August Bebel - ein Politiker, dem die Massen vertrauten

Der "Vater der Sozialdemokratie", ein beharrlicher Streiter für Gleichberechtigung und den Acht-Stunden-Tag, ist vor 100 Jahren gestorben.

Um 1900 entstand diese Aufnahme von führenden Mitgliedern der SPD: In der hinteren Reihe 3.v.l. Wilhelm Liebknecht, in der vorderen Reihe 3.v.l. August Bebel. Foto: dpa

Um 1900 entstand diese Aufnahme von führenden Mitgliedern der SPD: In der hinteren Reihe 3.v.l. Wilhelm Liebknecht, in der vorderen Reihe 3.v.l. August Bebel. Foto: dpa

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"Künder und Kärrner im Kaiserreich" titelte Brigitte Seebacher-Brandt 1988 eine Biografie über August Bebel, den Sozialdemokraten. Visionär und rastlosen Parlamentarier! Der 1840 in den Kasematten von Deutz bei Köln unter dürftigen Verhältnissen geborene Bebel durchlief die harte Schule eines armen Handwerksgesellen, der aus persönlicher Not nach der Solidarität Gleichgesinnter suchte und wissen wollte, was die Welt der Arbeiter im Innersten zusammen hält.

Die Frühgeschichte der deutschen Sozialdemokratie wird in der Regel an ihren Programm- und Strukturfragen dargestellt: Arbeiterbildungsvereine, Lassalles "Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein" (ADAV), Auseinandersetzung mit liberalen Ideen, bis hin zur Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1869 in Eisenach. August Bebel hat die Debatten zunehmend beeinflusst, obwohl ihm die Erfahrungen der Revolution von 1848/49 fehlten. Der Beginn seiner politischen Tätigkeit fiel zeitlich in die Endphase des Ringens um Deutschlands Einheit.

Ehe der gelernte Drechsler Bebel 1863 nach Leipzig, in das "rote Sachsen", kam - Ferdinand Lassalle gründete hier im Mai den ADAV - hatte er Sympathien für Preußen und das preußische Militär besessen. Während er 1866 in Leipzig begann, sich mit der sozialistischen Theorie und Praxis zu beschäftigen ("Ich bin ... wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten."), wurde der Deutsche Bund zerstört, Österreich bei Königgrätz von Preußen geschlagen und der Norddeutsche Bund gegründet: Reichskanzler Bismarck setzte die Reichseinheit mit "Blut und Eisen" durch.

Bebel fordert gleiches Wahlrecht für die Arbeiter

Bebels Freund Wilhelm Liebknecht schäumte, forderte den Volkskrieg der Deutschen gegen Preußen. Bebel selbst trug den Realitäten Rechnung. Keine Trennung der Arbeiter von Demokraten und Liberalen! Beachtung der Interessen der süddeutschen Staaten, kritische Dis-tanz zur Übermacht Preußens, denn es gab nicht nur die nationale Frage. Die soziale Befreiung des ar­beitenden Volkes verlangte keinen klein- oder großdeutschen Nationalismus, sondern die geduldige Organisierung der Ar­beiter in einer Partei, in Gewerkschaften und die Vertretung ihrer Interessen in den Parlamenten.

Lassalle forderte mit dem ADAV zwar: "Der Arbeiterstand muss sich als selbstständige politische Partei konstituieren und das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu dem prinzipiellen Losungswort und Banner dieser Partei machen. Die Vertretung des Arbeiterstandes in den gesetzgebenden Körpern Deutschlands - dies ist es allein, was in politischer Hinsicht seine legitimen Interessen befriedigen kann." Aber Bebel störte sich an der scharfen Abgrenzung Lassalles von den Nationaldemokraten, an dessen "ehernem Lohngesetz", an den inneren Querelen in der Führung des Vereins nach Lassalles Tod im Jahre 1864 und an den Hoffnungen, der Staat würde die soziale Lage der Arbeiter verbessern.

Bebel lernte, dass politischer und sozialer Kampf für jede proletarische Partei eine Einheit bilden müssen. Über die "Sächsische Volkspartei" kam es 1869 in Eisenach zur Gründung der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei". Diese zweite übergreifende deutsche Arbeiterpartei forderte ebenfalls politische und soziale Rechte für die Arbeiter. Aber sie war im Unterschied zum Verein Lassalles demokratisch strukturiert und bekannte sich demonstrativ zu den Grundsätzen der Internationalen Arbeiterassoziation.

