeugen. Über dem Spiel des Philharmonischen Orchesters dröhnte ein allzu starker Gitarrensound, gerade die mehrstimmigen Gesangsnummern ließen Transparenz und Balance vermissen, und den textreichen Passagen fehlte rhythmische Sicherheit und Artikulationsfertigkeit. Aufwendige Choreographien störten den Gesang mancher Solo- und Chorszenen, und die Intonation ließ häufig zu wünschen übrig. Kurz: Viel szenisches Spektakel, doch musikalisch teils unausgereift. Dennoch großer Premierenjubel.

Weitere Vorstellungen: 13. und 26. Oktober in Altenburg; Premiere in Gera: 21. Juni 2013

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