Direktorin Schlösser-Stiftung über Investitionsstau und Residenzkultur

Rudolstadt  Die Kulturstiftung Mitteldeutsche Schlösser und Gärten bräuchte zwei, drei Jahre, bis sie arbeitsfähig wäre. „Wir könnten sofort anfangen zu sanieren“, hält Doris Fischer dagegen.

„200 Millionen Euro würden uns einen Riesenschritt ermöglichen, um den Investitionsstau zu mindern“, erklärt Doris Fischer, Direktorin der Thüringer Schlösser-Stiftung.

„200 Millionen Euro würden uns einen Riesenschritt ermöglichen, um den Investitionsstau zu mindern“, erklärt Doris Fischer, Direktorin der Thüringer Schlösser-Stiftung.

Foto: Conny Möller

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200 Millionen Euro sollen von Bund und Land zur Sanierung von Thüringer Schlössern und Gärten investiert werden. Allerdings will man dazu erst eine neue Struktur etablieren, die Kulturstiftung Mitteldeutsche Schlösser und Gärten (KMSG). Wir versuchten zu erfahren, wie Doris Fischer, Direktorin der seit 25 Jahren bestehenden Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (STSG) darüber denkt.

Was bewirken 200 Millionen Euro für Schlösser und Gärten in Thüringen? Eigentlich brauchen Sie doch doppelt so viel?

200 Millionen Euro würden uns einen Riesenschritt ermöglichen, um den Investitionsstau allein bei den 31 von uns betreuten Liegenschaften zu mindern. Wir würden damit wirklich maßgeblich vorankommen.

Wo sehen Sie dringlichen Bedarf?

Schloss Sondershausen, wo im Alten Nordflügel inzwischen Bereiche notabgestützt werden mussten, hat es sehr nötig. Die Substanz der Anlage reicht in Teilen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Nach einer Grundsicherung würden wir vordringlich die Gebäudebereiche wieder nutzbar machen. Dringender Bedarf besteht auf der Heidecksburg, zum Beispiel bei Dächern und Fenstern. Aber auch der Altenstein mit seinem Park, Schloss Wilhelmsthal und Mildenfurth haben Bedarf; ich könnte letztlich alle nennen, wenn es das Ziel ist, historische Anlagen instand zu setzen und einem interessierten Publikum zugänglich zu machen.

Nun sind die 200 Millionen Euro nicht für Sie bestimmt, sondern die Landesregierung möchte zusammen mit Sachsen-Anhalt eine neue Stiftung, die KMSG, gründen. Müssten Sie nicht dankbar sein, wenn einige Ihrer Sorgenkinder - zum Beispiel in Sondershausen und Rudolstadt - in diese Stiftung überführt werden?

Die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten hat mit ihrem Gründungsgesetz den Auftrag erhalten, die ihr übertragenen Schlösser, Burgen, Klöster und Parkanlagen baulich zu sichern, sie der Öffentlichkeit zu vermitteln und denkmalverträglichen Nutzungen zuzuführen. Daher bewältigen wir gerade solche schwierigen Aufgaben sehr gern und kennen unsere Liegenschaften seit 25 Jahren sehr genau. Wir haben die Kompetenz im Hause und wären sehr schnell in der Lage, all die Projekte gemeinsam mit unseren Museumspartnern auf den Weg zu bringen.

Die KMSG bräuchte zwei, drei Jahre, bis sie arbeitsfähig wäre. Wenn das Geld stattdessen nach Rudolstadt käme: Wann könnten Sie mit den Sanierungsarbeiten beginnen?

Wir könnten sofort anfangen. Einige Projekte sind ausführungsreif vorbereitet, einige andere könnten direkt in die Ausführungsplanung gehen. Natürlich müssten auch wir für so umfangreiche Arbeiten weiteres Personal rekrutieren; aber die neuen Kolleginnen und Kollegen würden nicht bei Null anfangen, sondern etablierte Teams verstärken.

Das würde Inflationsverluste begrenzen?

So weit es irgend möglich ist.

Einige Liegenschaften sind angeblich nicht prominent genug, um am Geldsegen teilzuhaben. Welche Perspektiven hätten Wilhelmsthal, Altenstein, die Wilhelmsburg Schmalkalden und die anderen stattdessen?

Wenn unsere Schlösser-Stiftung weiterhin so ausgestattet würde wie zuletzt, würden wir mit fünf bis acht Millionen Euro Investmittel jährlich in denselben kleinen Schritten vorankommen wie zuvor.

Dann könnte man vielleicht zur Mitte des Jahrhunderts Ergebnisse vorfinden?

So scheint es realistisch.

Damit wäre eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft etabliert. Aber inwiefern könnten die privilegierten Schlösser, die in die neue Stiftung übergehen, die über Jahrhunderte gewachsene Thüringer Residenzkultur widerspiegeln?

