Rückblick: So war das Thüringer Theaterjahr 2014

Über emsige Intendanten, eine elanvolle Dirigentin und einen Schauspielmann, der Schneid hat.

"Les Zéros-Morts. Die Schutzlosen": In Altenburg/Gera kam ein überregional beachtetes Projekt auf die Bühne. Foto: Martin Schutt

"Les Zéros-Morts. Die Schutzlosen": In Altenburg/Gera kam ein überregional beachtetes Projekt auf die Bühne. Foto: Martin Schutt

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Weimar. "Am Grunde der Moldau", heißt es in einem Song des alten Bert Brecht, "wandern die Steine." Es muss der Mensch kein Limnologe sein, um zu wissen, was da gemeint ist: die unentwegte Veränderung der Verhältnisse - selbst wenn man an der Oberfläche des gemächlichen Flusses noch nichts davon merkt. Und ebenso ergeht es dem geliebten Biotop unserer Theater und Orchester, da sie nunmehr allesamt als nationales Kulturerbe deklariert, ergo musealisiert und für alle Zeiten geschützt sind.

Trügerisch ist diese Sicherheit. Allzu gern wurde im Wahlkampf und in der Frühphase der neuen Landesregierung kolportiert, man wolle alle Bühnen und Klangkörper bewahren. Doch bereits beim ersten öffentlichen Auftritt präzisierte der nunmehr zuständige Staatskanzleichef, was im R2G-Vertrag steht: "Die Koalition strebt an, dass"..." Natürlich erkenne auch die neue Regierung die Pflicht, wegen verebbender Transfers aus dem Solidarpakt im Landeshaushalt künftig eine von neun Milliarden Euro zu sparen. Ergo sei es am Ende Aufgabe der finanziell zu ertüchtigenden Städte und Landkreise, Prioritäten zu setzen - also für das, was man vor Ort an Kultur als notwendig erachte, auch zu sorgen.

So wird schon emsig gerudert: nicht auf der Moldau, sondern politisch - und zwar zurück. Es ist absehbar, dass kommunale Strategen alte Sparpläne aus der Schublade vorholen, dass womöglich wieder über Fusionen und Sparten- oder Stellenabbau debattiert wird: etwa ob die Bühnen Erfurt und Weimar oder die Orchester Gotha und Erfurt zusammengehen, ob die Thüringer Symphoniker in Rudolstadt wirklich gebraucht werden, ob Meiningen nicht Eisenach ganz mitbespielen soll und ob die Jenaer Philharmonie im Geraer und Altenburger Graben zum Opernorchester umschult.

Wie auch immer: In Eisenach und in Altenburg/Gera regiert bare Not. Was die viel beschworenen Traditionen dann fürderhin nutzen, ist bei Brecht zu hören: "Es liegen drei Kaiser begraben in Prag." Mausetot ist ein jeder und perdu seine Pracht.

Jetzt bloß kein Lamento und keine Unkenrufe! Die Weimarer haben doch gerade erst einen neuen Intendanten gekürt. Hasko Webers erstes Jahr steht un­ter der Devise: "Habe nun, ach! ... mit heißem Bemühn!" Da wird modernes Theater auf die Bühne gebracht, sind namhafte Regisseure am Werk und haben sich die Zuschauerzahlen auf hohem Niveau stabilisiert. Das Schauspiel genießt eine frische Brise, die Oper dümpelt ein wenig. Stücke wie "Lotte in Weimar" oder "Mephisto" beschwören den Genius loci, und Klassiker wie "Reineke Fuchs" oder Lenzens "Hofmeister" erscheinen in jugendlich aufgebürsteter Lesart.

Dennoch stellt sich die Frage: Was bleibt da vom Tage? Wer erinnert sich noch an "Baumeister Solness" oder an die verkorkste Shakespeare-Komödie "Was ihr wollt"? Ja, Juli Zehs "Mutti"- Merkel-Parodie war recht köstlich, und rustikale Komik servierte Webers Team im Wirtshaus "Zum Schwarzen Bären". Teil Eins des hochambitionierten "Existenz - Resistenz"-Projekts "Vom Lärm der Welt" versank ob dramaturgischer Unzulänglichkeiten in der "Suppenküche der Geschichte" (wie die TLZ titelte), so dass Teil Zwei nun als "Wallenstein" getarnt bevorsteht. Vieles - auch in der Oper - war annehmlich. All dies wirkt ein wenig wie tragischer Fleiß. Denn nichts davon hat uns intellektuell/ästhetisch gefordert und nichts fasziniert - so wie das wunderbar poetische, die Zuschauererwartungen virtuos irritierende Gastspiel "Ganesha gegen das Dritte Reich" beim Kunstfest.

