Theater Rudolstadt: Verse für ein Stück Brot

Charles Lewinskys "Freunde, das Leben ist lebenswert" hatte am Theater Rudolstadt Premiere. Im Mittelpunkt des Stücks steht der jüdische Librettist Fritz Löhner-Beda, der die Texte zu einigen der bekanntesten Schlager der 1930er Jahren schrieb. 1942 starb er in Auschwitz.

Im Gruselkabinett: Fritz Löhner-Beda (Charlotte Ronas, r.) und Fritz Grünbaum (Simone Cohn-Vossen) diskutieren im KZ Buchenwald ihre Lage. Der Komponist Leopoldi, der mit ihnen inhaftiert war, durfte nach Amerika ausreisen. Foto: Christian Brachwitz

Im Gruselkabinett: Fritz Löhner-Beda (Charlotte Ronas, r.) und Fritz Grünbaum (Simone Cohn-Vossen) diskutieren im KZ Buchenwald ihre Lage. Der Komponist Leopoldi, der mit ihnen inhaftiert war, durfte nach Amerika ausreisen. Foto: Christian Brachwitz

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Rudolstadt. In Wien lachen die Nazis noch über Fritz Grünbaum und applaudieren Fritz Löhner-Beda. In Buchenwald werden ihnen die Witze des Kabarettisten zu bunt, und vom Schlagertexter wollen sie längst nichts mehr wissen. Beide jüdischen Künstler finden im Konzentrationslager ihr Ende: den einen erstickt der Lageraufseher in einem Eimer Fäkalien, den anderen erschlägt sein ehemaliger Chauffeur Prohaska.

So sterben Löhner und Grünbaum im Theater, in Szenen, die drastisch, aber allzu plakativ die Grausamkeiten der Nazi-Schergen quasi zusammenfassen. In Wahrheit beging Grünbaum Selbstmord im KZ. Löhner, vor allem als Librettist Franz Lehárs bekannt, starb an Misshandlungen - allerdings nicht von seinem zum SS-Mann Schulze mutierten Fahrer. In Rudolstadt hatte am Samstag das Stück "Freunde, das Leben ist lebenswert" Premiere, das die drei jüdischen Wiener Künstler Grünbaum, Löhner und den Komponisten Hermann Leopoldi von ihren Publikumserfolgen in den 1930er Jahren bis zu ihrer Gefangenschaft im Konzentrationslager Buchenwald begleitet. Dort schreiben Löhner und Leopoldi zusammen das Buchenwaldlied. Während letzterer in die USA ausreisen darf, schreibt Löhner für ein Stück Brot Führer-Gedichte für Schulze (Rayk Gaida). Grünbaum schimpft ihn "Hure".

Als Kontrast zu ihren sich verdüsternden Biographien hat der 1946 geborene Schweizer Autor Charles Lewinsky die optimistischen, eingängigen Schlager gesetzt, mit denen sie berühmt wurden. Einer davon - ein feiner Zynismus - gab Lewinskys Stück seinen Titel. In Rudolstadt spielen die Thüringer Symphoniker die Lieder mit lebhafter Expertise. Der Tenor Jürgen Mutzke führt als befrackter Conférencier durch die Jahre und singt beim Szenenwechsel "O Donna Clara" oder "Ausgerechnet Bananen" mit jener schneidenden, luftknappen Dramatik, die so charakteristisch ist für die 1930er Jahre.

Mit Schulze-Prohaska als hinzu erfundener Figur, den abgewandelten Todesumständen und einer geglätteten Geschichte hat sich Lewinsky gegen die bloße Nacherzählung dreier jüdischer Schicksale und für eine dokumentarisch-fiktionale Bearbeitung entschieden. Sie ist als Parodie angelegt, wohlwollend spöttelnd im Hinblick auf die jüdischen Protagonisten, grotesk und hämisch gegenüber den Nazis - das Unvorstellbare lässt sich nur mit schwarzem Humor ertragen. In diesem starren Rahmen bleibt allerdings wenig Spielraum für die Figuren, nach den ersten paar Sätzen glaubt man sie schon ewig zu kennen. Ihre Dialoge klingen des öfteren hölzern, was auch der jüdisch-absurde Witz, die Grundzutat des Textes, nicht abmildern kann.

Kugelrunde Pinguine in weißen Socken

Alexander Stillmarks Inszenierung vermag dennoch, dem Zuschauer das Schicksal der drei Künstler nahe zu bringen. Als gutgenährte, erfolgsverwöhnte Intellektuelle walzen sie unter einem schillernden Varieté-Baldachin durch Wien, kugelrunde Pinguine in weißen Socken mit großen Brillen auf den gebogenen langen Nasen. Charlotte Ronas, Simone Cohn-Vossen und Verena Blankenburg spielen das Trio. Als Frauen sollen sie das "Anderssein" der jüdischen Künstler unterstreichen, doch mehr macht der Regisseur aus seiner Besetzung nicht.

In Buchenwald finden sich die drei als abgemagerte Häftlinge in grün-weiß gestreifter Lagerkleidung wieder (Bühne und Kostüme: Volker Pfüller). Da ist der Kitsch-Baldachin längst einer gruseligen Kulisse in Lila gewichen, auf der wie in der Geisterbahn Totenköpfe, Sensenmänner, Skelette und grelle, verzerrte Fratzen gemalt sind. Am hässlichsten ist die von Hitler.

Während die drei Künstler aus ihren Fatsuit-Kostümen klettern dürfen, bleiben die Nazis in ihre körperbetonten braun-schwarzen Anzüge mit den dicken Schaumstoff-Bäuchen gepresst. Benjamin Griebel versieht seinen Obersturmbannführer Rödl mit bayrischem Dialekt und spielt ihn mit diebischer Freude: Wie eine Olive auf einem Zahnstocher wiegt er sich im Takt der Musik, die Zehen angespannt in den langen schwarzen Socken, und faselt von den KZs als Orte der Kultur und Technik.

Dass ihr Zweck ein anderer ist, offenbart der Conférencier im zweiten Teil: Als singender Tod mit Gruftie-Make-up und unbarmherziger, noch schärferer Stimme gibt er das letzte Geleit.

Weitere Vorstellungen: 14., 24., 27. Mai

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