"Praktiken bergen Gefahr für Allgemeinheit" – Chef der Fernwasserversorgung in der Kritik

Erfurt.  Das Betriebsklima bei der Thüringer Fernwasserversorgung ist miserabel. Es gibt Vorwürfe gegen den Chef. Der erhält aber auch Rückendeckung.

Bauarbeiten an der Ohratalsperre Erneuerung der Mastixschicht in der Wasserwechselzone Im Bild: Aufragen eines Haftverbundes zwischen Altbestand und dem neuen Mastix.

Bauarbeiten an der Ohratalsperre Erneuerung der Mastixschicht in der Wasserwechselzone Im Bild: Aufragen eines Haftverbundes zwischen Altbestand und dem neuen Mastix.

Foto: Thüringer Fernwasserversorgung/Jochen Mehl / MGT

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Es sind sieben Seiten. Eng bedruckt. Sieben A4-Seiten voller Vor- und Einwürfe, die in einem scharfen Gegensatz zu dem stehen, wie sich die Thüringer Fernwasserversorgung (TFW) erst vor wenigen Monaten selbst darstellte, als das halbstaatliche Unternehmen über ein „Rekord-Jahresergebnis“ jubelte. Etwa 2,2 Millionen Euro, so hieß es im August via Pressemitteilung, habe das Unternehmen im Jahr 2018 Gewinn gemacht. Und weiter: Der Preis für das von der sogenannten TFW gelieferte Fernwasser „bleibt stabil“. Auch sonst war die Pressemitteilung voll des Selbstlobes über das Unternehmen.

In den sieben Seiten, die seit wenigen Tagen durch das politische Erfurt geistern, wird dagegen so ziemlich jede Facette der Selbstdarstellung der TFW und vor allem ihres Geschäftsführers Thomas Stepputat in Frage gestellt. Darin wird vor allem Stepputat, Chef von mehr als 200 Mitarbeitern, nicht nur vorgeworfen, das Jahresergebnis 2018 schön gerechnet zu haben. „Die in den Geschäftsberichten 2017 und 2018 ausgewiesenen Überschüsse verweisen nicht – wie behauptet – auf eine erfolgreiche Unternehmenspolitik, sondern sind zum einen auf den Personalrückgang zurückzuführen, zum anderen auf die fachlich nicht gerechtfertigte Verlängerung der Laufzeit der Stauanlagen (…)“, heißt es auf einer der Seiten zum Beispiel.

„Dammbruch, aber Bruch von Versorgungsleitungen“ denkbar

Die Geschäftspraktiken des Unternehmens würden sogar Sicherheitsrisiken für die Allgemeinheit bergen. Weil unter Stepputat nicht genug Geld in den Unterhalt der Anlagen der TFW investiert werde, sei es so, „dass dramatische Zuspitzungen denkbar werden, bis hin zum Dammbruch, aber auch zum Bruch von Versorgungsleitungen“. Und weiter: „Die Anlagen werden also bewusst auf Verschleiß gefahren. Zehn Staudämme sind akut betroffen, außerdem zahlreiche Fernwasserleitungen.“

Zudem wird Stepputat auf diesen Seiten vorgeworfen, Mitarbeiter des Unternehmens zu schikanieren. „Das frühere Betriebsklima unter den Vorgängergeschäftsführern, das durch Respekt, Wertschätzung und Empathie zwischen den Mitarbeitern gekennzeichnet war, hat der aktuelle Geschäftsführer zerstört und so zahlreiche, meist langjährig beschäftigte Fachkräfte aus dem Unternehmen gedrängt oder sie dazu gebracht, selber zu kündigen“, steht auf einer anderen der sieben Seiten.

Vorwürfe der Mitarbeiter-Schikane

Gestützt wird dieser Vorwurf vor allem auf mutmaßliche, anonymisierte Schilderungen von aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern der Fernwasserversorgung. Darin heißt es unter anderem, Stepputat brülle Mitarbeiter regelmäßig an, so dass „Kolleginnen mit Tränen in den Augen aus Beratungen kommen“. Außerdem wird in diesen Schilderungen behauptet, ein Mitarbeiter habe erklärt, er habe gehört, Stepputat habe während einer Besprechung „das Notebook durch sein Büro“ geworfen.

Erhoben werden diese Vorwürfe durch und über einen in Köln ansässigen Verein mit dem Namen Work Watch. Der hat es sich nach eigenen Angaben zur Aufgabe gemacht, Fällen nachzugehen, in denen Unternehmen ihre Beschäftigten drangsalieren. Zwei der sieben Seiten sind als „Stellungnahme“ des Vereins zu den angeblichen Zuständen bei der TFW überschrieben. Auf fünf der sieben Seiten werden die mutmaßlich ehemaligen oder aktuellen Beschäftigten des Unternehmens durch den Verein zitiert.

