Christoph Prégardien: "Bach hilft, uns auf den Kern unseres Daseins zu besinnen"

Als Sänger und Evangelist: Der Weltklasse-Tenor eröffnet die Thüringer Bachwochen.

Christoph Prégardien macht auf großer Europatournee in Arnstadt Station. Archivfoto: Rosa Frank

Christoph Prégardien macht auf großer Europatournee in Arnstadt Station. Archivfoto: Rosa Frank

Foto: zgt

Arnstadt. Mit einer Premiere beginnen in Arnstadt am Sonnabend in 14 Tagen die diesjährigen Thüringer Bachwochen. An authentischem Ort - der junge Bach hatte hier seine erste Organistenstelle - steht die Matthäuspassion auf dem Programm. Doch Weltklasse-Tenor Christoph Prégardien singt nicht nur die Partie des Evangelisten, sondern er dirigiert auch die Aufführung mit Le Concert Lorrain und dem Balthasar-Neumann-Chor. Wir sprachen mit dem sympathischen Künstler, den wir gestern, kurz vor seinem Aufbruch zu einer Europatournee, noch zu Hause am Niederrhein telefonisch erreichten.

Wenn ich Ihre Terminliste für die nächsten drei Wochen anschaue, lese ich lauter Weltstädte: Oslo, Metz, Luxemburg, Antwerpen, Arnstadt, Cuenca ... - Arnstadt?

Arnstadt ist auch eine Weltstadt. Wenn Sie Cuenca wegen des Festivals dazurechnen, ist Arnstadt schon lange eine - mindestens im Bachischen Kosmos.

Welche Strapaze muten Sie sich zu: In so kurzer Zeit neun Mal die Matthäuspassion zu singen und zu dirigieren?

Na ja, ich dirigiere ja alle Konzerte, singe aber nur zwei Mal. Das hat folgenden Hintergrund: Als wir vor drei Jahren mit der Johannespassion auf Tournee waren, habe ich darum gebeten, dass ich nur dirigieren darf. Das haben alle akzeptiert, nur der Veranstalter in Luzern wollte unbedingt, dass ich außerdem den Evangelisten singe. Weil es schon das zwölfte Konzert war und wir gut eingespielt waren, habe ich mich darauf eingelassen - und es war eine so tolle Erfahrung, dass ich das dieses Jahr mit der Matthäuspassion in Luzern wieder so machen werde. Weil wir im Tourneeplan keine andere Gelegenheit haben, um diese Besetzung zu proben, als vor dem Arnstädter Auftritt, machen wir es dort auch so. Außerdem ist es immer etwas Besonderes, in der Bachkirche den Evangelisten zu singen.

Das erleben selbst erfahrene Hörer sehr selten, dass ein Sänger zugleich dirigiert. Worin liegen die Fährnisse, worin die Gestaltungsoptionen?

Wie oft ich die beiden Bach-Passionen gesungen habe, kann ich gar nicht sagen. Und natürlich ist über die Jahre der Wunsch gereift, auch einmal Aufführungen leiten zu dürfen. Mein großes Vorbild ist darin Peter Schreier. Ich wollte ihn nicht kopieren, denn das Dirigieren habe ich nicht studiert, sondern es mir erst später erarbeitet. Die Gesamtleitung inne zu haben, wäre mir also Ar­beit genug. Trotzdem hat irgendwann die Unvernunft gesiegt, das Luzerner Erlebnis vor drei Jahren war einfach zu stark: Man hat nicht nur die Verantwortung als Dirigent, sondern darf auch die dramatische Situation selbst - als Evangelist - erzählen. Diese Doppelfunktion zehrt enorm an den Kräften. Aber es ist unbeschreiblich.

Dabei gilt auch für Sie die Devise, dass einem Dirigenten, der einen Prégardien als Evangelisten zur Seite hat, überhaupt nichts passieren kann!

Glauben Sie? Dem Evangelisten kann wenig passieren. Dem Dirigenten schon. Aber im Ernst: Die Wechsel vom Dirigieren ins Singen und umgekehrt muss man sehr gut probieren, denn das eine geschieht frontal und das andere mit dem Rücken zum Publikum. Mitunter muss ich mich also sehr schnell umdrehen, ohne dass es gehetzt wirken darf.

