Jenaer Philosoph Kodalle: „Eine Kultur der Nachsichtigkeit zu entwickeln, täte unserer Gesellschaft gut“

Jena  Ein Gespräch mit dem Jenaer Philosophen Klaus-Michael Kodalle über Oskar Pastior und seine Spitzel-Tätigkeit für den rumänischen Geheimdienst.

Foto: Peter Michaelis Prof. klaus-michael Kodalle uni jena

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Ein Leben lang hat Oskar Pastior (1937-2006) seine Freunde hintergangen. Erst nach seinem Tode wurde ruchbar, dass der in Hermannstadt (Siebenbürgen) geborene, hochdekorierte Schriftsteller als Spitzel für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet hat. Eine Handvoll antisowjetischer Gedichte, seine Homosexualität und die Zugehörigkeit zur deutschsprachigen Minderheit im Lande hatten ihn erpressbar gemacht. Allen Klägern und Zweiflern zum Trotz nahm die Nobelpreisträgerin Herta Müller, die kommenden Dienstag an der Universität Jena mit einem Ehrendoktorat gewürdigt wird, für ihn Partei – und verzieh, obwohl auch ihr die Securitate jahrzehntelang zusetzte.

Müller war mit dem älteren Pastior befreundet; aus seinen Lagerberichten verfasste sie den Roman „Atemschaukel“. Wir nehmen den Vorgang zum Anlass für ein Gespräch mit dem emeritierten Jenaer Philosophen Klaus-Michael Kodalle über Verzeihen und Versöhnen – ein Vierteljahrhundert nach Zusammenbruch der totalitären Systeme in Osteuropa.

Inwieweit spielt das Thema heute für das Zusammenleben der Menschen noch eine Rolle? Oder ist all das längst vergraben und vergessen?

Wir sind, bei aller Kurzatmigkeit des Zeitgeistes, mit diesem gar nicht abstrakten Thema der Geschichtspolitik lange nicht fertig. Man bedenke, dass noch in diesem Jahrzehnt in Ländern, in denen totalitäre Regime geherrscht haben, Massengräber entdeckt wurden. Diese Geschichte – und die Auseinandersetzung damit – ist nach wie vor lebendig. Mögen auch die Geschehnisse der Diskriminierung, der Unterdrückung, der Folter, der Pervertierung des Geistes weit zurückliegen, nimmt die Intensität des öffentlichen Diskurses über Versöhnung beziehungsweise Aussöhnung doch keineswegs ab.

Da geht‘s um gesellschaftliche Signale und politische Gesten. Aber ist der Mechanismus der Entsühnung nicht allein auf der menschlich-persönlichen Ebene zwischen Täter und Opfer möglich?

Das ist richtig. Ich unterscheide zwischen Verzeihen und Aussöhnen. Eine wirkliche Verzeihung kann nur das Opfer zusagen. Ganz außerordentlich – aber keineswegs fiktiv – ist der Fall, dass ein Opfer in eigener Initiative auf den Täter zugeht und ihm die Bereitschaft zu verzeihen signalisiert, um vielleicht zu erreichen, dass er sich öffnet und die Abgründe und Perfidien der Vergangenheit erkennt und anerkennt. Das ist eine Angelegenheit zwischen Ich und Du, außerhalb der Öffentlichkeit.

Dagegen kann Aussöhnung als gesellschaftlicher Prozess verstanden werden?

Die jeweiligen Zeithorizonte von Täter, Opfer und Gesellschaft sind sehr unterschiedlich. Ein traumatisiertes Opfer braucht Zeit, bis es sich auf eine Begegnung mit einem Quäler, einem Folterer überhaupt einlassen kann. Ein Täter neigt dazu, möglichst schnell zu einem „normalen“ Leben zurückkehren zu wollen und seine Taten zu verdrängen oder zumindest zu verharmlosen. Die Gesellschaft verhält sich ähnlich, man will so schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen und beschwört die „Normalisierung“ und die Hoffnung auf einen Schlussstrich.

