G8-Abi: Thüringer Schüler haben trotz Schulstress genügend Freizeit

Am letzten Schultag in Thüringen kann Christine Lützkendorf sich nicht vorstellen, noch ein Jahr länger die Schulbank zu drücken. Als übermäßige Belastung hat die Abiturientin das achtjährige Gymnasium in Thüringen nicht empfunden. Thüringer Abiturienten sind mit G8 zufrieden.

So sieht der TLZ-Karikaturist NEL die Diskussion um das G8- und das G9-Abitur.

So sieht der TLZ-Karikaturist NEL die Diskussion um das G8- und das G9-Abitur.

Foto: zgt

Weimar/Erfurt. "Ich bin ehrgeizig, habe aber immer noch genügend Freizeit gehabt." Christine Lützkendorf sitzt im Direktorenzimmer des Weimarer Schillergymnasiums, gemeinsam mit drei ihrer Mitschüler lässt sie die achtjährige Gymnasialzeit Revue passieren. Die vier können es einfach nicht verstehen, warum in westdeutschen Bundesländern ein regelrechter Schulkampf um die Frage tobt, ob die Gymnasialzeit acht oder neun Jahre dauern sollte. In Thüringen sind acht Jahre schon immer an der Tagesordnung gewesen. "Ich wüsste gar nicht, was ich im 13. Schuljahr machen sollte", wirft Antonia Warnstedt in die Runde ein. Sie erntet bei allen zustimmendes Kopfnicken, auch bei den beiden Männern, Erik Peters und Nick Bröhl. Für Erik steht fest: "Meine Hobbys sind in den vergangenen Jahren nicht zu kurz gekommen."

Einige Schüler klagen über erheblichen Stress

Acht oder neun Jahre Gymnasium bis zum Abitur? In einigen westlichen Bundesländern ist darüber ein regelrechter Schulkampf entbrannt. Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen. Dort war vor einigen Jahren die jetzt als "Turbo-Abitur" geschmähte Regelung eingeführt worden. Sonja Krüger ist Abiturientin in Dortmund. Auch sie hat die Schule in acht Jahren durchlaufen. Aber sie klagt über erheblichen Stress, sie sitzt bis spät in den Abend über ihren Büchern, sie hat kaum Zeit, Freundschaften zu pflegen, wenn sie nachmittags nach Hause kommt, schnappt sie ein wenig Luft, dann geht der Schulstress weiter. 50 und mehr Wochenstunden für die Schule, manchmal auch 60, sind an der Regel, Wochenendarbeit inklusive.

Der Siegener Vater Marcus Hohenstein in Südwestfalen möchte nicht länger hinnehmen, dass seine Tochter, die jetzt noch die Grundschule besucht, demnächst auf eine Schule geht, in der bis in den Nachmittag hinein unterrichtet wird und in der ab Klasse sechs eine zweite Fremdsprache zur Pflicht wird. G8, also das achtjährige Gymnasium, so seine feste Überzeugung, ruiniere die Kindheit und sei die Ursache von Schlafstörungen, Magersucht und Kopfschmerzen im Teenageralter.

20 Grundschüler mussten abgelehnt werden

Er hat deshalb in Nordrhein-Westfalen, wo es seit zehn Jahren das G8-Abitur gibt, die Initiative gegründet "G9 jetzt in NRW." Und die Gymnasien, die jetzt wieder auf eine neunjährige Gymnasialzeit dort umschalten, sind geradezu überlaufen. Beispielsweise das Schalker-Gymnasium in Gelsenkirchen. 20 Grundschüler mussten im vergangenen Schuljahr schon abgelehnt werden, weil die Einrichtung einer vierten Klasse nicht möglich war. Mittlerweile denkt auch die Landesregierung in Düsseldorf über die Gymnasialzeit nach. Ein runder Tisch soll darüber entscheiden. In NRW hatte es die Landesregierung 2010 den Gymnasien in einem Schulversuch freigestellt, zum Abitur nach 13 Jahren zurückzukehren. Doch nur 13""Gymnasien machen davon Gebrauch. Ganz anders in Niedersachsen: Thüringens benachbartes Bundesland zieht 2015 als erste Bundesland einen Schlussstrich unter das ungeliebte Turbo-Abitur.

Zurück nach Thüringen: Antonia, Christine, Erik und Peters, die sich jetzt intensiv auf die demnächst anstehenden Abiturprüfungen vorbereiten, haben für die Debatte über eine acht- oder neunjährige Schulzeit überhaupt kein Verständnis. "Klar sind gewisse Phasen anstrengend", sagt Erik. Und vor den Ferien sei man auch schon mal ausgelaugt. Aber seine Hobbys hat er sich trotzdem bewahrt. Und auch Nick fühlt sich nicht überlastet.

