Wielands Grab: Ihr Sterbliches deckt der gemeinsame Stein

Peu à peu lüftet der Kunsthistoriker Sascha Winter die Geheimnisse des Wieland-Grabes in Oßmannstedt. Er plant eine Publikation und Ausstellung im August, verrät aber schon einmal einige sensationelle Erkenntnisse.

Auf erinnerungskultureller Spurensuche: Der Wielandforscher Sascha Winter Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Als Christoph Martin Wieland den 20. Jänner anno 1813 nach kurzer, fiebriger Erkrankung zu Weimar den letzten Atemzug getan, kehrte seine unsterbliche Seele in apollinische Sphären ein und seine leibliche Hülle zurück an jenen arkadischen Ort, wo er die segensreichsten Jahre des Lebens verbrachte: nach Oßmannstedt. Denn man begrub ihn an den Gestaden der Ilm, Seite an Seite mit zwei jüngeren Frauen, unweit seines ehemaligen Landsitzes, obzwar ihm dort nicht eine Krume Erde mehr zu eigen war. Diese Grabstätte des Hohepriesters der Musen, den man einst den berühmtesten Dichter der Deutschen hieß, ist heute, da kaum ein Leser sich noch seiner Werke bemüßigt, das bedeutendste Relikt seiner Verehrung - und von vielerlei Rätseln umrankt.

Sascha Winter, kunsthistorischer Doktorand der Universität Heidelberg und für ein halbes Jahr Stipendiat der Klassik Stiftung Weimar, schickt sich nun an, sie zu lüften. Die wichtigste Erkenntnis gibt Winter exklusiv im Gespräch mit unserer Zeitung preis: "Der Entwurf der Grabstätte stammt von Carl Bertuch", erklärt er. Der junge Bertuch (1777-1815), Sohn des Weimarer Verlegers, hat demnach, ohne selbst Aufhebens davon zu machen, maßgeblich um Wielands Nachruhm Meriten erworben.

Dunkel erinnern wir uns: Im Hause Bertuch wurde Wielands Leichnam aufgebahrt, die Freimaurer der "Amalia" hielten eine Trauerloge für ihren Bruder, Goethe verfasste eine Gedenkrede. Und doch ist alles, was das Oßmannstedter Dreiergrab angeht, äußerst komplex und von Merkwürdigkeiten gesäumt. Es verwundert Besucher bis heute, dass der protestantische Dichter und seine Gattin Anna Dorothea (1746-1801) neben der katholischen Sophie Brentano (1776-1800) in einer bikonfessionellen Grabstätte, jedoch außerhalb geweihter Erde unter einem gemeinsamen Gedenkstein bestattet liegen.

Wer sich näher befasst, findet, dass dieser Obelisk, ein dreiseitiger Pyramidenstumpf, dessen Gestalt gut und gern freimaurerischer Symbolik entspräche, bereits 1807 - sechs Jahre vor Wielands Tod - errichtet wurde, ja dass der Dichter selbst im Dezember 1806 das in den Stein umlaufend gravierte Distichon zu diesem letztgültigen Zwecke verfasste: "Liebe und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben - Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein."

Noch Mozart erhielt nur ein Stapelgrab

Zum Grundverständnis der Intentionen muss man sich den Zeithorizont vergegenwärtigen: Dichter, Musiker und bildende Künstler emanzipierten sich allmählich von ihrem untergeordneten Status in einer feudalen Gesellschaft, nach der Epoche des Sturm und Drang hatte sich zusehends die Idee vom Originalgenie durchgesetzt. Folglich wuchs der Wunsch, eine entsprechende Erinnerungskultur für Größen des Geistes und der Künste zu etablieren.

Denken wir nur an Johann Wolfgang von Goethes letzten Ruheort in der Weimarer Fürstengruft 1832, in die man bereits 1826 die exhumierten, vermeintlichen Gebeine Friedrich von Schillers überführt hatte und die rasch zum kulturtouristischen Wallfahrtsort avancierte. Hingegen erhielten etwa Mozart 1791 in einem Stapelgrab auf dem St. Marxer Friedhof von Wien und ursprünglich auch Schiller 1805 im Kassengewölbe auf dem Weimarer Jakobskirchhof vollkommen standesgemäße, aber keineswegs expo­nierte Begräbnisplätze. Somit wäre Christoph Martin Wieland der erste, dem ein "Dichtergrab" planvoll zuteil wurde. Sein Todesjahr 1813 markiert somit einen sepulkralkulturellen Wendepunkt.