In den meisten Fällen lässt sich beobachten, dass direkt nach Diktaturen eine Phase der Amnestierung und der Amnesie, also des Verschweigens und vermeintlichen Vergessens, folgt: in Italien nach Mussolini, in Spanien nach Franco ebenso wie in Osteuropa nach dem Fall der kommunistischen Diktaturen. Bei der Überwindung der lateinamerikanischen Militärdiktaturen lief das ebenso nach diesem Muster ab. Auch in Deutschland wurde die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit – also die wahrhaftige Erinnerungsarbeit – als öffentliche Angelegenheit erst in der Folge der „68er-Kulturrevolution“ intensiviert. Ohne ein ehrliches Verhältnis zur Geschichte kann Aussöhnung nicht gelingen.

Können Dritte, kann die Gesellschaft dabei helfen, dass Täter und Opfer miteinander ins Gespräch finden?

Ich habe mit dem Thüringer Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen darüber gesprochen; es gibt ganz wenige Beispiele, dass sich Täter und Opfer an einen Tisch bringen lassen, und noch seltener kommt es vor, dass die Begegnung vor Dritten, zum Beispiel vor Schulklassen, in einem offenen Diskurs vonstatten geht. In der Regel ist die Schuld wie einbetoniert – und das „neue Leben“ nimmt seinen Lauf, was immer auch regierungsamtlich über das Unrecht im vergangenen System verlautbart werden mag.

So wie bei Oskar Pastior alias Otto Stein. Welchen Sinn macht der Diskurs über die Schuld nach seinem Tod, und wie kann denn Herta Müller nicht befangen sein?

Je näher man diesem Menschen gestanden hat, desto mehr wird man befangen sein. Dass aber ein Täter gestorben ist, hindert nicht daran, sich der Frage zu stellen, ob man ihm verzeihen kann. Als Mensch, der noch in unserer Erinnerung lebt, und als Lyriker, der mit seinen Gedichten zur Gegenwartsliteratur gehört, ist er uns genauso gegenwärtig wie die Tatsache, dass viele Menschen sich bis heute von den Ambivalenzen im Leben des Oskar Pastior betroffen fühlen. Pastior ist eine Gestalt der Literaturgeschichte, er hat ja noch im Jahr seines Todes den wichtigsten deutschen Literaturpreis, den Georg-Büchner-Preis, erhalten.

Persönlich entgegennehmen konnte er ihn nicht mehr ...

Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass die Gemeinschaft der deutsch-rumänischen Literaten eng vernetzt war und es nach der Flucht oder Ausreise in den Westen geblieben ist, so dass die Frage nach der moralischen Disqualifizierung eines der Ihren sich in erster Linie auf die Ebene der Freundschaft, des gegenseitigen Vertrauens, bezieht. Das öffentliche Andenken, Literaturkritik und Literaturwissenschaft sind etwas Anderes.

Muss sich Herta Müller nicht zumindest durch Pastiors Schweigen getäuscht gefühlt haben?

Es besteht in Rumänien die Möglichkeit wie bei uns in der Stasi-Unterlagen-Behörde, Akteneinsicht zu nehmen und zu prüfen, ob und wen er geschädigt hat. Es kann dann ein Geschädigter Auskunft darüber geben, wie er mit einem solchen Verrat innerlich fertig wird, und dazu gehört ebenfalls die Frage, ob er dem inzwischen Verstorbenen angesichts der teuflischen Drangsalierungen, denen dieser ausgesetzt war, verzeihen kann oder nicht. Das geschieht auf einer persönlichen Ebene und ist nicht objektiv zu beurteilen.

Erscheint Ihnen Müllers Verhalten angemessen und verständlich?

