Safranski über Goethe: Eine Dichter-Existenz als "Kunstwerk des Lebens"

Heute kommt Rüdiger Safranskis fulminante Goethe-Biografie in den Handel. Sie wird in Thüringen für viel Debattenstoff sorgen...

Avancierte Porträtkunst: Das Sortiment an Goethe-Büsten ist in der Dauerausstellung "Lebensfluten – Tatensturm" im Goethe-Nationalmuseum zu bewundern. Safranski hingegen bewegt sich mit seiner Biografie in geistigen Sphären. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Weimar. Ein großartiges Buch, das das Unmögliche will und mehr als das Erwartbare leistet, hat Rüdiger Safranski mit seiner Biografie Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) geschrieben. Wie keiner vor ihm veranschaulicht er auf empathisch psychologische Weise die Denk- und Motivgründe des klassischen Dichterheroen, schildert dessen Leben und Wirken und charakterisiert ihn als einen Solitär der Kulturgeschichte - all das im unfassbar knappen Umfang von 752 Seiten.

Dennoch wird diese Sicht auf das zumal in Thüringen und in Weimar zum übermenschlichen Olympier stilisierte Genie ebendort auch einige gekränkte Abwehrreaktionen hervorrufen: zum Beispiel, weil Safranski dessen Egomanie deutlich hervorkehrt, weil er die naturkundlichen Mühen des Dichters inklusive der "Farbenlehre" als das, was sie waren, als Dilettantismus kennzeichnet oder weil er ein amouröses Verhältnis mit der Herzogin Anna Amalia dezidiert nicht ausschließt. Der Biograf liefert, wie er betont, allein auf der Basis von Primärquellen überfällig moderne Erklärungen anstatt alter, verkrusteter Verklärungen. Und damit - wie herrlich! - eine Überfülle neuen Debattenstoffs.

Verständlich scheint es ja für einen Biografen durchaus, der mit seinem Schiller-Buch (2004) und mit "Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft" (2009) höchste Meriten erwarb, sich eine Lebensbeschreibung Goethes vorzunehmen. Selbstverständlich jedoch nicht. Denn Rüdiger Safranski, dem unstrittigen Star seiner Zunft, haftet der Ruf an, obschon in beiden Fächern akademisch ausgebildet, ein besserer Philosoph als Germanist zu sein. Seine Biografien Schopenhauers, Heideggers und Nietzsches belegen, wie vorzüglich er abstrakte Geistessphären für den ambitionierten normalen Leser nachvollziehbar und urbar machen kann. Schiller hat er als Protagonisten des Idealismus entdeckt und beschrieben. Und nun Goethe?

Die Pyramide des Daseins

Wieder so ein Safranski-Kniff: Indem er von einer absichtsvollen und poetisierenden Lebensgestaltung seines biografischen Objekts ausgeht, gewinnt er eine philosophische Handhabe. Poi­esis als Ästhetik des Schaffens bezieht Goethe nicht allein auf das literarische Werk, sondern genauso auf die individuelle Existenz; an Lavater schreibt er im September 1780: "Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins (...) so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere"..."

Folglich lässt er sich eine Poetisierung des (Er-)Lebens zu Literatur angedeihlich sein, nicht jedoch, wie die Romantiker es trieben, ebenso umgekehrt. Sehr bewusst wählt Goethe aus, wieviel "Welt" auf ihn einwirken darf, er sei, sagt Safranski, auch ein großer Ignorierer gewesen. So ist das Lernen und Werden des jungen Genies zu verstehen als "Selbstbildung durch Verwandlung des Erlebten in ein Bild"; erst das in künstlerische Form übertragene (Er-)Leben besitzt dauerhafte Façon.

Umgekehrt verweigert Goethe sich jedweder weltabgeschiedenen Innerlichkeit; nur in der wiederholten Spiegelung von Fremdwahrnehmungen liegt der Schlüssel zu Erkenntnis und Selbsterkenntnis. Safranski zitiert: "Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird."

Mit dieser Dialektik erwächst der Dichter zum Fokus, Filter und Spiegel seiner Zeit, und indem er deren Einwirken und Rezeption zu gestalten versucht, entsteht das "Kunstwerk des Lebens". Diese Anschauung ist trotz aller Windungen und Wendungen eines 82-jährigen Daseins plausibel und evident - nicht nur in Anbetracht von "Dichtung und Wahrheit".

Eine Grundbedingung freilich ist die schöpferische Freiheit. Der junge Goethe erhält sie zunächst kraft Herkunft aus wohlhabenden Frankfurter Verhältnissen geschenkt; das prägt den lässigen Jura-Studenten in Leipzig und Straßburg, die halbherzige Juristerei in Frankfurt und Wetzlar bis hin zur Weimarer Anfangszeit. Dort entspinnt sich ein Zwiespalt zwischen Pegasus und Amtsschimmel, Künstlertum und Geschäftspragmatik - wovon Goethe sich durch die italienische Reise 1786/88 auf einen Schlag befreit: Er presst dem Herzog Karl August die Entbindung von lästigen Amtspflichten ab. Allem Ubermeidlichen, etwa dem Einbruch der Truppen Napoleons, begegnet er opportunistisch - bei maximaler Schadensbegrenzung.

Den jungen Goethe schildert Safranski als ein sich selbst erschaffendes, aus sich selbst schöpfendes Originalgenie, als einen Prometheus der Dichtkunst. Fremde Einflüsse werden kaum sichtbar. Doch geht es nicht darum, was Goethe hätte wissen können, sondern darum, wovon er Gebrauch machte. So entdecken wir das geistige Panorama der Zeit stets erst mit ihm, sobald er sich damit befasst. Der Leser wird zum Begleiter, Safranski zum Führer und Fährtensucher auf dem Weg des Lebenskunst-Genies.