Man verkennt unsere Residenzkultur, wenn man davon ausgeht, dass man Leuchttürme herauslösen könnte. Denn das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile; und nur in ihrer Gesamtheit ist diese Residenzkultur etwas Besonderes. Diese Dichte an Haupt- und Nebenresidenzen, Jagdschlössern, Parks und Gärten, Museen und Sammlungen sucht deutschland-, ja europaweit ihresgleichen. Ich finde sogar, dass sie Welterbe-Charakter haben könnte. Herausgelöste Teile hätten das allein nicht; und dann wäre es schwierig oder sogar unmöglich, die Thüringer Residenzen in ihrer Gänze adäquat zu entwickeln und Besuchern zu präsentieren. Mit anderen Worten: Das, was thüringische Identität ausmacht, ginge verloren.

Kein Thüringer Regent vermochte seit der Frühneuzeit noch politisch-militärisches Gewicht in die Waagschale zu werfen, sondern man konkurrierte miteinander auf dem Feld der Künste. Sprechen wir deshalb über kulturell derart aufgeladene Orte?

Richtig. Die hiesigen Dynastien und Regenten standen auf engstem Raum in freundschaftlichem Wettbewerb zueinander. Ihre Schlösser und Gärten sind weniger der Spiegel einer Prunksucht, die man sich gar nicht leisten konnte. Vielmehr wollte man in Kunst und Kultur, in Bildung und Wissenschaft Bedeutung erlangen; ja man hatte sogar den Anspruch, darin vorbildlich zu sein: Alles, was im reformatorischen Sinne mit einem Staatswesen zu tun hat, sollte mustergültig ausgebildet werden. Deshalb haben wir so viele Theater und Orchester, Sammlungen, Bibliotheken und Museen. Diese Initiativen korrespondieren zudem mit aufklärerischem Gedankengut und einer in einigen Gebieten sehr früh etablierten Schulpflicht.

Sehen Sie das als ein gewachsenes Beispiel für den deutschen Föderalismus an?

So kann man es sagen. Diese pluralistische Vielfalt hat sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelt und galt bis 1920, bis zum freiwilligen Zusammenschluss der Fürstentümer zum Land Thüringen. Hier in Thüringen kann man wie in keinem anderen Bundesland noch nachvollziehen, wie sich unser staatliches Gebilde aus vielen kleineren Einheiten eigenständig formiert hat.

Man nennt es auch oft abfällig Kirchturmdenken. Doch das hat Thüringen offensichtlich geprägt?

Aber es ist ja nichts Schlimmes, mehr als einen Kirchturm zu haben. Diese spezifische kulturelle Prägung macht das Besondere an unserem Land aus, und jedes Fürstentum trägt seine sehr eigenen Charakteristika. Deshalb muss Thüringen als Residenzland in Europa etabliert werden - in seiner Dichte, in seiner Gänze, in seiner Vielfalt.

Kehren wir zurück zur pragmatischen Ebene: Wie sollte man mit Liegenschaften wie dem Lindenau-Museum und den Schlössern in Altenburg und Meiningen verfahren?

In Gründungsgesetz der Thüringer Schlösser-Stiftung vor 25 Jahren sind diese Liegenschaften ebenfalls mit verzeichnet. Offenbar hatte der Gesetzgeber 1994 das Ziel, all diese Objekte nach gemeinsamen Qualitätsstandards und denkmalpflegerischen Grundsätzen baulich zu entwickeln. Für einen kommunalen Träger ist das freilich schwierig.

Hätten Sie noch Platz für Reinhardsbrunn?

Schloss Reinhardsbrunn würde von seiner Wertigkeit her gut zu uns passen.

Machen wir einen Schwenk von den Schlössern zu den Museen darin. Da haben einige noch „Luft nach oben“, etwa bei der Erschließung und Präsentation ihrer Sammlungen oder im Marketing?

Das ist nicht unbedingt mein Arbeitsfeld; mein Eindruck ist es aber, es fehlt in den Museen nicht an Kompetenz, sondern an Ressourcen. Mir scheint es am vernünftigsten, diese vor Ort zu entwickeln; dagegen könnte ich mir vorstellen, dass beispielsweise Aufgaben in der Restaurierung oder Digitalisierung, teilweise auch beim Marketing durchaus gebündelt werden könnten.

Wir haben jetzt überhaupt nur über Thüringen und nicht über Sachsen-Anhalt gesprochen. Kann es sein, dass Residenzkultur zu tun hat mit Begriffen wie Identifikation, Identität und Heimat?

Das ist das Maßgebliche. Die jahrhundertelange Prägung durch diese Residenzkultur steckt uns inzwischen in den Genen. Nur so versteht man die enge emotionale Bindung der Menschen zu ihren Schlössern, Gärten und Museen. In Sachsen-Anhalt findet man eine solche Residenzkultur nicht. Mit den dortigen Schlössern können sich die Menschen hierzulande nicht in dieser engen Weise identifizieren - und umgekehrt.

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