Max Moor in Weimar: „Ich war ganz gern der Klassen-Lööli“

Dieter Moor hat vor einiger Zeit seinen Vornamen in Max geändert. In seinem Buch „Als Max noch Dietr war. Geschichten aus der neutralen Zone“ erzählt er von seiner Kindheit in der Schweiz. Am Mittwoch startet Max Moor seine Lesetour in Weimar - eine Feuerprobe.

Max Moor erzählt in seinem neuen Buch über seine Kindheit – und sieht Gemeinsamkeiten zwischen Schweizern und Ostdeutschen. Foto: Thorsten Wulff

Max Moor erzählt in seinem neuen Buch über seine Kindheit – und sieht Gemeinsamkeiten zwischen Schweizern und Ostdeutschen. Foto: Thorsten Wulff

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Grüezi, Herr Moor. Wie geht es Ihnen?

Sehr gut, Danke. Ich sitze gerade in Köln und genieße ein Eis. Ich bin schon etwas aufgeregt vor meiner Lesung.

Wie kommt‘s?

Es ist die Stunde der Wahrheit. Als Autor kannst du in deiner Schreibstube hocken und etwas in den Computer tippen. Plötzlich bist du dann aber eben nicht mehr im Elfenbeintürmchen, sondern mit Menschen aus Fleisch und Blut konfrontiert. Die Horrorvision ist, dass die Leute am Ende mit müdem Auge höflich drei Mal in die Hände klatschen. Dann weißt du, es war ein Flop. Das ist schon hart.

Ist Ihnen das schon einmal passiert?

Bei den letzten zwei Büchlein nicht, da bin ich sehr nett behandelt worden. Aber die haben ja auch in Brandenburg gespielt. Das war für die Menschen im Osten von Deutschland natürlich grundsätzlich interessant: Was schreibt einer über uns, der von außen kommt? Aber was interessiert die Leute ein Schweizer Bube in den 1960er Jahren? Ich hoffe, dass es ab und zu lustig ist, dann könnte es funktionieren. Nach Weimar werde ich mehr wissen.

Zum Anfang des Buchs geht es um Ihre Entscheidung, sich umzubenennen. Sind Sie sauer auf Ihre Eltern, dass sie Ihnen den Namen Dieter so leichtsinnig verpasst haben?

Sauer kann man nicht sagen, ich hab einfach nicht begriffen, warum ich diesen Namen tragen musste, der mir nie gefallen hat. Meine Eltern konnten es mir auch nicht erklären. Vielleicht hätten Sie mir eine gute Geschichte erzählen müssen von einem Drachentöter oder so.

Es gibt ja das Phänomen des „Kevinismus“ ...

Wie?

Kinder, die zum Beispiel Kevin und Chantal heißen, werden angeblich benachteiligt. Haben Sie als Dieter sowas durchgemacht?

Nein, ich glaube nicht, dass ich stigmatisiert wurde, aber es kann durchaus sein, dass Namen einen gewissen Einfluss nehmen. Dazu muss ich sagen: Es gibt ja auch ganz tolle Dieters. Einer, der leider nicht mehr unter uns ist, ist Dieter Hildebrandt. Ich habe mich aber einfach nie mit dem Namen identifiziert.

Warum dann Max, nicht Thomas, Andreas oder Paul?

Keine Ahnung. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Ich wollte immer schon Max heißen, aber davon wurde mir abgeraten. Weil dann würde ich ja ausgelacht werden, wegen Max und Moritz. Was ich nicht verstanden habe. In meinem Buch wollte ich ein für allemal klären, dass es ganz banal ist: Der Name „Max“ hat mir einfach gefallen, mehr war nicht dahinter. Heute finde ich es toll, wenn es aus dem Lautsprecher klingt (mit tiefer Stimme): Max Moor bitte zur Tonprobe.

Trotz des nicht gemochten Namens scheint der kleine Dieter, zumindest im Buch, doch eine schöne Kindheit in der Schweiz gehabt zu haben. An was erinnern Sie sich gerne?

Die Kindheit besteht ja eigentlich aus vielen Illusionen, die man nach und nach verliert. Vielleicht ging es mir da ähnlich, wie den Menschen im Osten. Von Lehrern und Eltern bekommt man ein Weltbild vermittelt, das gut erträglich ist. Nach dem Motto: Wenn du immer auf dem rechtschaffenen Weg bleibst, dann wird alles gut. Oder: Wenn unsere Soldaten stark genug sind, werden wir nie Krieg haben. Diese heile Welt und der Zukunftsglaube vermischen sich zu dem Gefühl, dass alles möglich ist. In den 60er und 70er Jahren hatte man ja erstaunliche Zukunftsvisionen: Im Jahr 2000, dachte man, wird es niemanden mehr geben, der selber putz und kocht. Das werden alles kleine Roboter machen. Wir werden auch niemals im Stau stehen, weil wir alle fliegende, kleine Autos haben. Oder: Mit der Atomenergie werden alle Probleme gelöst sein, weil wir unendlich viel Energie haben.

Eine ziemliche Entzauberung. Sie erzählen von einem Moment, an dem Sie als Kind erkennen, dass die Schweiz nur ein kleiner „Nasen-Böög“ ist. Was für ein Schock!

Genau, das sagen Sie sehr gut, „Nasen-Böög“. Als Kind war schon das kleine Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, relativ groß. Und ich dachte, vielleicht schafft man es im ganzen Leben, die Schweiz kennenzulernen. Aus meiner Sicht hätte man dann ja auch schon fast die Welt kennengelernt – weil die Schweiz ja so riesig ist, dass da viel mehr nicht sein kann. Auf dem Globus meines Großvaters entdeckte ich dann, wie winzig, winzig klein das Land eigentlich ist. Das war der erste Realitätsschock.