Christine Lützkendorf beispielsweise ist in der Regel zwischen acht und 14.30 Uhr in der Schule, mit Sport kann es auch schon mal bis 16.30 Uhr gehen. Nach der Schule werden die Hausaufgaben erledigt, dann ist auch noch Zeit für Entspannung. Antonia Warnstedt ist begeisterte Basketballspielerin. Fünf Mal in der Woche findet sie Zeit für ihr Hobby. Erik Peters räumt schon ein, dass die Schlafzeiten zuletzt immer geringer geworden sind, aber seine Hobbys erhält er sich trotzdem.

"Jeder hat den Stress, den er sich selbst macht"

Aber die vier haben auch schon feste Pläne für die Zeit nach dem Abitur: Christine will das gewonnene Jahr für Freizeit nutzen und danach Biochemie studieren, Antonia liebäugelt mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr, danach will sie Geowissenschaften studieren, Erik will Sport fürs Lehramt studieren, Nick plant einen einmonatigen Aufenthalt im Ausland, danach will er Wirtschaftsingenieurwesen studieren. Für Antonia ist das schnelle Abitur ein großer Vorteil: "In diesem Jahr kann man Praxiserfahrung sammeln." Und für Nick ist es von großem Vorteil, wenn man nach einer achtjährigen Gymnasialzeit früher mit dem Studium beginnen und es auch entsprechend früher beenden kann.

Schulleiter Jochen Etzhold ist auch vom achtjährigen Gymnasium überzeugt. Auch wenn er einräumt, dass die Schüler stark belastet sind, um den Anforderungen gerecht zu werden. In der Prüfungszeit käme es auch häufiger zu krankheitsbedingten Ausfällen berichtet er. "Die Abiturienten haben schon zwei harte Jahre hinter sich", sagt er. Aber er sieht auch die Vorteile einer achtjährigen Schulzeit. Die jungen Menschen haben entweder mehr Zeit, um sich selbst zu finden, beispielsweise in einem Freiwilligen Sozialen Jahr, oder sie sind früher fit für den Beruf. "Und das entspricht doch den Erfordernissen unserer Gesellschaft." Aber er ist auch davon überzeugt, dass die Thüringer Schüler nach acht Gymnasialjahren auf dem gleichen Wissensniveau sind wie die Abiturienten aus Bundesländern, in denen noch eine neunjährige Gymnasialzeit gilt.

Andreas Jantowski sitzt etwa zwölf Kilometer südlich von Weimar in seinem Büro im Thüringer Institut für Lehrerfortbildung. Er kann das, was die Schüler aus ihrer Praxis berichten, theoretisch untermauern. Für ihn ist Kontinuität in der Schulstruktur ebenso wichtig wie Lehrpläne, die auf die achtjährige Gymnasialzeit abgestellt sind und die vor allem die Kompetenz der Schüler in den Mittelpunkt stellen.

Schlechter sind Schüler mit G8-Abitur nicht

Nein, schlechter sind die Schüler mit einem Abitur nach acht Jahren Gymnasium in keinem Fall, so Jantowski. "Alle Tests zeigen doch, dass Schüler aus Thüringen und Sachsen entweder an der Spitze oder zumindest im vorderen Drittel liegen." Und er zitiert wissenschaftliche Studien, nach denen die Abiturienten aller Schulformen, egal ob G8 oder aber G9 gleich stark belastet sind und ein ähnlich hohes Stressempfinden haben.

Den Widerstand vor allem in den westlichen Bundesländern erklärt er sich vor allem damit, dass sowohl Eltern wie auch Lehrer dort "G"9-sozialisiert" sind, sich also einen schnelleren Weg zum Abitur nur schwer vorstellen können. Er ist aber überzeugt davon, dass G"8 auch in denjenigen Bundesländern funktionieren kann, die jetzt noch die neunjährige Gymnasialzeit haben. Dazu müssten aber die Lehrpläne entrümpelt und überarbeitet werden. "Sie müssen von der Wissensbasierung auf die Kompetenzorientierung umgestellt werden". Thüringen hat diesen Schritt schon 1999 vollzogen.

Und was den Stress für die Abiturienten anbelangt, hat Nick Bröhl eine goldene Regel: "Jeder hat den Stress, den er sich selbst macht."

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