August Bebel definierte den Begriff der "Arbeiterklasse" in der Broschüre "Unsere Zeit" als ein breites Bündnis lohnabhängiger Menschen in der ganzen Gesellschaft. Für deren Rechte setzte er sich als Abgeordneter im Reichstag des Norddeutschen Bundes genau so ein, wie er die preußische Gewaltpolitik gegenüber den deutschen Staaten attackierte. Bismarcks Vertraute mussten bereits damals neidvoll anerkennen: "Bebel ist nicht allein ein hervorragender Naturredner, sondern er hat auch eine staatsmännische Ader, die seinen Reden ein gewisses höheres Gepräge verleiht, so dass sich im parlamentarischen Betrieb nur wenige mit ihm vergleichen und messen können."

Gleichzeitig nannten sie ihn, wie auch die Abgeordneten der Lassalleaner "Vaterlandsverräter", weil die Sozialisten während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 für dessen sofortige Beendigung ohne jegliche Annexionen und gegen die Bewilligung von Kriegskrediten stimmten.

Bebel war sich klar darüber, das neue Deutsche Reich und die junge Arbeiterpartei würden für ihn, den "Kärrner", schwere politische Lasten bereithalten. Er erklärte im Reichstag: "Das mit ‚Blut und Eisen‘ mühsam zusammengeschweißte Reich ist kein Boden für die bürgerliche Freiheit, geschweige für die soziale Gleichheit! Staaten werden mit den Mitteln erhalten, durch die sie gegründet wurden. Der Säbel stand als Geburtshelfer dem Reich zur Seite, der Säbel wird es ins Grab begleiten!" So sprach ein Realist und "Künder".

Die Antwort folgte auf dem Fuße. 1872 wurden Bebel und Liebknecht im Leipziger Hochverratsprozess zu jeweils zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Bebel konnte noch so sehr beteuern: "Unsere Partei ist keine Partei der Putsche, keine Partei, die Krawalle und Putsche auf ihre Fahnen geschrieben hat." Die soziale Revolution sollte ein Prozess friedlicher Umgestaltung sein, die zur Gerechtigkeit in der Gesellschaft führten.

Das solidarische Echo auf das Gerichtsverfahren in der Bevölkerung und die umfangreichen Studien während der Festungshaft bestärkten Bebel in der Erkenntnis, dass der mit der Reichseinigung verbundene wirtschaftliche Aufschwung die sozialen Fragen schärfer denn je auf die Tagesordnung rief und dass es gute Aussichten gab, die beiden Arbeiterparteien zu vereinigen. Bismarck erhöhte den politischen Druck auf die Bestrebungen der Arbeiter, eine selbstständige Rolle spielen zu wollen. Gleichzeitig verschärften sich zwischen den Sozialisten die Auseinandersetzungen über Ziele und Wege ihrer Bewegung.

Gothaer Programm wird von Marx und Engels kritisiert

Mit der dem Gründerboom folgenden Krise traten in den Jahren 1875/77 alle Konflikte offen zu Tage. Eisenacher und Lassalleaner vereinigten sich 1875 in Gotha mit einem Kompromissprogramm zur "Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands", das den scharfen Widerstand von Marx und Engels hervorrief. In den "Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei" kritisierten sie nicht nur das "eherne Lohngesetz" Lassalles, sondern entwarfen ihr Bild von einer modernen klassenlosen Gesellschaft.

Nur wenige Sozialdemokraten kannten das Papier. Bebel, noch im Gefängnis, betrachtete sich als "Wissenschaftli-chen Sozialisten", schrieb ein eigenes Parteiprogramm, stimmte letztlich aber dem Kompromiss in der Hoffnung zu, das "Lassalle'sche Gift" im politischen Kampf neutralisieren zu können. Der Gründerkrach bedrohte nicht nur die unternehmerische Existenz des Drechslermeisters Bebel. Unter den Arbeitern gärte es. Die Sozialdemokraten konnten bei den Reichstagswahlen 1877 zwölf Mandate erringen. Neue Möglichkeiten im parlamentarischen Kampf beflügelten Bebel, den Reichstag nicht nur als Tribüne politischer Agitation zu betrachten, sondern praktische politische Ergebnisse beim Wahlrecht, zur Gleichberechtigung der Frauen oder zur Rechtssicherheit der Arbeiter zu erreichen.

