TLZ-Analyse: Niemand hat die Absicht, ein Theater dichtzumachen

Der für Kultur zuständige Staatskanzleiminister Benjamin-Immanuel Hoff ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden: Bei steigenden Kosten soll das Angebot nicht beschnitten und trotzdem Geld gespart werden. Die möglichen Alternativen beleuchtet Wolfgang Hirsch.

Generalprobe für „Lola rennt“ am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Die Struktur der Thüringer Theater und Orchester könnte sich in den kommenden Jahren unter dem Sparzwang verändern. Foto: Marco Kneise

Generalprobe für „Lola rennt“ am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Die Struktur der Thüringer Theater und Orchester könnte sich in den kommenden Jahren unter dem Sparzwang verändern. Foto: Marco Kneise

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Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), der für die Kultur in unserem Lande zuständige Staatskanzleiminister, hat ein Problem: Er will und soll die Strukturen in der Thüringer Theater- und Orchesterlandschaft verändern, weiß aber nicht, wie. Er kennt nur die Ziele: Er will und soll Geld einsparen, dabei dennoch die soziale Dimension des Künstlerischen stärken und Freiräume für Kreativität erwirken, ohne aber die bürgerliche Repräsentationskultur merklich zu drosseln und die überregionale Attraktivität zu schmälern. Vor allem muss er unbedingt ei­nes: jeglichen Aufruhr im Wahlvolk vermeiden.

Hoff weiß längst, wie brenzlig dieses Arbeitsfeld ist, obwohl es, rein haushalterisch betrachtet, bloß ein Randphänomen in der Landespolitik darstellt: 63,6 bzw. 64,8 Millionen Euro veranschlagt die Regierung im Haushaltsentwurf 2015 und 2016 für die Bühnen und Klangkörper – weniger als ein Prozent der Gesamtausgaben. Aber fast alle Amtsvorgänger im Kulturjob – von Fickel (FDP) über Schipanski bis Goebel (beide CDU) – haben für ihre Kahlschlagvisionen und (leider auch zum Teil realisierten) Abbauphantasien selber schwere Blessuren erlitten.

Kulturbürger protestieren eben, wenn‘s drauf ankommt, öffentlich auf Straßen und Plätzen. So was darf Hoff keinesfalls provozieren, weil es das gesamte Projekt Rot-Rot-Grün in Frage stellen (und auch die eigene politische Karriere ruinieren) würde. Mission impossible? Zu allem Unglück drängt die Zeit, denn die gültigen, von Christoph Matschie (SPD) seinerzeit mit viel Geduld und Augenmaß ausgehandelten Finanzierungsverträge enden Silvester nächsten Jahres.

Mauer des Schweigens

Seit einem DreivierteljJahr führen Hoff und Staatssekretärin Babette Winter (SPD) Vorgespräche: am liebsten und intensivsten mit Intendanten und mit kommunalen Trägern, gelegentlich und recht allgemein mit Mitarbeitervertretern der Theater und Orchester, jedoch nicht mit Gewerkschaftern. Über Sinn und Ziel dieser Gespräche gibt es keine Verlautbarungen. Nicht eine Idee für die „neue Struktur“ ist zu hören. Es herrscht eine Mauer des Schweigens.

Lange hat Hoff die Wogen geglättet, indem er jedem, der danach fragt, sein dialektisches Beißholz hinhält: Alle Standorte, betont er, blieben erhalten, aber mehr Geld gebe es nicht. Inzwischen hat er im TLZ-Interview eingeräumt, dass die Kulturlandschaft aus derzeit zehn Orchestern und acht Theatern den Freistaat erstmal mehr Geld kosten werde. Da meint er aber wohl nur eine Übergangszeit. Denn Hoff will und soll neu Ordnung machen in dieser Welt.

Dabei müssen Profis helfen. Hasko Weber und Guy Montavon, die Intendanten in Erfurt und Weimar, wären dafür prima Kandidaten. Sie kennen schließlich die komplizierten Flächen- und Haustarif-Geflechte ebenso gut wie die pragmatischen Abläufe auf und hinter der Bühne und wissen, wie man mit bis zu vier Gewerkschaften im Hause umgeht.

Beide sind zudem robust und selbst- und machtbewusst genug, um in einem klandestinen Mandat Chancen zu erkennen – für ihre Häuser genauso wie für sich selbst. So schreckt der eine nicht davor zurück, unliebsam recherchierende Journalisten druckvoll zu beschimpfen, während der andere sich am liebsten Hofberichter selbst aussucht und Störenfrieden die Auskunft verweigert. Und wer das etwa autokratisch nennte, hat nicht begriffen, was da auf dem Spiel steht.