Stepputat weist Vorwürfe zurück

Wirklich unabhängig überprüfen lassen sich viele der Vorwürfe nicht, wie das in der Regel so ist, wenn Dinge aus Gesprächen zwischen nur zwei oder drei Beteiligten gegenüber Dritten oder Vierten geschildert werden. Weshalb es wichtig ist zu wissen, dass Stepputat selbst die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückweist. Sie seien unzutreffend, er fühle sich dadurch „beleidigt und gekränkt“, sagt er. So bestreitet Stepputat zum Beispiel nicht nur, dass er Mitarbeiter regelmäßig oder zumindest immer mal wieder anbrülle. Auch habe er noch nie „das Notebook durch sein Büro“ geworfen.

Verärgerung über organisatorische Veränderungen

Auch die wirtschaftliche Situation bei der Fernwasserversorgung stellt Stepputat gänzlich anders da, als Work Watch und die Mitarbeiter, die von dem Verein zitiert werden. Dabei wird Stepputat vom kaufmännischen Leiter des Unternehmens, Christian Fisch, unterstützt, der auch sagt, er habe seinen Chef noch nie Rumbrüllen hören. Zwei Mal sei er bislang vielleicht mal „etwas lauter“ geworden, sagt Fisch. Bei bestimmten Themen gehe es eben manchmal etwas emotionaler zu. So erklären sowohl Stepputat als auch Fisch erstens, dass es richtig sei, dass bei der TFW die Abschreibungszeiträume zum Beispiel auf die Stauanlagen Leibis, Schönbrunn und Ohra verlängert worden seien; von ehemals 80 auf nun 100 Jahre. Doch sei das überhaupt nicht zu beanstanden, argumentieren beide. Vielmehr seien die Abschreibungszeiträume der Anlage nun in etwa so lang, wie das branchenüblich sei.

Geschäftsführung verweist auf wirtschaftliche Erfolge

Zweitens, sagt Stepputat, sei es unter seiner Führung gelungen, bei den Investitionen deutlich besser zu werden. Vor seiner Zeit seien pro Jahr etwa zwölf Millionen Euro Investitionen angestrebt, regelmäßig aber nur sechs bis acht Millionen Euro davon auch wirklich umgesetzt worden. Was meint, dass etwa ein Drittel bis die Hälfte der geplanten Investitionen ausgeblieben seien. 2019 habe es dagegen nur noch Abweichungen von Soll und Ist von etwa 13 Prozent gegeben. Drittens dann seien da noch Gehaltssteigerungen von insgesamt etwa 15 bis 30 Prozent für die TFW-Beschäftigten in den vergangenen Jahren, erreicht durch eine Annäherung von deren Gehälter an das Entgeltsystem des öffentlichen Dienstes und durch Höhergruppierungen. Viertens, sagt Fisch: Auch wenn bei der TFW zuletzt einige Mitarbeiter ausgeschieden seien, seien mehrere offene Stellen etwa im technischen Bereich doch auch wieder besetzt worden. Unabhängig feststellen kann man also nur, dass das Betriebsklima angesichts der Vorwürfe in mindestens nicht-kleinen Teilen miserabel ist.

Wenn sie dafür auch schwächere Wort als „miserabel“ benutzen, räumen das auch Stepputat sowie Thüringens Umweltstaatssekretär Olaf Möller (Grüne) ein. Letzterer ist als TFW-Verwaltungsratsvorsitzender so etwas wie der Oberaufseher über das Unternehmen. Beide machen für dieses schlechte Betriebsklima die organisatorischen Veränderungen verantwortlich, die es dort in den vergangenen Jahren gegeben hat. Nach Lesart von Stepputat und Möller, Veränderungen, die längst überfällig waren und die zur jüngsten, aus ihrer Sicht positiven, Geschäftsentwicklung beigetragen haben.

Veränderungen, das darf man mutmaßen, die manchen Beschäftigten zu weit gingen, durch die sie ihre bisherige Arbeit entwertet sehen. „Es sind viele gewohnte Abläufe und Strukturen verändert worden, das schafft nicht auf allen Seiten nur Begeisterung“, sagt Möller.