Jedenfalls unstrittig repräsentierte Wieland zu Lebzeiten, was Thomas Mann gut 100 Jahre später als "Adel des Geistes" charakterisierte. Mag sein, dass der 1733 in Oberholzheim bei Biberach geborene Pfarrerssohn in betagtem Alter, als Nestor der Deutschen Klassik, sich so empfand. Sascha Winter weist behutsam darauf hin, dass der Kauf des Ritterguts in Oßmannstedt 1797 durch einen Bürgerlichen von manchem Zeitgenossen als unstatthaft - weil nicht standesgemäß - angesehen wurde. Und dass Wieland die mit dem Gut verbundenen Adelsprivilegien - Gerichtsbarkeit, Kirchenpatronat und Jagdrechte - durchaus gern genossen hätte, sie jedoch nicht zugesprochen erhielt.

Anders als im Leben, widerfuhr Wieland im Tode. Eine Memorialstätte wie ihm wurde zuvor höchstens Adelspersonen gewährt, betont Winter. Ausführlich hat der gebürtige Nordhesse über Gartengräber des 18. Jahrhunderts publiziert. Nun arbeitet er anhand von Briefen, Akten, Entwürfen, Rechnungen und anderen Dokumenten aus Heidelberg und Dresden, dem Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt sowie aus dem Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv die Geschichte des Oßmannstedter Monuments minutiös auf. Auf seiner Agenda steht eine Monografie sowie im August eine Ausstellung "Grab, Tod und Erinnerung Wielands" .

Ganz am Anfang plagt den Forscher noch ein großes Fragezeichen: Warum Sophie Brentano, als sie am 19. September 1800 überraschend auf Gut Oßmannstedt starb, auch dort - in ungeweihter Erde - bestattet wurde, kann er nicht mit Dokumenten begründen. Auch hätte ihr Bruder, der Romantiker Clemens Brentano, sie wohl lieber auf einen Kirchhof umbetten lassen. Doch man sah davon ab.

Womöglich hat Wieland da insistiert. Dem 67-Jährigen war die so bildhübsche wie gebildete, 24 Jahre junge Frau, die Enkelin seiner einstigen Jugendliebe Sophie von La Roche, eine ans Herz gewachsene Muse. Die beiden pflegten eine platonische Beziehung und, wann immer Sophie ihn besuchte, auf langen Spaziergängen in den elysischen Gefilden des Landgutes wohl auch Diskurse über antike Mythologie, Philosophie und Literatur sowie über eigene Werke. Beider Briefwechsel gibt Zeugnis davon. Sicher aus tieferem Grunde ziert die Brentano-Seite des Grab-Obelisken ein vergoldetes Schmetterlings-Relief als Ikonographie für Psyche, die an­tike Personifikation der Seele.

Die Seele weilt im Elysium

Sascha Winter spricht von ei­ner Poetisierung der Grabstätte, die für Wieland im "Handlungs- und Reflexionsraum" des Gartens bedeutsam war. Die antikisierte Vorstellung, dass Sophie als Seele dort, in einem "hortus amoenus" noch weile, wird für ihn ein schöner Gedanke gewesen sein. Zumindest habe man für die Grablege die Erlaubnis des zuständigen Oberkonsistoriums über dessen Vizepräsidenten Herder eingeholt. Sie traf pikanterweise erst nach Sophies Bestattung ein.

Anfangs bestand die Idee, einen mit allegorischen Szenen verzierten Sarkophag über dem Grab zu errichten. Winter findet dies in Wielands Briefwechsel mit dem Weimarer Philologen Karl August Böttiger dargestellt. Abrupt brechen jedoch die Planungen ab. "Warum, wissen wir nicht", sagt Winter.

Im Jahr darauf wird all dies ohnehin obsolet, weil des Dichters geliebte Ehefrau Anna Dorothea stirbt. Ihr gebührt auf dem Obelisken später das Emblem der treu sorgenden Hände, da sie ihm 14 Kinder gebar und den Hausstand organisierte. Die behördliche Zustimmung zur Bestattung neben Sophie Brentano erteilt der inzwischen zum Superintendenten aufgestiegene Herder umstandslos. Spätestens jetzt muss Wieland den Platz an der Ilm zum Familiengrab erkoren haben.