Die Meister im Kooperieren

Wie aber nun? Wie geht das: Geld sparen, ohne einen Standort einzubüßen? Trotz 2 bis 2,5 Prozent Kostenaufwuchs pro Jahr. – Na, vielleicht kostet es mal hier oder dort ein paar Stellen oder gleich eine ganze Sparte, falls ein kommunaler Träger sich‘s nicht anders leisten kann. Die Landeskapelle Eisenach und die Thüringen Symphoniker in Saalfeld/Rudolstadt, das Ballett in Nordhausen und mindestens eine große Sparte in Altenburg/Gera sind deshalb höchst gefährdet.

Hoff könnte aber auch anders. Die logische Folgerung aus den politisch desaströsen Erfahrungen seit 1990 lautet: Kann man nicht zwei Theater ohne Proteste fusionieren, so fusioniert man jetzt eben alle. Die neue Bezeichnung dafür heißt „Kooperation“, und das Kooperieren wird längst landauf, landab mit Fleiß probiert – nicht zuletzt in Erfurt und Weimar.

Man tauscht Produktionen aus, das Publikum wird mählich dran gewöhnt, ab und zu ein Stück aus der Nachbarschaft anzuschauen. Wer sollte darob Argwohn hegen? Und der Intendant kann, sofern er vier-, fünfmal auf Gegenseitigkeit bei Nachbarn gastiert oder dafür bezahlt, sogar eine eigene Neuproduktion sparen.

Ein Meister dieser Kunst ist Montavon. Seit er mit Weimar kooperiert, kann er auf eigene Schauspiel-Produktionen im Studio verzichten, die Geraer oder Eisenacher bringen ihm Ballett ins Haus, und die dankbare Zusammenarbeit mit der Thüringen Philharmonie Gotha erspart es ihm, das eigene Orchester von 59 Stellen auf eine dem Betrieb eines B-Musiktheaters angemessene Größe – 75 bis 85 Stellen – aufzustocken.

Kooperation kann aber künftig auch bedeuten, Aufgaben wie den Ticketservice oder die Lohnbuchhaltung zu zentralisieren. Möglicherweise möchte man sich auch gegenseitig landesweit mit Werkstattkapazitäten, mit Musikern oder gar mit Solisten aushelfen? Als Basis dafür muss man nur die Gehaltstarife harmonisieren. Der Rest wäre Logistik.

So schrumpften allmählich die Theater und Orchester im Lande gemeinsam vor sich hin, so dass sie alsbald vielleicht ohne einander nichts oder nicht mehr viel auf die Beine zu stellen vermögen. Naturgemäß nähme ei­ne solche Entwicklung ganz langsam Fahrt auf in Richtung Zentralisierung: Erfurt und Weimar würden dann zu den wichtigsten Produktionsstätten.

Auf das denkbare Vorbild ei­nes solchen Zentralmodells hat genau vor zwei Jahren Hasko Weber im TLZ-Interview zum Amtsantritt hingewiesen: In der Türkei sei Staatstheater so organisiert, dass von Ankara und Istanbul aus das ganze Land bespielt werde. Dass es damit allerdings der Regierung Erdogan und seiner AKP viel leichter fällt, Einfluss zu nehmen und bei Bedarf Druck auszuüben, dürfen wir ja wohl ignorieren. Aufrechten Demokraten in Thüringen käme so etwas doch nicht in den Sinn!

Abwicklung war schon genug

All das mag man nur als eine Vision, gar als Verschwörungstheorie abtun. Wie aber sonst soll Benjamin-Immanuel Hoff seine Mission erfüllen? Nun: Er könnte auch lässig konstatieren, dass in Thüringen seit 1990 bereits elf Theatersparten und un­term Strich acht Orchester abgewickelt wurden, so dass zum Beispiel die Planstellenzahl an Profimusikern von 1066 (1991) auf 615 (2014) gesunken ist. Auf 58 Prozent! Hoff könnte ebenso konstatieren, dass unsere Theater durchschnittlich zu mehr als 75 Prozent ausgelastet sind.

Es funktioniert also. Wie es nicht funktioniert, sieht man nur in Eisenach, wo sich die Kulturbürger einer Zwangsbeglückung durch Gastspiele aus Meiningen immer noch am liebsten entziehen. – Warum also etwas Grundsätzliches ändern? Wozu neue Strukturen?

Ach ja, der Kostenaufwuchs! Ein „Weiter so“ würde den Freistaat rechnerisch rund zwei Millionen im Jahr mehr kosten (Vorsicht, da braucht man die Zinseszinsformel). Aber wenn es das Publikum will? Warum führt Hoff über die Zukunft der Theater und Orchester nicht einen öffentlichen Diskurs? Hat nicht gerade seine Partei, solange sie in der Opposition saß, mit Verve mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung gefordert?

Oder geht es den Linken am Ende doch nicht nur um schnöden Materialismus? Ums Geldsparen? – Wollen sie nicht „neu Ordnung machen in der Welt“?

w.hirsch@tlz.de

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