Reichskanzler Bismarck nutzte 1878 zwei erfolglose Attentate auf Kaiser Wilhelm I.: Im Oktober ließ er im Reichstag das "Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" beschließen. Die Regierung konnte die Partei und ihre Organisationen verbieten, Existenzen zerstören, aber nicht das Reichstagsmandat August Bebels aufheben.

Die Parteizeitung wird ins Reich geschmuggelt

Auf die Abgeordneten um Bebel kamen faktisch alle Aufgaben zu, die eine Programm- und Parlamentspartei der Arbeiter in jener Zeit erfüllen musste und konnte. Dazu rechneten die organisatorische und finanzielle Bestandssicherung. In Zürich und London erschien als zentrales Kommunikationsorgan "Der Sozialdemokrat" und wurde nach Deutschland geschmuggelt. Seine Gegner mussten voller Argwohn zugeben, dass der Abgeordnete Bebel in die Rolle der zentralen Persönlichkeit seiner verbotenen Partei hineinwuchs.

Bebel setzte, der Not gehorchend, durch, dass die Reichstagsfraktion die Parteiführung übernahm und dass "Der Sozialdemokrat" das Zentralorgan der Partei wurde. Zwischen den Parlamentsdebatten, Wahlkämpfen, öffentlichen Reden und Artikeln galt es in einer so fragilen sozialistischen Partei, immer wieder ganz persönliche Erfahrungen zu sammeln: Die Partei Bebels verfügte nur über die tagtäglichen Ergebnisse in einem politischen Kampf, der von den Machtinteressen Preußens und des Reichs diktiert wurde. Wie aber sollte die praktische Politik mit dem von Marx und Engels postulierten Ideal einer klassenlosen und gerechten Gesellschaft in Übereinstimmung gebracht werden, wenn es in der Partei selbst sehr differenzierte Ansichten zur Theorie und zu deren Verbindung mit der Praxis gab? Diese Frage stellte sich Bebel oft genug.

Er blieb ein Suchender, der sich in erster Linie als Parteivorsitzender im Dienst der Arbeiter-klasse verstand, der das Sozialistengesetz Bismarcks sogar als taktisches politisches Manöver relativierte und dem die Parlamentsarbeit zunächst ein unvermeidliches Übel schien. Der be-rühmte Satz Bebels bei der Debatte über den Militäretat der Regierung: "Diesem System keinen Mann und keinen Groschen" war auch ein Votum gegen den Zwang zum parlamentarischen Kompromiss an sich. Doch sein Pflichtgefühl sagte ihm: "Mein persönlicher Wunsch wäre, ich hätte mit dem Parlamentarismus nichts zu tun; ich sehe aber ein, dass ich, einmal vor den Parteikarren gespannt, auch dort mithalten muss, so lange mir das in Ehren möglich ist."

Bismarck scheiterte 1889 mit dem Sozialistengesetz, weil er das Wesen der Arbeiterfrage nicht begriffen und Bebels Sozialisten vielfältig organisiert im Volk gewirkt hatten: Etwa 20 Prozent der Wähler stimmten 1890 bei den Reichstagswahlen für die Sozialdemokraten. Jederzeit neuer Angriffe aus den bürgerlichen und monarchistischen Lagern gewiss, bewies die Partei Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit, als sie sich 1891 in Erfurt ein neues Programm gab. Trotzig und demonstrativ bekannte sie sich zur Marx‘schen Kapitalismustheorie, verzichtete aber gleichzeitig auf das Ziel einer proletarischen Revolution und erhob stattdessen politische Forderungen nach demokratischen Veränderungen im bestehenden Gesellschaftssystem: Allgemeines und gleiches Wahlrecht, Achtstundentag, sozialer Schutz für die Arbeiter usw.

