Jenaer Waldorf-Lehrer wollen Schüler feuern

Die Lehrerkonferenz der Waldorfschule Jena will Kinder kritischer Eltern rauswerfen. Das Gremium hat in der vergangenen Woche beschlossen, deren Schulverträge zu kündigen.

Streit um Olaf Möller: Dem Geschäftsführer der Waldorfpädagogik Ostthüringen e.V. werden erhebliche Mängel in der Verwaltungsarbeit vorgeworfen. Foto: Peter Michaelis

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Jena/Gera. Die Waldorfschulen in Jena und Gera sind ein Hort reformpädagogischer Geborgenheit. Sollte man meinen. Doch was sich dort seit nun mehr dreieinhalb Jahren zwischen Lehrern, Eltern und dem Geschäftsführer des Vereins Waldorfpädagogik, Olaf Möller, abspielt, ist mit den Worten "tiefgehender Konflikt", wie es Möller formuliert, fast beschönigend ausgedrückt.

Die Eltern wollen den Geschäftsführer wegen angeblicher diverser Unregelmäßigkeiten in der Verwaltungsarbeit loswerden. Möller weiß die Lehrer auf seiner Seite, die nun in Jena zumindest entschieden haben, sich von den Schülern kritischer Eltern zu trennen. Was möglich ist, da an Waldorfschulen Verträge für die Schüler existieren, die gekündigt werden können, wenn das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört ist.

Und das scheint der Fall zu sein: So wird von Eltern berichtet, dass die Kritik eines Vaters am von Möller betreuten Bauvorhaben zur Sanierung eines Gebäudes des Waldorfkindergartens in Gera als störend empfunden worden sei. Der Mann habe sich jedoch nicht einschüchtern lassen und seiner Tochter sei gekündigt worden. Ähnlich sei es einem Erstklässler in Jena 2010 ergangen.

Körperlicher Übergriff eines Lehrers

Die Eltern hatten den körperlichen Übergriff eines Lehrers beanstandet, der einen so genannten heilpädagogischen Griff angewendet hatte. Der Junge musste die Schule verlassen, kurze Zeit später wurde auch der Pädagoge gefeuert. Bereits 2008 hatten Eltern das aus ihrer Sicht eigenmächtige Vorgehen Möllers angeprangert, als es darum ging, Schülerzahlen an das Kultusministerium zu melden, für die der gemeinnützige Verein als Schulträger Fördermittel erhält. Zumindest diesen Sachverhalt kann der Waldorfchef bestätigen. Einige Verträge hätten noch bestanden, aber die Schüler die Schule bereits verlassen, erläutert er. "Die Schülerzahlen waren zu unseren Gunsten ausgelegt", sagt Möller unserer Zeitung. "Aber sie machen doch auch keine Steuererklärung zu Gunsten des Finanzamtes."

Am Ende mussten knapp 35.000 Euro zurückgezahlt werden. Die Kündigungen der Schulverträge indes hält Möller für gerechtfertigt. "Sie können nicht Kinder unterrichten, wenn die Eltern dauerhaft mit der Schule im Clinch liegen", sagt Möller. Sie hätten es darauf angelegt, den Ruf der Einrichtung erheblich zu schädigen.

Joghurt mit Pullover aufwischen

Doch pädagogisch scheint, bei den Ostthüringer Waldorfpädagogen einiges im Argen zu liegen. Eltern, die ihren Namen aus Angst vor Repressalien gegen ihre Kinder nicht nennen wollen, schildern, dass sich Kinder bei kleinsten Verfehlungen in die Ecke stellen mussten, eine Schülerin hatte Tee verschüttet und durfte als Strafe ihr Brot nicht aufessen. Ein anderes Kind habe mit Joghurt gekleckert und seinen Pullover zum Aufwischen nehmen sollen. Versuche, die Konflikte intern durch Mediatoren zu lösen, sind gescheitert.

Auch der Vorstand des Pädagogikvereins ist nur noch bedingt handlungsfähig. Zwei Sonderbeauftragte sind inzwischen eingesetzt, die zur Deeskalation beitragen sollten. Genützt hat es offenbar kaum. In geheimer Wahl, haben mindestens zwölf Eltern beantragt, soll die Mitgliederversammlung den Vorstand beauftragen, den Geschäftsführer zu kündigen, weil sich eine Vielzahl der Vorwürfe überwiegend an seiner Person entzündeten.

Möller soll betrogen, gelogen und verleumdet haben

Ein Mitglied begründet seinen Antrag wie folgt: Möller habe "in der Vergangenheit betrogen, gelogen, verleumdet und intrigiert". Er sei "Ursache eines Großteils der Konflikte" und behindere "aktiv und massiv die kostenintensiven Versuche, die Konflikte beizulegen".

Möller kann allerdings auf sein Kollegium bauen, das ihn weiter stützt. Ein Gutachter kam bereits im Mai 2009 zu dem Schluss: "Die Geschäftsführung des Herrn Olaf Möller war nicht fehlerfrei." Systematische Verstöße gegen Rechtsvorschriften ließen sich aber nicht feststellen, ebenso wenig Handlungen zum Nachteil des Schulträgers Waldorfpädagogik Ostthüringen e.V..

Wohl aber lasse sich feststellen, dass Herr Möller in den behandelten Fällen "die Information zuständiger Gremien, insbesondere des Vorstandes, mindestens nicht hinreichend dokumentiert, teilweise auch vollständig unterlassen" habe.

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