Im Schlick der Zeitläufte

Bei der Adaption und Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Drama "Einsame Menschen" ist der Geraer Schauspiel-Chefin Amina Gusner unversehens die Fallhöhe abhanden gekommen.

Zwiespältige Träumerei: Johannes (Ulrich Rechenbach) ist bieder gebunden, von fern lockt die Femme fatale. Foto: Walzl

Zwiespältige Träumerei: Johannes (Ulrich Rechenbach) ist bieder gebunden, von fern lockt die Femme fatale. Foto: Walzl

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Gera. "Meine Nerven", warnt Johannes, "sind auch keine Schiffstaue ..." Mehrfach, bedrohlich insistierend sagt der blässliche Jüngling, der mental so stabil ist wie ein Schilfrohr im Wind, diesen Satz. Als wär' es sein Credo. Und man weiß schon oder ahnt es zumindest, dass er, weil ihm die Perspektive abhanden kommt und er sich zwischen zwei diametral gegensätzlichen Frauen und Lebenskonzeptionen hin- und hergerissen fühlt, den äußersten Ausweg suchen wird - und in den Fluten des Müggelsees auch findet. In Gerhart Hauptmanns Drama "Einsame Menschen" ist das plausibel. Bei dessen Geraer Inszenierung von Schauspiel-Chefin Amina Gusner weniger.

Als handle es sich um ein boulevardeskes Konversationsstück, versammelt Gusner die traute Familie im schlicht weißen, beängstigend kahl-modernistischen Wohnzimmer auf dem Sofa und lässt sie ein scheinbar belangloses Geschnatter abspulen: Ach, das junge Glück, das Neugeborene raubt Käthe (Alice von Lindenau), Johannes' Ehefrau, mit seinem Geschrei alle Ruhe, dafür kitzelt Johannes sie erstmal durch, Mutter Vockerat (Anne Keßler) rät abzustillen, und bald ist ohnehin Taufe. Das Aufregendste an Heimchen Käthe ist ihr orangefarben grelles Sommerkleid und an der jung gebliebenen, kessen Mama der unbändige Wortschwall.

Da taucht, mystisch wie das personifizierte Unheil, aus dem Dunkel der Hinterbühne die rothaarige Anna (Eva Verena Müller) auf, ganz selbstbewusst und intellektuell raucht sie mit Johannes' Freund Braun (David Lukowczyk) flugs einen Zigarillo - man kennt sich ja aus Pariser Studientagen - und wäre durchaus zu weiterem bereit, hätte nicht augenblicklich Johannes (Ulrich Rechenbach) sich in sie verguckt. Und umgekehrt. Anna Mahr, halb Hexe, halb verrucht Suchende, findet Selbstbestätigung nur, indem sie Männer sich hörig macht. Sie kennt alle Tricks und schlägt den verträumten Poeten, dem die eigene Frau zu ungebildet erscheint, in ihren Bann. Eine Szene lang tollen die Fünf auf der Bühne wie in einer Studenten-WG und spritzen sich nass - voller Lebensgier.

Zentrifugalkräfte im fatalen Reigen

Eine Menage à quinze scheint jedenfalls irgendwie möglich, der Streit zwischen Johannes und Freund Braun über den Wert der Kunst bloß aufgesetzt, doch der erotische Neid - in nahezu allen Konstellationen - schließlich unüberwindlich. Käthe klammert. Will auf ihren Johannes nicht verzichten. Zielsicher stört die rote Anna ihren Versöhnungsakt. Wenig später kuschelt sie mit ihrem Gespielen - völlig vergeistigt natürlich - im Liebesnest.

Mehr und mehr entfaltet der fatale Reigen Zentrifugalkräfte, denen keiner der Akteure innere Festigkeit entgegenzusetzen hätte. Sie sind ja einsame Menschen, weil hoffnungslos egozentrisch und eines verantwortungsvollen sozialen Miteinander nicht fähig. Dialoge werden häufig ins Leere gesprochen, und aus dem Unmut übers eigene vertrackte Leben keimt Aggression. Vorwürfe, Gezänk, wechselseitige Verachtung - das Ganze eskaliert in Prügelorgien. Als man sich scheinbar beruhigt, sind die Risse nicht mehr zu kitten.

Soweit Gusner, die das Stück, welches ein 27-jähriger Dramatiker noch zu Kaisers Zeiten verfasst hat, frech und robust ins Hier und Heute verlegt, das fünfaktige Schema zur flotten Szenenfolge zersprengt und seine Sprache flapsig modern adaptiert. Videoclip-artige Spannungsbögen und überaus agile Schauspieler sorgen für Kurzweil, eine clevere Lichtregie vermittelt rasche Stimmungsänderungen. Mitunter glaubt man, es mit einer spontihaft gutwilligen Jugendtheaterinszenierung zu tun zu haben. Aber auf knapp zwei Stunden Dauer wirkt das Getümmel, so sorgfältig auch die Personenführung, doch ermüdend.

Mit Hauptmann ist die Regisseurin allzu leicht fertig. Mag sein, dass man "Einsame Menschen" als Zeitdokument lesen muss, dass der dramatische Sprengstoff vor allem aus den Umständen einer bleiernen Epoche verständlich wird: hier ein altbacken frömmelndes, in Konventionen erstarrtes Elternhaus - dort der dem monistischen Materialismus Ernst Haeckels huldigende, junge Naturwissenschaftler Johannes und die Russin Anna, als Emanze und Studentin sowieso ein Wesen von einem anderen Stern.

Das ergibt bei Hauptmann im Kern einen unlösbaren Generationenkonflikt. Die Ehefrau zu verlassen, würde - obwohl der Autor selbst drei Jahre nach Uraufführung des Stücks 1891 so verfuhr - einen Eklat verursachen, dem der labile Protagonist in der radikalen Konsequenz gesellschaftlicher Ächtung kaum gewachsen wäre. Aber weiter so, im behüteten Käfig, erschiene ihm sinnlos. So bleibt nur der Müggelsee ...

Diese tragische Fallhöhe ist Amina Gusner über ihrer Transposition abhanden gekommen. Ihr Johannes könnte die nicht existenzielle Problemzone seines Lebens durchwaten wie Uferschlick. Muss man einen Klassiker so ins postmodern Leichte ziehen? - Ja, vielleicht, leider: Wenn ein junges Publikum auf anderem, anstrengenderem Wege nicht mehr erreichbar ist.

Weitere Vorstellungen: 27. Mai, 5. u. 19. Juni

Homepage Theater Altenburg/Gera

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