Thillm-Direktor: "Für das Schreibenlernen gibt es heute kein Schema F mehr"

Über kaum ein Thema wird seit Schuljahresbeginn in Thüringen so heftig gestritten wie über das Schreibenlernen. Vor allem Eltern, Großeltern und Lehrer diskutieren eifrig darüber, wie Grundschüler sich die Schriftsprache aneignen.

Deutschunterricht vor 42 Jahren: Eine Schreibschrift, bei der alle Buchstaben eines Wortes miteinander verbunden sind, war damals genauso Pflicht wie die akkurate Heftführung. Fotos: Peter Michaelis

Deutschunterricht vor 42 Jahren: Eine Schreibschrift, bei der alle Buchstaben eines Wortes miteinander verbunden sind, war damals genauso Pflicht wie die akkurate Heftführung. Fotos: Peter Michaelis

Foto: zgt

Bad Berka. Vor kurzem übergaben Elternvertreter in Buttstädt dem FDP-Landtagsabgeordneten Heinz Untermann sogar eine Petition zum Erhalt der Schreibschrift. Die TLZ wollte von Andreas Jantowski, Direktor des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) in Bad Berka, wissen, was dahinter steckt.

TLZ: Was genau hat sich denn für die Erstklässler mit Beginn des Schuljahres 2013/2014 geändert?

Im Zusammenhang mit der Problematik Schreibschrift? Gar nichts.

Es ist kein neuer Lehrplan in Kraft getreten?

Nein, der neue Lehrplan gilt bereits seit 2010.

Warum wird dann seit Ende August so eifrig diskutiert wie in den Jahren zuvor nicht?

Debattiert wurde auch vorher, vielleicht nur nicht in dem Maße. Aber es gibt natürlich immer wieder neue Eltern, die beim Elternabend vor der Schuleinführung ihrer Kinder fragen: Und wo bitte bleiben die Spazierstöcke?

Sie meinen die ersten Schreibübungen, die zum Beispiel Sie und ich als Erstklässler aufs Papier gebracht haben?

Ja, genau die.

Und warum verzichtet man heute in der ersten Klasse darauf?

Weil wir heute mit einer Vielzahl anderer Methoden versuchen, unser Ziel zu erreichen. Deswegen schreibt der Lehrplan vor, dass ein Schüler am Ende der 2. Klasse flüssig und formenklar die Druckschrift beherrscht und am Ende der Klassenstufe 4 eine gut lesbare individuelle Handschrift schreiben kann.
Es muss sehr kritisch hinterfragt werden, welchen Sinn es haben soll, stundenlang Schönschreiben zu üben, wie wir es noch aus unserer Schulzeit kennen. Dafür gab es damals sogar eine Note auf dem Zeugnis. Doch kaum ein Mensch schreibt so, dass immer alle Buchstaben miteinander verbunden sind. Oft ist es eher eine Mischung aus Schreib- und Druckschrift. Mittlerweile sind auch fast alle Bundesländer dazu übergegangen, dass Kinder zuerst die Druckschrift lernen.

In welcher Schriftart?

Wir empfehlen zu Beginn die Großantiqua. Sie ist nicht nur weit verbreitet, sondern auch sehr leicht zu schreiben, weil ihre Linien und Bögen in hohem Maße kindgemäß sind. Wir wollen die Kinder zum Schreiben motivieren, was aber nur gelingt, wenn es ihnen leicht von der Hand geht und sie feinmotorisch nicht überfordert, wenn wir die individuellen Lernvor-aussetzungen der Kinder beachten und den Spaß am Schreiben fördern. Die Tatsache, dass wir in Deutschland geschätzte vier Millionen funktionelle Analphabeten haben, zeigt doch, dass die eine Methode des Schreibenlernens, wie sie früher praktiziert wurde, eben nicht für alle zielführend ist.

Und Groß- und Kleinschreibung spielt dabei keine Rolle mehr?