Trotz Dissens bleibt Bebel der große Integrator

Der alte Konflikt der Sozialisten zwischen dem theoretischen Anspruch, einer sozialen Utopie dienen zu müssen, und der praktischen Politik, in der es nur um das machtpolitische Kalkül ging, begann in der Sozialdemokratischen Partei (SPD) eine neue Runde. Das Theorie-Praxis-Problem spaltete die Partei und provozierte scharfe Angriffe der politischen Gegner. Es war ein Phänomen, dass der ideologische Kampf für und wider die Dogmen die Partei nicht mehr zur Ruhe kam und dass August Bebel dennoch bis zu seinem Ableben trotz vieler Kritik nahezu unangefochten als Vorsitzender an der Parteispitze wirkte. Er blieb der charismatische sozialistische Messias, einer der wenigen Politiker, denen die Massen im jungen Kaiserreich zuhörten und denen sie vertrauten.

Der Grundzug zur sozialen Revolution und zum Sturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung durch die Arbeiterklasse war für Bebel ein gesetzmäßiger Prozess, der nicht durch eine einzelne und allein führende Partei vorangetrieben werden konnte. Der "große Kladderadatsch" stand nach seiner Ansicht bald bevor, und der Garant war für ihn die internationale Vereinigung der Sozialisten und Arbeiter.

Bebel war überzeugt: "Den ungeheuren Anhang und das Vertrauen in den Arbeitermassen haben wir nur, weil diese sehen, dass wir praktisch für sie tätig sind und sie nicht nur auf die Zukunft des sozialistischen Staates verweisen, von dem man nicht weiß, wann er kommen wird." Fern- und Nahziele der Partei standen zwar in einem inneren Zusammenhang, bedingten einander aber nicht in jedem Fall.

Mühsam wirbt er für Bündnisse mit den Bürgerlichen

Im sozialistischen Theorie-Praxis-Streit musste diese Art Bebelscher Dialektik auf Widerstand stoßen. In einer extrem ideologisch determinierten Partei wie der SPD traten alle Schattierungen gegeneinander auf: von den Linksradikalen bis zu bürgerlichen Reformern. Bebel musste immer wieder vermitteln, ausgleichen, die Partei zusammenhalten - ohne die Aufgaben und Ziele aus den Augen zu verlieren und ohne zu vergessen, dass Deutschland ein föderatives Reich mit unterschiedlichsten regionalen Interessen - auch in der SPD - war. Bebel benötigte z."B. zwei Jahrzehnte, bis er seine Genossen in der Parteiführung überhaupt davon überzeugen konnte, dass es im eigenen Interesse stand, mit bürgerlichen Parteien Bündnisse bei den Reichstagswahlen einzugehen. Als ob die Angriffe der politischen Gegner nicht genügten, begab sich die Partei durch ihre Streit um Theorien und Prinzipien realer politischer Gestaltungsmöglichkeiten. Charakteristisch wurde dafür der von Eduard Bernstein ausgelöste "Revisionismusstreit". Bernstein propagierte den Verzicht auf jegliche marxistische Orthodoxie und die Beschränkung auf den Charakter einer linksorientierten bürgerlichen Reformpartei. Bebel war zwar mit Bernstein befreundet, aber das ging zu weit.

Zwischen den Parteiflügeln gibt es harte Fronten

Bebel handelte in der Überzeugung: "Mit der Infragestellung der Grundsätze ist auch die Taktik infrage gestellt, ist unsere Stellung als Sozialdemokratie infrage gestellt." Seinen Bemühungen um einen Kompromiss war kein Erfolg beschieden. Er geriet zwischen die Fronten, sogar die Parlamentsarbeit nahm Schaden, und Bebel wurde von allen Seiten kritisiert, so dass er geradezu verzweifelt und in Sorge um die Partei ausrief: "Ich will der Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und dieser Staatsordnung bleiben, um sie in ihren Existenzbedingungen zu untergraben und sie, wenn ich kann, zu beseitigen. Solange ich atmen und schreiben und sprechen kann, soll es nicht anders werden."

Das Wort klang wie tönendes Erz und besaß Gewicht bei den Arbeitern. Es erzwang in der Partei zumindest ausgleichende Resolutionen. Doch die politischen Bedingungen verschärften sich schlagartig. Mit der russischen Revolution 1905 nahm der Richtungsstreit in der SPD zu. In den Diskussionen um das Kampfmittel des politischen Massenstreiks erstarkte der radikale Flügel um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Bebel hielt den politischen Massenstreik für keine im Arbeiterinteresse offensiv einsetzbare Waffe: "Wir glauben nicht, dass wir die bürgerliche Gesellschaft mit dem Generalstreik aus den Angeln heben können, sondern wir kämpfen um ganz reale Rechte, die Lebensnotwendigkeiten für die Arbeiterklasse sind, wenn sie leben und atmen will."