Festivals jedoch nehmen wir explizit von unserem Rückblick aus. Das erspart es uns, den un­tertourigen Rockopern-Flop auf den Domstufen nochmals zu verdammen. In Erfurt herrscht ein Gleichmaß der Dinge, die opulenten Ausstattungs-Opern hört man mit den Augen, und ob "Onegin", "Otello" oder Neutö­nerisches von Glanert und Fayt scheint beinahe sekundär. Und doch: Da ist was passiert! Eine junge Frau erobert die Herzen im Sturm - mit ihrer Kunst. Bei Joana Mallwitz, der neuen Generalmusikdirektorin, merkt jeder sofort, dass sie genau weiß, was sie will. Da ahnt der Hörer, dass er Zeuge ist beim Beginn einer eminenten Karriere - und sollte doch übersteigerte Erwartungen vorerst bremsen: Sogar ein Wundertier braucht Zeit, um zu reifen. Wie lehrt uns Brecht? - "Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine." Mit Mallwitz könnte eine spannende Entwicklung eintreten.

Apropos: Brecht haben wir 2014 nur in Rudolstadt wahrgenommen. "Trommeln in der Nacht" kam sehr schulmäßig über die Rampe, und ansonsten spielt man inzwischen im Hause Mensching - "Dinner für Spinner", "Wir wandern wieder" - allzu gern leichte Kost, mit wechselvoller Fortune. Das Beste vom Jahr gab‘s zum Abschluss mit "Staatsfeind Kohlhaas", und dazu überreichen wir noch die goldene Zitrone für einen mit Nordhausen koproduzierten, absolut unterirdischen "Rigoletto". Der klang so, als ob nicht nur die (Nordhäuser) Sängerin der Gilda einen Bandscheibenvorfall erlitten hätte. Sondern alle Beteiligten. Macht es überhaupt Sinn, in einem derart kleinen Haus mit solchem Budget in dieser Qualität Oper zu spielen? Darüber wird demnächst zu debattieren sein.

Die Meininger ficht so etwas nicht an. Ihr Intendant Ansgar Haag nährt seine Abonnenten mit Hausmannskost, doch immerhin schwärmten unsere Rezensenten von Janáceks "Katia Kabanova" und Bellinis "I Puritani". Das Belcanto-Stück gastierte nicht zuletzt in Eisenach und wurde wie stets als "Premiere" camoufliert, obschon das dortige Publikum seine Aversionen gegen die Zwangsbeglückung seitens der Nachbarn nur schwer verwindet.

Das einzige tariflose - also ar­beitsrechtlich wie Freiwild legitimierte - Orchester der Republik, die Landeskapelle, ist indes zu klein, um noch große Oper zu spielen. Es begleitet am liebsten Plucis-Choreografien im Tanztheater, und wenn das Publikum mal nicht dorthin strömt, so erfreut es sich an den Eigenproduktionen des eigentlich für die Jugendarbeit gedachten Schauspiels: Was in Carsten Kochan & Co. an Potenzial steckte, hat man spätestens zum Abschied bei "Woyzeck" bemerkt.

Die Jenaer haben ihr kleines, experimentelles Theater schon fast zur sozialen Skulptur umgemodelt, finden jedoch ihre Klientel. Dass sie mit ihrem "Ubu"-Sommerspektakel reinfielen, lag weder am Regen noch an der Fußball-WM. Aber sonst bleiben wir neugierig und geneigt, gen Osten zu fahren.

Hinter Jena - ja! - da kommt noch was. Mal aus dem redaktionsinternen Nähkästchen geplaudert: Wir reißen uns inzwischen darum, wer zur Premiere nach Altenburg oder Gera fährt. Okay, auch dort gelingt nicht alles. Doch Inszenierungen wie "Peter Grimes", "Rosenkavalier", "Nuit des Hommes" und "Jekyll&Hyde" zeugen von ei­ner klaren Handschrift. Das ist alles andere als gewöhnlich, und davon bleibt etwas haften. Dazu ein vorzügliches Ballett - etwa in Silvana Schröders "KeimZeit"-Choreografie - und ein von Laurent Wagner stabilisiertes Orchester.

Als beispielhaft für diese vorzügliche Gesamtleistung der ostthüringischen Theaterleute un­ter ihrem pfiffigen Rädelsführer Kay Kuntze wählen wir "Les Zéros-Morts. Die Schutzlosen" zur Inszenierung des Jahres. Die Antikenadaption von Schauspieldirektor Bernhard Stengele in Kooperation mit Kollegen des CITO in Ouagadougou, Burkina Faso, trifft, indem es die Flüchtlingsmisere eindringlich thematisiert, voll auf den Nerv unserer Zeit. Wozu, wenn nicht dafür, ist Theater eigentlich da?

Und wenn man weiß, wie dieser Stengele nicht nur bei Proben, sondern auch mit organisatorischer Arbeit jenseits der Bühne gerackert hat, zieht man den Hut. Hat einfach Schneid, dieser Kerl! Dass am Ende sogar die ARD-"Tagesthemen" darüber berichtet haben, vergoldet den ihm gebührenden Lorbeerkranz.

Ob die Zuschauer vor Ort all das auch bemerken und zu schätzen wissen? Ob die Stadträte, wenns demnächst darauf ankommt, die richtigen Prioritäten setzen? - Wir hoffen es sehr. Wir freuen uns auf 2015, und wir schließen für dieses Jahr mit dem so ausnahmsweise optimistisch endenden Brecht-Song: "Am Grunde der Moldau wandern die Steine. / Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. / Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, / dann kommt schon der Tag."

Auf der Theaterbühne wird die Klage der Flüchtlinge zur Anklage