Ein Nichtchrist und Spinozist

Da wo sie sporadisch auftauchen, zum Beispiel in der "schulmeisternden" Begegnung mit Herder in Straßburg oder in einer Rezension Sulzers, wird das Originalgenie sich fremde Gedanken kritisch anverwandeln, weiterdenken und zu Eigenem, Höherem adeln. Die Befassung mit Johann Georg Sulzers wirkungsmächtigem Werk "Die schönen Künste in ihrem Ursprung, ihrer wahren Natur und besten Anwendung" etwa fordert den Kampf gegen die Ansicht heraus, Kunst widme sich der Nachahmung der Natur. Goethe führt dagegen das Prinzip des schöpferischen Ausdrucks ins Feld. Auf ähnliche Weise wird er später die intellektuelle Auseinandersetzung mit Fichte und Schelling sowie mit Spinoza und vor allem die prägende, antagonistische Freundschaft mit Schiller für sich urbar machen.

Safranski setzt zwei kluge Zäsuren: Bis zur Ankunft in Weimar 1775 erleben wir Goethe als selbstverliebten, eruptiven Spieler im Leben und in der Liebe - den Autor des "Götz" und des "Werther". In Weimar angekommen, diszipliniert er sich zum Realisten, der qua Militärreform einen Staatsbankrott abwendet, ansonsten in seinen marginal dargestellten Amtsgeschäften jedoch eher erfolglos bleibt. Als Künstler lernt er in Rom, sich auf die Dichtung zu konzentrieren, und gewinnt eine stärker zielgerichtete Gestaltungskraft; der "Tasso" setzt da die Wegmarke. Die zweite Zäsur tritt 1805 mit dem Tod Schillers ein; nun empfindet Goethe die umso größere Verantwortung zur Selbsthistorisierung und -stilisierung vor der Mit- und Nachwelt. Das - vor allem aufs Œuvre fokussierte - unentwegt Tätige zeichnet ihn aus, bis in die allerletzten Jahre.

Es gibt eine Reihe von Leitmotiven, die wie Korsettstangen dieses große, reiche Leben und dessen voluminöse Beschreibung begleiten. Zum Beispiel die Befassung mit der Religion: Als "dezidierter Nichtchrist" hat es Goethe zwar, im Kontakt mit Susanna von Klettenberg, mit der Frömmigkeit versucht, doch ist ihm Christus stets Menschen-, nie Gottessohn. Den schaltenden, waltenden Geist erkennt der Pantheist - mit Spinoza - in der Natur, der den Künsten der Antike verbundene Dichter sieht sich als Polytheist, und nur in Bezug auf die Sittlichkeit des sozialen Miteinanders lässt er monotheistische Orientierungen gelten.

Zweitens Goethes naturkundliche Bemühungen: Da verharrt der Augenmensch zwar im Stadium des Phänomenologen, seine "Farbenlehre" fordert informiertere Zeitgenossen wie Lichtenberg zu homerischem Gelächter heraus. Doch die Ideen, dass Farben aus der Mischung von Licht und Schatten entstünden, dass chemische Elemente sich aus innerem Drang verbinden und dass das Evolutorische ein Movens aller natürlichen Entwicklung ist, lässt sich auf Goethes Denken und Schreiben übertragen: In der "Duplizität der menschlichen Natur" - exemplarisch in der Freundschaft mit Schiller - oder in den "Wahlverwandtschaften" oder in den eigenen "Häutungen" spiegelt all das sich wider.

Drittens die Liebesverhältnisse, auf die Safranski recht distanziert anhand der diskreten Quellenlage eingeht. Den Anstoß zum "Werther" erkennt er mehr in der skandalträchtigen Frankfurter Beziehung zu Maximiliane Brentano als in der Wetzlarer Ménage mit Charlotte Buff; erotische Niederlagen (Ulrike von Levetzow) wie Höhepunkte (Marianne von Willemer) sublimiert er zu Literatur ("Marienbader Elegie", "West-östlicher Divan"). Dichtung ist ein Subs­trat seiner Lebensphilosophie.

Das "durchaus Scheißige" Weimars

Oder viertens den "Faust"- Mythos als ein übers Leben lang entstandenes Weltkunstwerk. Besonders am zweiten Teil exemplifiziert der Biograf Goethes Weitsicht, wie er das "Betriebsgeheimnis der Moderne" bloßlegt: die aus dem Antagonismus von Gut und Böse resultierende permanente Steigerungssucht, den hereinbrechenden Positivismus und Mate­rialismus, die Anthropotechnik, die Propaganda und Medialisierung von Wirklichkeit - dieser Faust, befindet Safranski, ist ein "Meister aus Deutschland", damit wir an Paul Celans "Todesfuge" denken.

So staunt der Leser letztlich im Verein mit dem Autor darüber, "daß ein solches Leben möglich war"; wie Goethe sich über das "durchaus Scheißige" der Weimarer Tiefprovinz weit erhob, ohne seines Realitätssinnes verlustig zu gehen. So bedarf es nicht mal des ominösen "Mehr Licht" auf dem Totenbett, für das der Biograf auch keine Belege findet. - Rüdiger Safranski hat ein abenteuerlich aufregendes Buch über Goethe als irdischen Geistesmenschen geschrieben. Zeile für Zeile, Kapitel für Kapitel ist es auch auf die lange Strecke überaus lesenswert. Von heute an steht es im Buchhandel bereit.

Rüdiger Safranski: Goethe - Kunstwerk des Lebens. Verlag Carl Hanser, München, 752 S., 27.90 Euro

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Safranski im Hanser-Verlag

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