Lediglich, wenn der Staat zu "politischen Verbrechen" Zuflucht nimmt, ist auch der politische Generalstreik berechtigt. Außerdem billigte Bebel den Gewerkschaften das entscheidende Wort bei der Ausrufung eines Generalstreiks zu, Ein Vollzug war in Deutschland kaum zu erwarten.

Die Frage des politischen Massenstreiks gewann mit den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts beträchtlich an Brisanz, weil nach dem russisch-japanischen Krieg von 1905 und der Formierung neuer Militärblöcke in Europa die Gefahr weltumspannender Kriege zunahm. Der Internationale Sozialistenkongress diskutierte diese Frage 1907 in Stuttgart. Bebel lehnte dort einen politischen Massenstreik gegen den drohenden Krieg ab, weil der für das innere Parteileben "verhängnisvoll" wäre, und musste sich den Vorwurf gefallen lassen, er wäre zum bürgerlichen Reformisten geworden.

Tatsächlich zeigte sich, dass der alte August Bebel die Partei nicht mehr "im Griff" hatte. Unter den Bedingungen der imperialistischen Massengesellschaft verschärften sich die theoretischen und taktischen Differenzen zwischen den "Leninisten" um Rosa Luxemburg, den "Revisionisten", deren regionale Basis in den süddeutschen Staaten lag und dem "marxistischen" Zentrum der Partei um August Bebel. Jeder Flügel beanspruchte die proletarische Wahrheit für sich.

Vielleicht hat Bebel in der intensiven Parlamentsarbeit eine Kompensation gesucht. Rosa Luxemburgs Kritik, Bebel und die Partei hätten sich im Parlamentarismus aufgegeben, war damals überzogen. Aber Philipp Scheidemann schrieb nicht zu unrecht: "Für Bebel war der Reichstag tatsächlich das Hohe Haus, das er nur in Feiertagskleidung betrat, weil hierher das Volk seine Besten, jedenfalls die schicken wollte, die sein Vertrauen genossen und seine Interessen vertreten sollten."

Der Nimbus als Künder und Kärrner hat weiter Bestand

Für Bebel war das ein Teil der Tradition, mit der er die Partei über das "Sozialistengesetz" gerettet hatte, und einer der wenigen Orte im Deutschen Kaiserreich, an dem ein Sozialist ein offenes Wort wagen konnte, ohne im Gefängnis oder in der Festung zu landen. Das Vertrauen seiner Wähler genoss er auch dann noch, als die kritischen Stimmen in der Partei mehr und mehr überwogen.

Dennoch blieb August Bebel bis zum Schluss die große Autorität in der Partei und bei den Arbeitern- wie eine lebende Legende. Er lebte in den letzten Jahren als kranker Mann in der Schweiz. In der Partei nahm eine neue Generation das Ruder in die Hand. Am 13. August 1913 starb August Bebel in der Schweiz während eines Sanatoriumsaufenthaltes an Herzversagen. Er wurde in Zürich unter großer Anteilnahme der örtlichen Bevölkerung und der internationalen Arbeiterbewegung beigesetzt.

Was bleibt von August Bebel? Nicht mehr und nicht weniger als sein Ruf als "Künder und Kärrner" in den Gründerjahren der SPD, als diese Partei nach ihrem Platz als Vertreterin der sozialen Gerechtigkeit in der Politik des Kaiserreichs gesucht hat. Die SPD hat sich in Deutschland zu einer das System erhaltenden bürgerlich-parlamentarischen Reformpartei entwickelt, die ihre marxistisch-revolutionären Traditionen gerne klein schreibt oder ganz negiert. Aus der Geschichte des Sozialismus im 20. Jahrhundert ist das zumindest erklärbar.

Doch die Geschichte ist unteilbar. Wer zur modernen Sozialdemokratie steht, sollte auch August Bebel in Ehren halten. Niemand verstand es wie er, sozialistische Prinzipienfestigkeit zum Nutzen der Arbeiter und des Volkes mit der Kultur des politischen Kompromisses zu vereinen.

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