Das Verhältnis zu Oskar Pastior war doch ein sehr inniges. Allein drei Jahre haben sie an dem Roman „Atemschaukel“ gearbeitet. Soweit ich weiß, gehört sie nicht zu denen, die durch seine Informanten-Tätigkeit unmittelbar geschädigt wurden. Soweit ich weiß, gibt es ohnehin nur wenige Anhaltspunkte, dass jemand durch Pastiors Doppelleben direkten Schaden erlitten hat. Sondern die allermeisten seiner Freunde beklagen, dass er ihnen gegenüber geschwiegen und sich nur den westlichen Geheimdiensten offenbart hat. Herta Müller hat sogar sinngemäß gesagt, sie sei in gewisser Weise froh, dass er sich ihr gegenüber nicht bekannt hat, weil sie dann möglicherweise den Kontakt mit ihm abgebrochen hätte – ein moralisch-politischer Rigorismus, der ihr heute im Nachhinein wohl geradezu unverzeihlich erschienen wäre.

Ist all das nicht äußerst zwiespältig?

Weil ihr dieser Aspekt seiner abgründigen Schwachheit verborgen geblieben ist, kann sie sein Andenken in Liebe und Zuneigung bewahren. Dass das nun Risse bekommen hat, dass man nie ganz wird vergessen können und dass sie und die anderen durch Pastior getäuscht und enttäuscht wurden, mag auf einem anderen Blatt stehen. Wie sich der Dichter Pastior damals in seiner Angst und dem Versuch, dieser Angst durch opportunistische Mitwirkung zu entkommen, selber geschädigt hat, kann sogar ein gewisses Mitleid hervorrufen. Insofern hat Herta Müller offensichtlich mit dieser Geschichte ihren Frieden gemacht und bewahrt ihrem Freund Oskar Pastior als einem, der mitgelitten hat in dieser entsetzlichen Geschichte Rumäniens, der Schaden genommen hat an seiner Seele und andere dadurch enttäuscht hat, in gewisser Weise die Treue.

Birgt der Fall Pastior, der sich aufgrund seiner Erpressbarkeit und der konkreten Lagererfahrung zur Kollaboration gezwungen sah, sogar eine gewisse Tragik?

Ja selbstverständlich. Wenn man weiß, welchen Erniedrigungen und welchen Exzessen des Hungers die Gefangenen in den sowjetischen Arbeitslagern ausgesetzt waren, hat man für Pastior, der in ein unfreies Land zurückkehrte, schon viele Entschuldigungsgründe parat, die dabei helfen, das moralische Aburteilen zu unterlassen.

Hatte er also im Grunde gar keine Wahl?

Wenn ein verantwortungsbewusster Mensch sich so herausredet und so seine Verantwortlichkeit abstreift, haben wir zu widersprechen und auf der Freiheit des Willens selbst in solchen Entscheidungssituationen zu be­stehen. Allerdings: In Kontexten der Freundschaft, oder wenn man die Entscheidungen in einem zutiefst beschädigten Leben von außen mit dem human gebotenen Wohlwollen betrachtet, darf man aber sagen: „Leute, seid nachsichtig, der hatte doch gar keine andere Wahl!“

Das ist kein Argument, um die Geschehnisse zu beschreiben, sondern eines, das uns darin stärken soll, Nachsicht zu üben. Es geht nicht ums Verzeihen, dazu ist nur ein enger Personenkreis befugt. Aber die Gesellschaft tut gut daran, in Fällen wie dem Pastiors, der kein Schwerverbrecher war, Nachsicht zu üben. Eine Kultur der Nachsichtigkeit zu entwickeln, täte uns gut. In einem Zeitalter der Hypermoralisierung zeigt sich die Qualität einer Gesellschaft darin, inwieweit sie fähig ist, nachsichtig zu sein.

Wäre das, wenn man es generalisiert, nicht allzu milde?

Nein, ich plädiere doch nicht für Generalamnestien. Es darf keine Verharmlosung der Geschehnisse geben und keine Verschleifung der moralischen Standards im öffentlichen Diskurs; alles muss durch Historiker gründlich aufgearbeitet werden. Doch danach arbeiten wir an dem schwierigen Unterfangen einer Aussöhnung mit der Geschichte und ihren Akteuren – möglicherweise auch, wenn sie Täter waren, und dies unabhängig davon, ob sie noch leben oder schon tot sind.

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