Doch zwei Jahre später verkauft er sein Osmantinum, als ihm dessen Bewirtschaftung und Unterhalt über den Kopf wächst, an den Hamburger Hofrat Christian Johann Martin Kühne. Dabei hat Wieland noch im August 1802 seinen Verleger Göschen wissen lassen: "Der Garten (...) soll bey meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner Geliebten und dereinst auch das Meinige, neben ihr, in sich schließt."

Die Brentanos kaufen das Grab-Areal

Nun jedoch wird, wie Winter herausgefunden hat, die Familie Brentano von Frankfurt aus aktiv. Über einen Strohmann kauft sie Kühne das rund 80 Quadratmeter große Grab-Areal ab und sichert Wieland freimütig zu, dass auch er dort dereinst sein Haupt zur letzten Ruhe betten dürfe. Ein Schriftverkehr entspinnt sich über die Gestaltung des Monuments; die Briefe und Akten hat der emsige Wielandforscher vor kurzem entdeckt.

"1805/06 erfahren wir aus diesen Unterlagen von Carl Bertuchs Entwürfen", berichtet Winter. Schon aus dem Jahr 1804 datiert eine erste Skizze in einem Tagebuch des Verlegersohns. 1807 wird der aus Seeberger Sanstein geschlagene Obelisk von Hofbildhauer Karl Gottlieb Weisser vor Ort gesetzt.

Somit ist in Winters Augen klar, warum es 1813 zur feierlichen Beerdigung des greisen, weisen Dichters im Weimarer "Journal des Luxus und der Moden", das Carl Bertuch gemeinsam mit seinem Vater redigiert, lediglich heißt, "ein junger Freund und Verehrer des gefeierten Dichters" habe das Grabmonument entworfen. Öffentliches Eigenlob, zumal im eigenen Blatt, verbietet das freimaurerische Ethos der Bescheidenheit. In Friedrich Justin Bertuchs Haus wird Wieland aufgebahrt, Sohn Carl organisiert das Zeremoniell, und Brüder der Loge "Amalia im Orient" tragen den Sarg.

Freimaurer als Träger der Wieland-Erinnerung

"Zum brüderlichen Andenken Wielands" hat Mitbruder Goethe seinen Nachruf betitelt, der am 18. Februar 1813 bei einer Trauerloge verlesen wird. An sepulkralen Veranstaltungen nahm der Geheimrat nie teil, schon zu Schillers Begräbnis ließ er sich als unpässlich entschuldigen, denn er hasste den Tod und all dessen Belange wie die Pest. Sein Text beginnt mit freimaurerischer Lichtsymbolik und endet in dem Aufruf, die Logenbrüder sollen den "Schatz von Tatsachen, Nachrichten und Urteilen" über den Verstorbenen weitertragen: "woraus denn unsere Nachkommen schöpfen könnten, um mit standhafter Neigung ein so würdiges Andenken immerfort zu beschützen, zu erhalten und zu verklären." Da mag Goethe insgeheim auch an den eigenen Nachruhm gedacht haben.

Sascha Winter jedenfalls hält die These des Jenaer Germanistikprofessors und Wieland-Experten Klaus Manger für plausibel, dass der ruhmreiche Patron von Oßmannstedt just die fortschrittlich-aufklärerischen Freimaurer zu Trägern seiner Erinnerung erkoren habe. Darauf deutet auch seine wenige Monate vor dem Ableben gehaltene Logenrede "Über das Fortleben im Andenken der Nachwelt" hin - und natürlich die freimaurerische Symbolik des Grab-Obelisken.

Heutige Oßmannstedt-Besucher mögen sich somit als Nachfolger einer planvoll initiierten Erinnerungskultur fühlen - oder sie genießen wie weiland der Dichter das Fluidum des Ortes indem sie, selbst da das Denkmal zur Winterzeit gegen Frostschäden eingehaust ist, aus Wielands "Geschichte des Agathon" (1794) zitieren: "Er schöpfte mit der hohlen Hand von diesem Wasser, dessen fließenden Krystall, seiner Einbildung nach, eine wohlthätige Nymfe ihm aus ihrem Marmorkrug entgegen goss. (...) Er legte sich wieder nieder, entschlief unter dem sanft betäubenden Gemurmel der Quelle, und träumte, dass er seine geliebte Psyche wieder gefunden habe"..." In Gedenken Sophiens: Macht diese Szene nicht dort, im kleinen Elysium an den Ufern der Ilm, etwas Selig-Wirkliches nachempfinbar?

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