„Veränderungsprozess heißt auch zu gucken, mit welcher Truppe man ein Ziel erreicht“, sagt Stepputat. Aus Unternehmenskreisen heißt es, der Mann habe sich einstmals selbst um den Posten des Geschäftsführers beworben gehabt. Überhaupt nimmt Möller den so harsch kritisierten Geschäftsführer in weiten Teilen in Schutz. Eine mögliche Verlängerung des Geschäftsführervertrags von Stepputat sei durchaus möglich, wenn auch noch nicht sicher, sagt er; und widerspricht gleichzeitig der Behauptung von Work Watch, die Verlängerung solle nun in den nächsten Tagen durchgewunken werden. „Über die Vertragsverlängerung ist im Laufe des nächsten halben Jahres zu entscheiden, es gibt da keinen Zeitdruck.“

Verwaltungsratschef und Staatssekretär Möller: „Sehr differenziertes Bild“

Er, sagt Möller, habe sich – nachdem ihm die Vorwürfe im Oktober bekannt geworden seien – selbst mit mehreren Mitarbeitern des Unternehmens unterhalten. Dabei habe sich ihm „ein sehr differenzierte Bild“ geboten. Während einzelne Beschäftigte die Vorwürfe gegen Stepputat bekräftigt hätten, hätten andere immer wieder von Gerüchten und angeblichen Vorfällen berichtet, die sie aber auch nur vom Hören-Sagen gekannt hätten.

Das Bild vom Innenleben der TFW, das sich aus der Existenz der Vorwürfe, der Replik Stepputats darauf und auch aus den Eindrücken Möllers ergibt, ist damit eines von einem Unternehmen, das auf der Suche nach sich selbst ist. Und das dabei noch irgendwo zwischen Gestern, Heute und Morgen verharrt. Mit all den Verwerfungen, zu denen solche Suchen führen können – ein Eindruck, den viele bestärken, mit denen man im Hintergrund über die TFW und die Vorwürfe gegen Stepputat spricht. Der, so heißt es immer wieder, setze Veränderungsprozesse entschieden durch, treffe dabei aber nicht immer den richtigen Umgangston.

Andererseits, sagt jemand, der sich im dem Geschäft seit Jahren auskennt und dem keine Nähe zu Stepputat nachzusagen ist, habe das Unternehmen grundlegende Veränderungen dringend gebraucht. Über Jahre hinweg sei die TFW ein „Staat im Staate“ gewesen, in dem sich nicht nur bei der Arbeitszeiterfassung und Auftragsvergabe Dinge verselbstständigt hätten.

Um dem Unternehmen und seinen Beschäftigten auf dem Weg in die Zukunft zu helfen, sollen nun viele, teilweise gelenkte Gespräche helfen. Der Verwaltungsrat der TFW habe Stepputat gebeten, mit Hilfe eines externen Moderators einen „Prozess der Vertrauensbildung“ einzuleiten und zu klären, „welche Maßnahmen man noch zur Verbesserung des Betriebsklimas treffen kann“, sagt Möller. Die CDU-Landtagsfraktion will die Causa TFW im Umweltausschuss des Landtages thematisieren. „Bis zur Klärung der Vorwürfe sollte von einer Verlängerung des Vertrages des Geschäftsführers abgesehen werden“, sagt deren umweltpolitischer Sprecher Thomas Gottweiss.

Eine Vorgeschichte aus Schweinfurt

  • Thomas Stepputat war vor seiner Zeit als Geschäftsführer der TFW Chef der Stadtwerke Schweinfurt – und stand auch dort 2015 wegen seines Führungsstils massiv in der Kritik. Nach Angaben des Thüringer Umweltstaatssekretärs Olaf Möller kannte man beim Freistaat diese Kritik, als man sich entschied, Stepputat nach Erfurt zu holen. Der Bürgermeister von Schweinfurt, sagt Möller, habe ihm damals gesagt: „Wenn Sie jemanden suchen, der Veränderung anstrebt, dann nehmen Sie ihn. Wenn Sie einen ruhigen Verwalter wollen, dann suchen Sie sich jemand anderen.“
  • Die Thüringer Fernwasserversorgung – TFW – ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Sie soll Menschen in Thüringen und Unternehmen im Freistaat unter anderem mit Trinkwasser versorgen und dafür sorgen, „dass die Schäden durch Hochwasser so gering wie möglich bleiben“, wie es auf der Webseite des Unternehmens heißt. Dazu betreibt die TFW zum Beispiel die Trinkwassertalsperren Ohra, Leibis, Schönbrunn und Neustadt.
  • Für das Unternehmen haben 2018 etwa 220 Mitarbeiter gearbeitet. Träger der TFW sind der Freistaat Thüringen – der die Mehrheit der Anteile hält – sowie der Fernwasserzweckverband Nord- und Ostthüringen. Die TFW wird seit 2016 von Thomas Stepputat geführt, der 1959 in Konstanz geboren wurde.
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