Staats-Streiche im Hinterhof-Idyll: In Jenas Theaterhaus-Parzelle wird gerauft und gefiedelt

Allein wegen dieses Ohrwurms möchte man einen Antrag stellen auf Einbürgerung in ... - ja, was eigentlich? Kommune? Hinterhofgemeinschaft? Kleintheater-WG? Freunde des Gartenzwergs e. V.?

Foto: zgt

Jena. "My state", singen sie zu Cello, Schlagzeug und Gitarren, "this state is my state!" Die Melodie ist zwar geklaut - von Woody Guthrie nämlich, dessen Song "This Land is Your Land" einst zur Hymne der Entwurzelten und Entrechteten in den USA wurde -, doch sie wird hier nach Herzenslust live intoniert, verrockt, vergeigt und geschrammelt.

"My State" - so nennt sich auch die jüngste Produktion im Theaterhaus Jena, die am Mittwoch Premiere hatte. Ein Projekt, für das sich das Zürcher Künstlerteam Far A Day Cage um Tomas Schweigen mit freien Theatergruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbündete. Der Trend, so der ironische Ansatz, führe weg vom anonymen, molochartigen Staatswesen, hin zu kleineren und kleinsten Gemeinschaften, mit denen sich der Bürger noch identifizieren kann. Nieder mit den Nationalstaaten! Es gedeihe das hübsch überschaubare Hinterhof-Idyll!

In "My State" wird die Gründung eines solchen Mikro-Staates in einer Kleingartenparzelle durchgespielt - als Parodie auf wirkliche und gedachte Zustände. Man sieht allmorgendlich die Bewohner des Hauses ins Freie treten und sich im Garten, dem ureigenen Territorium, ergehen (naturalistische Ausstattung: Stephan Weber). Rauchen, rasieren, Kaffee trinken, Rasen sprengen - so der zum Ritual erstarrte Ablauf. Hin und wieder rauft man sich um ein schmales Handtuch und den Platz an der Sonne.

Doch als sich ein seltsam artikulierender Fremder einstellt und über Nacht ein Asylant sein Zelt aufschlägt, ist die Toleranzschwelle überschritten. Ein Verbotsschild wird in die Erde gerammt, Fahnenappelle und Militärparaden lösen einander ab, und nachts wacht nun immer einer mit der Kalaschnikow. Die Kommunarden von heute sind die Kleinbürger von gestern - dargestellt mit umwerfender Komik.

Tomas Schweigen, der in Jena schon "Second Life" und "Memento - Manifest für ein ewiges Leben" inszeniert hat, pflegt das gute alte Improvisationstheater im Stile eines Horst Hawemann. Es gibt keinen Text, nur ein Thema. Die Szenen werden gemeinsam mit den Schauspielern entwickelt und bei der Vorstellung teils per Live-Cam aufgezeichnet. Video, Dokument und Performance überschneiden einander, so dass die Grenzen zwischen Sein und Schein verschwimmen.

Ein Stück ist das nicht, aber rasantes Theater. Denn diese Staats-Streiche sind verrückt, witzig und am Ende sogar ein bisschen melancholisch. Aus Jena wirken in dem siebenköpfigen Ensemble mit: Saskia Taeger, Julian Hackenberg und Vera von Gunten. Was lernt man aus dem 70-minütigen Spiel? Wenn sie staatsbürgerlich parlieren, ihr Territorium verteidigen und um völkerrechtliche Anerkennung buhlen, sind sie außer sich. Bei sich sind sie, wenn sie miteinander musizieren: "This is my ...!" Nein, das Gemeinwesen mit Zukunft liegt nicht im Staat, sondern in der Hausmusik.

Nächste Aufführungen: 30. April sowie am 1., 5., 6., 7. und 8. Mai

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