Digitale Universität der Zukunft: Mit Youtube zum Bachelor

Marburg  Statt Anwesenheitspflicht punktet das digitale Lehrzimmer mit freier Zeiteinteilung. Doch Selbstdisziplinierung und teils erhöhter Aufwand fordern die Studenten heraus.

Einführungskurse können problemlos im Pyjama besucht werden. Foto: Bernd von Jutrczenka

Einführungskurse können problemlos im Pyjama besucht werden. Foto: Bernd von Jutrczenka

Foto: zgt

So könnte sie aussehen, die Uni der Zukunft: In einem kleinen Professorenzimmer in Marburg stellt sich Jürgen Handke vor die grüne Leinwand. Kamera an, Teleprompter läuft. „Hello again“, begrüßt er seine Studenten. Die Vorlesung beginnt. Der Anglistik-Professor gilt als einer der Vorreiter der digitalen Lehre. Dafür haben ihn der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Hochschulrektorenkonferenz jüngst mit dem hochdotierten „Ars legendi-Preis für exzellente Hochschullehre 2015“ ausgezeichnet.

Handke hält keine klassische Vorlesung mehr, in der ein Professor vorne steht und den Studenten jedes Jahr wieder eine Einführung in die Physik, die Grundlagen der Mathematik oder die Deutsche Geschichte im Spätmittelalter gibt. „Ausgang war die Erkenntnis, dass ich nicht den gleichen Kram immer wieder erzählen wollte“, sagt Handke.

Seine Studenten bereiten sich zu Hause mit didaktisch aufwendig produzierten Lehrvideos und ergänzenden Materialien vor. In der späteren „Präsenzphase“ an der Uni diskutieren sie, vertiefen die Aufgaben, fragen nach, machen Übungen. Sie sitzen im Hörsaal in Gruppen beieinander, manche auf den Tischen, sie googeln, diskutieren laut, Tutoren setzen sich dazu, helfen. „Digitale Lehr- und Prüfungsmethoden bei gleichzeitiger sehr guter Präsenzlehre“, heißt es in der Begründung des Ars-legendi-Preises.

Handke lehnt sich an die Unterrichtsmethode des „Inverted Classroom“ an, des „umgekehrten Klassenzimmers“. Sie entstand um das Jahr 2000 in den USA. Der bisherige Unterricht wird einfach umgedreht: Die Schüler erschließen sich den Inhalt vor dem Unterricht online. Die früheren Hausaufgaben – also das Üben, Vertiefen, die Problemlösung – werden in die Präsenzphase verlagert.

„Ich mag, dass ich mir die Arbeit selber einteilen kann“, sagt die Studentin Katharina Weber, die bei Handke den Master-Studiengang „Linguistics and Web Technology“ belegt. Das schaffe Freiraum, allerdings sei der Zeitaufwand sehr hoch. „Man beschäftigt sich intensiv mit dem Stoff.“

Handkes Studenten müssen noch disziplinierter, noch selbstständiger arbeiten als andere. Man könne die Lehrvideos nicht wie eine Facebook-Seite nebenher laufen lassen, erklärt die Studentin Anja Penßler. Das unterschätzten viele.

Handke klickt auf ein Foto: Studenten sitzen im Hörsaal, jeder streckt Handy, Tablet oder Notebook in die Höhe. Vor zwei Jahren hatte er seine Erstsemester-Studenten gefragt, wer denn alles ein digitales Gerät dabei habe. Die Generation der „Digital Natives“ hat die Unis erreicht. Hochschulen könnten das „verteufeln oder akzeptieren“ – so überschreibt Handke ein Kapitel seines Buches „Handbuch Hochschullehre Digital“.

Viele Unis tun sich schwer mit der Digitalisierung. „E-Learning steht zwar seit langem bei den Hochschulen auf der Agenda“, sagt Oliver Janoschka, Programmleiter beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und zuständig für das „Hochschulforum Digitalisierung“. Es gebe allerdings „verschiedene Geschwindigkeiten“.

Die meisten Professoren hielten klassische Vorlesungen. Wenn die Hochschulen jetzt nicht handelten, wirke vielleicht bald nicht mehr zeitgemäß, was sie zu bieten hätten. Denn denkbar sei: Bald bereiten sich Studenten im Netz vor und kommen nur noch zu den Prüfungen an die Uni – Hochschulen würden zu reinen Prüf- und Forschungsinstituten.

„In einiger Zeit werden die Inhalte für alle Fächer perfekt im Internet stehen“, sagt Handke. Er sieht an den Universitäten viele Barrieren, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Es gebe „eine Blockadehaltung, gebündelt mit Ängsten und dem Festhalten an Traditionen“, diagnostiziert er.

Der Linguistik-Professor zieht ein Tablet hervor, zeichnet eine Wortstruktur auf den Bildschirm und erklärt sie gleichzeitig. „Videoproduktion ist kein Hexenwerk“, sagt er. 420 Videos hat er für seine Studenten schon gedreht und ins Internet gestellt, die Geschichte des Englischen erklärt, Sätze aufgeschlüsselt.

„Anfangs haben wir alles passwortgeschützt. Es war unser Material, da sollte keiner ran. Aber dann haben wir gemerkt: Man teilt ja Wissen weltweit.“ Handkes YouTube-Kanal „Virtuell Linguistics Campus“ (VLC) hat 21 000 Abonnenten aus aller Welt; zwei Millionen Mal wurden die Videos angeklickt.

MOOCs – Massive Open Online Courses – so heißen Onlinekurse, die frei zugänglich sind. Einige Unis experimentieren mit solchen Angeboten. Etwa 400 Hochschulen gibt es in Deutschland, mit Bibliotheken, Verwaltungen, Hörsälen, Seminarräumen. Werden sie für die Lehre noch gebraucht, wenn das Wissen im Internet steht? Marburg liegt idyllisch an der Lahn, über dem Fachwerkstädtchen prangt das Schloss, die Studentenkneipen sind legendär. Hierher kommen die Leute nicht nur zum Studieren.

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