Rückforderungen durch Adelshäuser bedrohen Bestände Thüringer Museen

Thüringens Museen und Bibliotheken sehen sich groß angelegten Forderungen der Erben zwischen 1945 und 1949 enteigneter Adelshäuser ausgesetzt.

Vielleicht zu spät erwacht: Das Museum von Schloss Burgk könnte bald fast die Hälfte seiner Exponate an Erben enteigneter Stammherren verlieren. Foto: Uli Drescher

Vielleicht zu spät erwacht: Das Museum von Schloss Burgk könnte bald fast die Hälfte seiner Exponate an Erben enteigneter Stammherren verlieren. Foto: Uli Drescher

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Burgk. Ein Knarren des glatten Holzfußbodens, ein Quietschen des schweren Metall-Schlosses, ein kurzes, fernes Hallen menschlicher Stimmen, dann ist wieder alles still. Für eine schier endlos lange Zeit scheinen die reich mit silberglänzenden Rüstungen, mit gläsernen Trinkkrügen und Gemälden längst Verblichener üppig dekorierten Räume des Museums von jeglichem Leben verwaist. Wie das gesamte historische Ensemble aus Dienst- und Adelsbehausungen, das unter den Jahrhunderte alten Dachschindeln von Schloss Burgk sicher verwahrt ist - zumindest im Moment. Doch Ärger droht jetzt die verträumte Idylle inmitten dunkler Wälder und schneebedeckter Felder zu stören. Oder doch nicht?

Dank einem 1994 beschlossenen Ausgleichsgesetz haben die Erben zwischen 1945 und 1949 von den Sowjetischen Besatzern enteigneter Adelshäuser ein Anrecht auf alle beweglichen Teile des alten Familienbesitzes. Eine "Schonfrist" von 20 Jahren galt lediglich - so die Nießbrauchsregelung" - für die Exponate, die sich in Dauerausstellungen befinden. Sie läuft im November dieses Jahres ab. Für die Thüringer Museen und Bibliotheken heißt es jetzt schnellstmöglich zu handeln, will man nicht Besucher zu kahlen Wänden und Vitrinen, zu leeren Prunkräumen und Rittersälen locken und die mehr oder minder wertvollen Objekte in privaten Schränken verwahrt oder versteigert wissen. Die Lage wird prekär, zu lange ist vielerorts die Klärung dieser Belange aufgeschoben worden.

Während in Dresden die Wettiner bereits aus ihrem Erbanspruch heraus spektakulär Hand an die Staatlichen Kunstsammlungen legten und einen Teil der bisher 18.000 zurückerhaltenen Kleinodien in Kunstauktionen an den Mann brachten, zeigte eine gütliche Einigung der Klassik-Stiftung in Weimar, die Prinz Michael von Sachsen-Weimar und Eisenach mit einem Mal unkündbar in den Stiftungsrat katapultierte, dass es auch anders geht. Ob es in Burgk zu solch einer Übereinkunft mit der aus zehn Personen bestehenden Erbengemeinschaft kommen mag, bleibt jedoch abzuwarten. Schließlich geht es um allerlei Zierat, der einst von der nach dem Geschmack der herrschenden Reußen stets modisch ausgestatteten Schlossanlage in Greiz, nach Burgk verbracht wurde, wenn er nicht mehr modern genug wirkte. Gemälde, Rüstungen, Bücher, Skulpturen und Möbel aus dem 16. bis 19. Jahrhundert wuchsen hier zu einer imposanten, mit der Zeit immer weiter angereicherten und letzthin geschlossenen Sammlung aus Prunk und Nippes, die einen gelungenen Querschnitt durch die mitteldeutsche Geschichte und Lebensart gibt.

Um etwa die Hälfte der Exponate gehe es, wie zuletzt aus dem Landratsamt bekannt wurde. Auch Museumsleiterin Sabine Schemmrich dachte wohl an eine katastrophale Entwicklung für die Zukunft des Museums von Schloss Burgk, als sie sagte: "Wenn das Inventar zerrissen wird, dann wird auch ein Stück des Herzens von Schloss Burgk genommen."

Auch Kirchen sind derzeit betroffen

Deshalb sei es so wichtig, so Geschäftsführer Holger Nowak vom Thüringer Museumsverband, die Provenienzforschung nicht nur auf NS-Raubkunst zu beschränken und frühzeitig auch nach der Herkunft anderer Objekte, die nach 1945 den Sammlungen zuflossen, zu forschen. Besonders verdächtig seien vor allem Vermerke wie "Republikflucht" oder "aus staatlichem Eigentum". Da verberge sich häufig mehr dahinter, so Nowak.

