Gotha als Knotenpunkt in der Welt der Geografie

Mit Aplomb starten die Universität Erfurt und der Freistaat Thüringen jetzt ein Pilotprojekt, um die Forschungsar­beiten mit dem Perthes-Bestand auf Schloss Friedenstein Gotha voranzutreiben.

Geografische Abbilder aus allen Weltgegenden: Petra Weigel, wissenschaftliche Referentin der Forschungsbibliothek, studiert eine Gothaer historische Landkarte von China. Foto: dapd/Candy Welz

Geografische Abbilder aus allen Weltgegenden: Petra Weigel, wissenschaftliche Referentin der Forschungsbibliothek, studiert eine Gothaer historische Landkarte von China. Foto: dapd/Candy Welz

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Gotha. 300"000 Euro - für ein geisteswissenschaftliches Vorhaben nicht gerade wenig - hat das Wissenschaftsministerium gewährt, damit binnen der nächsten drei Jahre unter anderen ein "GlobMapLaboratory", eine virtuelle Kartenplattform, im Internet entsteht; sie soll die Vernetzung der historischen Karten-, Bibliotheks- und Ar­chivschätze mit internationalen Forschungszentren verbessern.

Die Westthüringer Kleinstadt soll als "einer der wichtigsten und lebendigsten Knotenpunkte in der ,geographischen Gelehrtenrepublik‘ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts" wieder kenntlich werden. Für den Wissenschaftshistoriker Nils Güttler, der im Forschungszentrum Gotha das neue Projekt betreut, beruht der hohe Reiz der Perthes-Sammlung auf der einzigartigen Verzahnung von Kartenwerken und Verlagsarchiv, so dass Prozessabläufe im Verlag von der Recherche bis zur Drucklegung einer Karte sich rekonstruieren lassen, aber auch abendländische Entdeckergeschichte.

Sicherlich könnten etwa die Staatsbibliotheken in München und Berlin mit dem reinen Kartenbestand in Gotha - immerhin 185"000 Werke - gut mithalten, erklärt Güttler. Was die Komplexität des dortigen Archivs betreffe, kenne er aber in ganz Europa nur einen einzigen vergleichbaren Standort: Der Verlag John Bartholomew in Edinburgh, Schottland, weise allerdings eine geringere Bestandsdichte auf und setze erst um 1860/70 - ein halbes Jahrhundert nach Gotha - mit seinen Ar­chivalien ein.

So hat Güttler zudem einige Studien in seinen Arbeitsplan aufgenommen, die den wissenschaftlichen Wert des Gothaer Archivs exemplarisch deutlich machen. Etwa mit dem Bestand Bruno Has­senstein will der 32-Jährige sich intensiver befassen. Hassenstein (1839-1902) gelte als große Verlagsgestalt in der Nachfolge August Petermanns und habe u.a. Berichte und Diarien Afrikareisender gesammelt. Er stand in Kontakt mit Entdeckern wie Heinrich Barth aus dem Livingstone-Umkreis, aber auch mit Sven Hedin (1865-1952), dem legendären Pionier der Fernosterkundung. Ein Gutteil vom Nachlass des Schweden wird in Gotha bewahrt.

Die Karten prägten Vorstellungswelten

Aus überlieferten Feldnotizen, Vermessungen, Korrespondenzen, Reise- und Arbeits-Tagebüchern könne man en detail nachvollziehen, wie damals eine Landkarte von der ersten Skizze bis zum gedruckten Exemplar entstand, erklärt Güttler - und wie unsere geografischen Vorstellungen von unbekannten Kontinenten geprägt wurden.

Daneben knüpft der junge Forscher, der bereits im Herbst 2011 als Herzog-Ernst-Stipendiat in Gotha arbeitete, an sein eigenes, inzwischen abgeschlossenes Dissertationsprojekt zur Vegetationsgeografie an. Denn natürlich interessierte man sich seit jeher in einem karthografischen Verlag auch dafür, wie die Pflanzen- und Tierwelt auf unserer Erde verteilt ist - nicht zuletzt zum Zwecke des Handels und Wandels.

Mit dem Botaniker Oscar Drude (1852-1933), dereinst Berater des Gothaer Verlagshauses, hat Güttler sich schon intensiv befasst - und den Wert der Bestände auf Frieden­stein schätzen gelernt. "Das ist faszinierend, was die Diversität von Quellen angeht", erklärt er. Konvolute von historischen Zeitungsausschnitten bis hin zu Tee- und Sämerei-Katalogen gehören beispielsweise dazu - Material also, das sonst heutzutage kaum anderswo auffindbar ist.

Und schließlich will Güttler Vorhaben initiieren, um den sozial- und wirtschaftshistorischen Kontext etwa von Produktionsprozessen im Gothaer Verlag aufzuhellen: Wer wisse denn heute noch, dass in den 1890er Jahren bis zu 160 Frauen und Mädchen dort als Koloristinnen arbeiteten, um den Kartenwerken farblichen Schliff zu verleihen. Sie bildeten einen Berufsstand mit sehr eigener, inzwischen vergessener Expertise.

Nils Güttler ist sich darüber im klaren, dass er in den nächsten drei Jahren vor allem Kärrner- und Initiationsaufgaben zu leisten hat. Aus seiner Zeit am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte weiß er, wie wichtig dies aber gerade ist, um in den Fokus internationaler Forschernetzwerke mit sich potenzierendem Erkenntnisverlangen zu geraten.

Einer der sich besonders darüber freut, dass mit der Gothaer Sammlung nun intensiver gearbeitet wird, ist der Verlagserbe Stephan Perthes, der am Verkauf des Nachlasses 2003 ans Land Thüringen maßgeblich beteiligt war. "Das ist ein Trompetenstoß für die Forschung zur Sammlung", lobte er gestern. Offensichtlich werde nun deren wissenschaftlicher und kultureller Wert erkannt. Und im Nachhinein, so Perthes, werde auch klar, wie wichtig es war, den einzigartigen Bestand zusammen- und am authentischen Ort des Geschehens zu erhalten.

Forschungszentrum Gotha

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