Geht ein Sänger nicht mit viel Emphase zu Werke, während ein Dirigent unbedingt jederzeit die Kontrolle behalten muss?

Genau. Das ist, was ich lernen musste und was, wenn ich zudem singe, es so viel schwieriger macht: weil ich die Emphase fürs Singen brauche - und dann abrupt umschalten muss. Am Anfang habe ich ebenso impulsiv und emotional dirigiert - das werden Sie an einigen Stellen immer noch bemerken. Trotzdem muss die Kontrolle im Vordergrund stehen.

Im Hause Bach war seinerzeit immer die Rede von der "großen Passion". Ragt sie für Ihr Empfinden wirklich so weit über das Schwesterwerk nach Worten Johanni heraus?

Nein. Das Attribut "groß" bezieht sich sicherlich auf die Innerlichkeit und auf die schiere Länge der Matthäuspassion. Für mich gibt es da keine Rangfolge. Die Johannespassion ist so dramatisch und opernhaft. In der Matthäuspassion steht hingegen das persönliche Erlebnis der Geschichte durch den Einzelnen und in der Gemeinde viel stärker im Mittelpunkt. Sie hat weit mehr Arien und Ariosi, die der inneren Betrachtung gewidmet sind. Und schließlich die Hauptfigur: In der Johannespassion ist Christus König, der souverän die Situation durchleidet, in der Matthäuspassion ist er viel mehr Mensch - mit großer Angst, mit Zweifeln und Schwächen. Mich berührt das sehr; jetzt auf Tournee singt Dietrich Henschel diese Partie.

Apropos Solisten: Sie haben noch einen zweiten Prégardien dabei, Julian, Ihren Sohn, der dieselbe Stimmlage hat wie Sie! Macht er alles richtig?

Oh ja! - Natürlich macht niemand immer alles richtig. Aber er ist ganz großartig in dem, was er tut: weil er so authentisch ist. Er ist kein typischer "Stimmbesitzer", sondern sehr expressiv, und ich finde es bewundernswert, wie er trotz der Belastung durch den Namen es geschafft hat, sich durchzusetzen. Für ei­nen jungen Menschen ist es viel schwieriger, andauernd nach dem Vater gefragt zu werden, als umgekehrt. Er meistert das sehr gelassen. Leider werden Sie ihn in Arnstadt nicht als Evangelisten hören ...

Diskutieren Sie miteinander über die Partitur?

Es steht auf der Tournee zum allerersten Mal bevor, dass er singt und ich dirigiere. Wir haben bisher noch nicht geprobt. Wir werden sicher über das eine oder andere sprechen, aber ich werde ihm in seine Belange nicht hineinreden.

Sie wechseln sich auf der Tour zu zweit und mit James Gilchrist als Evangelist ab?

Richtig. Darauf freuen wir uns, und jeder soll seine Eigenheiten pflegen. Der Evangelist kann stilistisch nicht viel falsch machen, er muss die Geschichte erzählen. Dass die beiden Anderen das anders machen als ich, kann ich gut ertragen.

Zu Bachs Zeiten war eine "musicirte Passion" das Ereignis des Jahres. Gilt das noch?

In vielen Gegenden Europas und der Welt ist das noch so. Es heißt, dass das Publikum dafür schwinde - ich bemerke dies nicht. Was wir anbieten, besitzt eine solche musikalische Größe und Kraft, dass ich dessen auch beim Zuhören niemals müde werden könnte.

Würden Sie es akzeptieren, wenn thüringische Heidenkinder sich von der Musik anlocken lassen ...

... aber natürlich!

... und sich für zwei Stunden von dieser Spiritualität einfangen und bezaubern lassen?

Ja, das passiert. Bachs Musik hilft uns, uns auf den Kern unseres Daseins zu besinnen. Dafür muss man nicht streng religiös sein - auch wenn für mich - ich bin katholisch erzogen worden - jede Aufführung ein Gottesdienst ist. Aber man kann sich in die Matthäuspassion hineinfallen lassen, um Kontemplation und Empathie zu erleben. Das bleibt jedem Hörer selbst überlassen.

Eröffnung der Bachwochen am 28. März, 19.30 Uhr, in Arnstadt. Ticket-Hotline: 0361/37420 oder online

Bachwochen-Homepage

Homepage Prégardien

Zu den Kommentaren