Die angstvolle Erstarrung, in der sich die Mitarbeiter des Museums Burgk befanden, könnte dem Haus nachhaltig schaden. Überhaupt scheint das historische, an vielen Stellen von weißem Reif überfrorene Bauwerk im Dornröschenschlaf zu liegen - wie das kleine Dorf, in das sich die rustikalen Mauern mit den typisch thüringischen Fachwerkeinsätzen schmiegen. Die neblige Kälte ist indes auch ins Innere des Schlosses gezogen. Hier ist der Nebel ein steter Begleiter des Atems. Beheizt ist hier nichts. Die Holzstufen, die glatt und spröde den Besucher ins reich ausgestattete Prunkzimmer tragen haben schon viele Generationen überstanden.

Vorbei an einem exponiert angebrachten Familienwappen der Reußen, deren Geschichte und Haushaltung ob der schieren Omnipräsenz in nahezu jedem Raum des Schlosses zum Thema werden, führt der Weg des Besuchers über die repräsentativen Schlafgemächer der Adligen, die mit allerlei goldenem und verschlungen-ornamentalem Zierat ein Bild barocken Selbstverständnisses liefern. An der Decke schimmern üppige Malereien in leuchtenden Farben zum Betrachter herunter, umgeben von floralem Stuck. Nichts weniger als die Entführung Europas durch den Stier, in den sich der griechische Göttervater Zeus in der Mythologie der Antike verwandelt haben soll ist zum Thema der zentralen Arbeit gewählt - ein Sinnbild für die derzeitige Situation des Hauses.

Wie lange noch die brokatbezogenen Sessel und Sofas hier stehen werden, vor dem reich geschnitzten Tisch, ist eine Frage des beiderseitigen Verhandlungsgeschicks, dass durchaus noch in einer gütlichen Einigung über Dauerleihgaben, vielleicht sogar Schenkungen münden könnte.

Im Geraer Stadtmuseum geht es derzeit auch um einen Tisch, der von den Reußen zurückgefordert wird. Es ist ein ganz besonderes Stück mit mythologischen Szenen, die in die Silberplatten über dem Holzkern graviert sind. Die Augsburger Fertigung aus der Mitte des 18.""Jahrhunderts ist so selten, dass sonst nur noch wenige Exemplare in Kopenhagen, Dresden und Moskau erhalten sind. Es ist nicht der erste Restitutionsfall, den Geras gebeutelte Museen hinnehmen mussten: Man habe sich im Stadtmuseum, so der wissenschaftliche Mitarbeiter Matthias Wagner, zwar sonst durchgängig gütlich mit den Reußen einigen können und hoffe dies auch im Fall des Silbertischs. Allerdings hat Gera bereits 1998 durch Restitutionsansprüche zahlreiche Kunstwerke eingebüßt.

Damals hatte das internationale Kunstauktionshaus Christie‘s das dortige Stadttheater angemietet und fünf Millionen Mark Verkaufserlös eingefahren. Aber auch dem Altenburger Spielkarten- und Schlossmuseum stehen beachtliche Forderungen ins Haus. Mitarbeiterin Ute Beier hüllt sich in Schweigen, doch soviel könne sie sagen: Es geht, wie an zahlreichen anderen Stellen in Thüringen, um laufende Verfahren, an denen sich mehrere Adelsfamilien beteiligen. Sollte es jedoch zum Äußersten kommen, handele es sich um einen drastischen Einschnitt in die Museen.

Auch kleinere Kirchen, wie die in Graba bei Saalfeld, bleiben von den Ansprüchen aus Blaublüter-Kreisen nicht verschont: Dort geht es um einen prachtvollen Flügelaltar, um den derzeit verhandelt wird. Auch bedeutende Büchereien wie die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar und die Erfurter Forschungsbibliothek auf Schloss Friedenstein in Gotha müssen um ihre Sammlungen als allgemeines Kulturgut kämpfen. Ganz sanft natürlich und mit viel Fingerspitzengefühl. Schließlich solle niemand verprellt werden, wie Holger Nowak, anmerkt. "Es ist ein sehr sensibles Thema", erklärt er weiter.

Auch hierfür gibt es auf Schloss Burgk eine Entsprechung. Sie findet sich am Ende eines langen, hölzernen Ganges, der von Adelsporträts flankiert ist: Es ist das Bildnis des Herzogs Albrecht zu Waldstein, der 1632 für das Schloss Burgk einen Schutzbrief ausstellte. Solch einen könnte das Museum auch heuer gut gebrauchen.

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