Möglicherweise haben einige Schweizer diese Erkenntnis nie gewonnen, oder?

Das ist in der Tat so, Sie formulieren das sehr diplomatisch. Aber vielleicht ist das nicht nur ein Schweizer Problem. Der Mensch neigt dazu, sich selbst und alles, was ihn umgibt, als Mittelpunkt des Universums zu sehen, weil er ja tatsächlich der Mittelpunkt des eigenen Lebens ist. Das kann man nicht unbedingt vorwerfen. Es wird nur peinlich, wenn man versucht, geopolitisch zu denken und weltoffener zu sein. Die Schweiz ist sehr bemüht, sich weltoffen zu geben. Man will vielfältiger sein als New York, aber wenn‘s geht, dann doch lieber ohne Ausländer. Wie das gehen soll, überlegt sich niemand.

Sie schämen sich fremd?

Sozusagen. Peinlich finde ich zum Beispiel auch die Illusion, der Deutsche wie Schweizer immer mehr verfallen. Dass jeder Ausländer auf der ganzen Welt nur ein Lebensziel habe, nämlich in die Schweiz zu kommen, eine Schweizerin zu heiraten und einem Schweizer den Platz in einem öffentlichen Verkehrsmittel wegzunehmen. Sie können sich nicht vorstellen, dass es tatsächlich Leute gibt, die gerne da bleiben würden, wo sie sind, wenn es die Umstände erlauben würden. Diese Illusion aufrecht zu erhalten, finde ich wirklich peinlich.

Sie betreiben mit Ihrer Frau in Brandenburg einen Bio-Bauernhof. Wie läuft es mit den Dorfbewohnern?

Sehr, sehr gut. Unser Hof blüht und wir verstehen uns bestens mit den anderen.

Haben Sie den Mentalitätsunterschied verkraftet?

Den gab es ja erstaunlich wenig, komischerweise. Wenn ich von Gleichaltrigen höre, dass sie auch diesen paramilitärischen Unterricht in der Schule hatten, dann sag ich: Das kenne ich als Schweizer auch! Ich habe auch Uniform getragen und Gleichschritt geübt. Es gibt erstaunlich viele Parallelen: Dieses 60er, 70er-Jahre-Denken zum Beispiel: Bloß nicht auffallen. Was denken wohl die anderen, was reden sie über mich? Manchmal denke ich, dass beide Staaten, obwohl konträre politische Systeme, sich doch von der Mentalität her sehr ähnlich waren.

Aber der Brandenburger ist doch wohl direkter, vielleicht ruppiger als der Schweizer?

Da haben Sie Recht. Das hat vielleicht mit der Landschaft zu tun. Meine ersten Eindrücke vom Brandenburger waren, dass die direkte Absprache gilt. Und wenn er sagt, es gefällt ihm, dann gefällts ihm wirklich und er sagt es nicht nur, weil er höflich sein will. Daran, höflich zu sein, denkt er gar nicht.

Dann lässt man sich auch von der Verkäuferin im Dorf-Laden sagen: „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht.“

Genau. Was will man anderes machen. Die direkte Ansprache habe ich in der Tat sehr, sehr zu schätzen gelernt.

Was hat denn das ostdeutsche Hinterland eigentlich, was die Schweiz nicht hat?

Platz. Und diese Direktheit. Das sind zwei Dinge, die ich immer noch befreiend finde, auch nach 13 Jahren. Man fährt übers Land und sieht nichts außer Land. Der Himmel ist so groß in Brandenburg, sagt meine Frau immer.

In Thüringen ist er etwas kleiner, wegen der Berge...

Ich weiß, das ist für die Thüringer vielleicht auch wohltuend, ab und zu ein paar Hügel zu haben.

Neben dem Leben auf dem Land haben Sie Ihre künstlerische Arbeit, als Schauspieler, Autor, Moderator. Ich frage mich: Wie ist denn der kleine Schweizer „Lööli“, also Depp, eigentlich zur Züricher Schauspielschule gekommen?

Es waren mehrere glückliche Zufälle. Ich war wirklich ein Provinzknabe. Dass man das als Beruf lernen kann, was ich da im Fernsehen sehe, das war außerhalb meines Horizonts. Ich war ja ganz gern so ein Klassen-Lööli und auch ein bisschen Klassenclown. Da wollte ich mal gucken, was Fachleute zu dem sagen, was ich da so treibe. Sie luden mich zur Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule ein. Und erstaunlicherweise habe ich bestanden und auch das Diplom gemacht.

Was haben Ihre bürgerlichen Eltern dazu gesagt? Ihr Vater war Versicherungskaufmann ...

Er war toll. Ich hatte schon eine Geigenlehre hinter mir, und mein Vater war bereit, mir ein Studium zu finanzieren. Als ich sagte, ich wolle Schauspieler werden, war er begeistert. Wahrscheinlich war er froh, dass ich überhaupt wusste, was ich werden will. Er hatte sich vorgenommen, jedem seiner Kinder zwei Ausbildungen zu finanzieren.

Ihre Leser kennen ja jetzt einige Episoden aus Ihrem Leben. Was wird die nächste, von der Sie erzählen?

Das weiß ich noch nicht. Vielleicht wäre es ganz lustig, die Theaterwelt zu beschreiben, in überdrehter oder überhöhter Form. Ich weiß aber auch, dass das viele Menschen gar nicht interessiert. Mal sehen. Ich bin erst mal neugierig und ängstlich, was die Lesung in Weimar betrifft, und ich glaube, dann bin ich auch froh, ein Jahr lang nicht zu schreiben.

10. Juni, 20 Uhr, mon ami in Weimar