Zank um Gothas Bücherhort

Das Kultusministerium ist über die Zukunft der Gothaer Forschungsbibliothek ratlos. Man sucht nach "tragfähigen Strukturen". Eine denkbare Bundesbeteiligung an der Friedenstein-Stiftung könnte damit verspielt werden.

Viertgrößter Altbestands-Bücherschatz Deutschlands: Die Forschungsbibliothek Gotha auf Schloss Friedenstein zählt zu den Zimelien des Thüringer Kulturerbes. Die Landesregierung weiß damit wenig anzufangen. Foto: Peter Michaelis

Viertgrößter Altbestands-Bücherschatz Deutschlands: Die Forschungsbibliothek Gotha auf Schloss Friedenstein zählt zu den Zimelien des Thüringer Kulturerbes. Die Landesregierung weiß damit wenig anzufangen. Foto: Peter Michaelis

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Gotha/Erfurt/Jena. Als einer der unbekanntesten Schatzhorte Thüringens lag die Forschungsbibliothek Gotha auf Friedenstein jahrzehntelang im Dornröschenschlaf. Jetzt wird sie zum Zankapfel: Der Universität Erfurt, der sie nach deren Gründung zugeschlagen wurde, ist sie eine Last. Die Jenaer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) würde sie durchaus gern unter das Dach einer neu zu formierenden Staatsbibliothek integrieren. Indessen die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha sie, schon aus historischen und politischen Gründen, mit Kusshand aufnähme.

Im Kultusministerium reagiert man auf solch essentielle Strukturfragen mit tiefer Nachdenklichkeit. Das heißt: ratlos. Man führe darüber eine offene Diskussion, sagte ein Sprecher Christoph Matschies (SPD) am Mittwoch. "Das Ziel ist nicht, eine schnelle Entscheidung zu treffen, sondern eine langfristig tragfähige", sagte er.

Etwas Vergleichbares existiert nirgends

Das papierene Erbe der Gothaer Herzöge umfasst mehr als 500 000 Bände und 11 000 kostbare Handschriften aus aller Welt. Zwei Drittel des Bestandes datieren vor 1850. Insbesondere die vor- und frühaufklärerischen Schriften bergen ungeheuerliche Potenziale für eine interdisziplinäre Forschung. Hinzu kommt der Nachlass des einst international führenden Gothaer karthografischen Verlags Justus Perthes mit 185 000 Karten, 120 000 Bänden und 800 Regalmetern an Archivalien, an Hand derer sich die Geschichte der Entdeckung und Vermessung der Welt nachvollziehen lässt. Nicht nur, dass die Gothaer als die viertgrößte historische Bibliothek Deutschlands gilt: Etwas Vergleichbares existiert nirgends.

Indes sorgen sich die Fachkräfte vor Ort vorerst noch um die bibliothekarische und Online-Erschließung der Bestände - als Voraussetzung für die überregionale Forschungsvernetzung. Mit den Druckwerken will man in den nächsten fünf Jahren fertig sein, für die Handschriften, bei denen oft zahllose Dokumente zu Konvoluten gebunden sind, wird dieser Prozess noch Jahrzehnte dauern. Sondierungen gab es bereits zu einigen konkreten Themen: So weiß man nun präzise über die 259 Reformations-Handschriften Bescheid; sie bergen 17 000 inzwischen einzeln erfasste Texte.

Bei der überragenden, äußerst lohnenden Aufgabe, die Bibliotheksschätze für die Wissenschaft zu heben, haben Forscher der Universität Erfurt schon beachtliche Erfolge gelandet. Mit Professor Martin Mulsow, dem Juniorprofessor Alexander Schunka und ihren ehrgeizigen Herzog-Ernst-Stipendiaten kümmert sich eine potente Schar exklusiv um Gothas Hort.

Eines jedoch können sie nicht leisten: all die Bücher und Karten, Illustrationen und Handschriften in thematischen Ausstellungen verständlich erläutert einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit wäre die Erfurter Universität als Anstalt der Lehre und Forschung schier überfordert. Die nötige Kompetenz dazu liegt indes gleich in der Nachbarschaft - bei der Stiftung Schloss Friedenstein. Deren Direktor, der Kunsthistoriker Dr. Martin Eberle, nähme die Forschungsbibliothek herzallerliebst unter die Fittiche der Stiftung.

Sind doch die barocke Kunstkammer auf Friedenstein mit all ihren wissenschaftlichen Fortsätzen und die Bibliothek über vier Jahrhunderte aus einer Hand - der des jeweiligen Regenten - gewachsen. Was sich selbst für Laien aus solchen Merkwürdigkeiten erschließt, dass etwa die Münzsammlung in der Stiftung, die zugehörigen Kataloge aber in der Bibliothek aufbewahrt werden. Oder Drucke zum Beispiel von Dürer als Einzelblätter in der Graphischen Sammlung der Stiftung liegen, sobald sie aber als Illustrationen zwischen historische Buchdeckel gebunden sind, in der Forschungsbibliothek.

Der Bund soll in die Stiftung eintreten

Eberle argumentiert nicht nur entstehungsgeschichtlich, sondern vor allem modern - also pragmatisch und politisch. Schließlich nutzt man mit Schloss Friedenstein und dem künftigen Depot im Perthes-Forum gemeinsame Räume, bedarf allerdings ob der gegenwärtigen Organisation einer doppelten Infrastruktur: zum Beispiel zwei Vorlegesäle für Benutzer mit jeweiligem Aufsichtspersonal oder voneinander getrennte Sicherheits- und Schließsysteme. Nicht zu vergessen die allgemeine Verwaltung.

Politisch entspräche eine Fusion auf Friedenstein dem Auftrag des Blaubuch-Gutachtens von 2006: Erst wenn die Kunstgüter, wissenschaftlichen Sammlungen und Naturalia der Stiftung mit der Forschungsbibliothek wiedervereint sind, entsteht auf Gothas Friedenstein eine überregional so gewichtige Instanz, dass sich der Bund einer finanziellen Beteiligung an der derzeit zu drei Vierteln von der Stadt und einem Viertel vom Land getragenen Stiftung kaum noch verschließen könnte.

Diese Option würde die Forschung in der Bibliothek keineswegs behindern. Im Gegenteil erkennt Eberle in einem konzilianten Miteinander eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Kultusminister Matschie indes tut sich mit der Entscheidung schwer. Er zögert.

Und weil die Universität Erfurt als derzeitige Trägerin der Bibliothek diese im nächsten Hochschulpakt als Sondertatbestand mit einer Extra-Finanzierung vermerkt wissen möchte, liebäugeln Matschies Ministerialbürokraten mit deren natürlicher Konkurrenz: Könnte man nicht den Gothaer Bücherschatz der Jenaer ThULB zuschlagen? Und diese im Zuge dessen gleich zur Staatsbibliothek aufwerten?

Fraglos verfügen die Jenaer über eine exzellente Infrastruktur für die bibliothekarische und wissenschaftliche Erschließung wie auch zur Konservierung alter Buchbestände. Aber just diese Aufgaben meistern die Erfurter ja auch. Zumal man sich in Gotha gegen eine neuerliche Vereinnahmung - nun aus Jena - mit Händen und Füßen sträubt. Wenn Christoph Matschie eine langfristig tragfähige Lösung sucht, so liege die doch auf der Hand, heißt es. Warum er nicht endlich handelt, sei ein Rätsel.

Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha

Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

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