Ein verwaister Schüler Midori Seilers

Seit seine Weimarer Professorin weg ist, übt Leopold Nicolaus, Student an der Barockvioline, meistens allein.

Nur Franz Liszt hört zu: Vorm Denkmal des Hochschul-Namenspatrons spielt Leopold Nicolaus ein Ständchen auf der Barockvioline. Ob ihm der Geist des großen Virtuosen, der selbst ein begnadeter Lehrer war, helfen kann? Foto: Peter Michaelis

Nur Franz Liszt hört zu: Vorm Denkmal des Hochschul-Namenspatrons spielt Leopold Nicolaus ein Ständchen auf der Barockvioline. Ob ihm der Geist des großen Virtuosen, der selbst ein begnadeter Lehrer war, helfen kann? Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Traurig sieht Leopold Nicolaus schon wegen des roten Hütchens nicht aus, das er gern über den Haarlocken trägt. Aber innerlich ist der 18-Jährige tief betrübt. Seit zwei Monaten studiert er Barockvioline in Weimar. Doch seit zwei Wochen hat er keine Lehrerin mehr. Professor Midori Seiler war eine Lotsin für den jungen Hochbegabten in der Welt der Musik. Ende Mai musste sie die Franz-Liszt-Hochschule verlassen.

Nicolaus hat sich im April als erster Weimarer Bachelor-Student für Barockvioline eingeschrieben, um mit "seinem" Ins­trument von Grund auf Alte Musik spielen zu lernen. Mit der bestandenen Aufnahmeprüfung ging für ihn ein Traum in Erfüllung. Und schlagartig stürzt er jetzt in ein Vakuum.

Obwohl der Weimarer Unterricht in seinem Hauptfach ausfallen muss, findet der junge Student sich trotzdem Tag für Tag an der Hochschule ein. "Ich höre Pflichtvorlesungen, zum Beispiel in Gehörbildung und Musikgeschichte", erzählt er. Und dann geht er üben. Allein. Jeden Tag, wann immer ein Raum frei ist. "Ich bin ein Typ, der viel üben muss", erklärt er. "Sonst kommt nichts dabei heraus."

Das Problem, das er ganz für sich allein probiere, wiegelt Nicolaus mit sonnigem Gemüt ab: "Midori Seiler hat gesagt, dass man sein eigener Lehrer sein soll", sagt er verschmitzt. Gemeint hat sie das wohl eher philosophisch: aufmerksam in sich hineinhören, die Fähigkeit zur Selbstkritik entwickeln und selbstständig einen Weg finden.

Privates Vorspiel im Konzerthaus Berlin

Soweit, um auf eigenen Füßen zu stehen, ist der gebürtige Berliner noch nicht. Als Achtjähriger hat er mit der Musik angefangen und schnell entdeckt: "Das Klavier gefiel mir gar nicht." So kam er zunächst zur halben Geige, er wuchs in der Musikschule und das Instrument mit ihm. Vor fünf Jahren fand er das erste Mal nach Weimar, ans Musikgymnasium Schloss Belvedere. Mit dem Abitur hatte er da bereits weniger im Sinn, eigentlich will er ja nur Musik machen. Nach einem Jahr ging er zurück und genoss privaten Einzelunterricht in Berlin.

Irgendwann fiel dem Geigenbesessenen eine CD in die Hände, Vivaldis "La Stravaganza" mit dem britischen Barockgeiger Andrew Manze. Da war klar: "Das wollte ich auch machen." Nur die Lehrerin fehlte. Mutter Nicolaus hatte Midori Seiler im Konzert gehört, und die Familie beschloss, der berühmten Virtuosin zu schreiben. Immer noch wundert sich Leopold, wie unkompliziert das ging: Prompt durfte er vorspielen, abends in einem Probenraum des Berliner Konzerthauses - kurz vor ihrem Auftritt.

Heute kann er sich nur noch erinnern, dass es an diesem Tag geschneit hat. "Es muss im Frühjahr 2012 gewesen sein", rechnet er. "Damals hatte ich eine normale Geige und einen billigen Chinabarockbogen." Aber sie hat ihn genommen. Zunächst sogar als Privatschüler. Binnen eines Jahres war der junge Barockist reif für die Aufnahmeprüfung an der Hochschule.

"Das war optimal", befindet Nicolaus rundweg. Kein Wunder - zählte er doch zu der kleinen Elite, die Einzelunterricht im Hauptfach bei Midori Seiler genoss. "Sie ist eine starke Persönlichkeit", sagt er. "Also ist man durchaus gefordert im Unterricht." Obwohl er unter ihrem Abschied leidet, zeigt der junge Geiger Verständnis dafür, dass die international gefragte Konzertvirtuosin statt der anstehenden Entfristung an der Liszt-Hochschule keinen neuerlichen Zeitvertrag akzeptiert hat. Er sagt: "Ich kann das voll und ganz nachvollziehen."

Und jetzt? Weil so schnell ersatzweise kein Lehrbeauftragter für Barockvioline gefunden wurde, darf zumindest Nicolaus einmal pro Woche zum Unterricht nach Berlin fahren. Dort hat Stephan Mai, Konzertmeister der Akademie für Alte Musik, für ihn etwas Zeit. - Warum er nicht einfach zur modernen Geige zurück wechselt? "Nee", sagt er fest. "Das wollte ich nicht." Lie­ber Vivaldi als Tschaikowsky. In den Klang der Darmsaiten ist er verliebt. "Es ist", versucht er sich verständlich zu machen, "doch ein anderes Instrument!"

Leopold Nicolaus schweigt. Ziemlich verträumt wirkt er, in­trovertiert. Dabei weiß er genau, was er kann. Was er will. Er habe ja auch mal ein bisschen Balkanmusik gespielt, verrät er dann. Und schiebt nach: "Was übrigens auf alten Instrumenten viel authentischer klingt." Der Umzug, die Miete, das Semester in Weimar, die Kosten? Er zuckt mit den Achseln.

Im Herbst will er sich in Weimar zurückmelden, "um zu gucken, ob Midori Seiler wiederkommt". Sonst sieht er nur die Alternative, sich an einer anderen Hochschule zu bewerben. "Aber wahrscheinlich nicht in Deutschland."

Seilers Abschied stürzt Studenten in die Misere

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Zur Homepage Midori Seiler

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