Doch, genauso wie die Rechtschreibung. Jedem Kind müssen verschiedene Dinge klar werden: Es muss lernen, dass Sprache eine Bedeutung hat. Außerdem, dass es ein Wortkonzept gibt, also eine Trennung nach den Wörtern. Ein Kind, das zum Beispiel "KATJAFÄHRTMITDEMROLLER" schreibt, hat das noch nicht verstanden. Lernen muss ein Grundschüler auch, dass nicht jedes Graphem einem Phonem entspricht, also, dass man zum Beispiel zwar ein Wort mit "ie" genauso spricht wie eines mit "i", aber eben unterschiedlich schreibt. Um Ihre Frage zu beantworten, sage ich ganz klar, dass Rechtschreibung und das orthografische Prinzip notwendige und wichtige Bausteine im Prozess des Schriftspracherwerbs darstellen. Nur muss man sie mit den realen Erlebenssituationen der Kinder in Verbindung bringen. Von Diktaten halte ich in diesem Zusammenhang nicht viel.

Wie bringen die Grundschullehrer den Kindern das Schreiben bei?

Ausgehend von der Druckschrift über die Schulausgangsschrift hin zur individuellen Handschrift werden die Schreiblehrgänge individuell gehandhabt.

Viele arbeiten mit der Fibel, was der analytisch-synthetischen Methode entspricht, andere nach der Lesen-durch-Schreiben-Methode. Meist wird eine Mischform praktiziert. Vor-aussetzung sind eine Abstimmung aller Lehrer über die gewählte Methode, wobei die Eltern einbezogen werden müssen, und ein pädagogischer Diskussionsprozess über deren Vor- und Nachteile. Wichtig ist , immer den konkreten Schüler im Blick zu haben, seine Kompetenzen, seine Voraussetzungen und seine Entwicklung.

Was eignet sich denn besonders zum Schreibenlernen: der Füllfederhalter, der Bleistift, ein Kugelschreiber?

Das kann so allgemein nicht beantwortet werden, da auch hier wieder die individuellen Voraussetzungen des Schülers ausschlaggebend sind. Deswegen empfehlen wir, dass die Lehrer diese Frage sehr individuell klären. Wichtig ist eine unverkrampfte Schreibhaltung des Kindes. Es hat wenig Sinn, einem Kind mit feinmotorischen Problemen einen Füller in die Hand zu geben, bei dem es gleich die Feder zerdrückt. Oder einen Bleistift, bei dem sofort die Spitze abbricht. Wichtig ist auch hier ein intensiver Austausch zwischen den Lehrern, den Eltern und dem Kind.

Ein häufig vorgebrachtes Argument gegen die neue Art des Schreibenlernens ist das, es gebe zu wenig Deutschstunden.

Dieses Argument ist so alt, wie es Unterricht und Stundentafeln gibt: Egal, wie viele Stunden es sind, es sind immer zu wenige. "Mein Fach hat zu wenige Stunden" - das sagen viele Lehrer. Fakt ist, dass die Thüringer Schulordnung für die Grundschule vorsieht, dass für die Fächer Deutsch und Mathematik in der Klassenstufe 1 wöchentlich zehn bis elf Stunden Unterricht zu erteilen sind, wobei der Lehrer hier Flexibilisierungsmöglichkeiten hat. Und letztlich gilt aber in allen Fächern das muttersprachliche Prinzip, das heißt, es muss in jedem Fach den Normen der deutschen Sprache entsprechend geschrieben werden.

Ist der neue Lehrplan inzwischen schon auf den Prüfstand gestellt, also evaluiert worden?

Nein, aber wir erhalten natürlich viele Rückmeldungen von Praktikern aus der Schule, die im Prinzip bestätigen, dass die hohe Flexibilität des Lehrplans und die Individualisierungsmöglichkeiten sehr zielführend sind. Wir wissen aber auch, dass die Eltern Fragen haben und teilweise auch verunsichert sind, weil Kinder an unterschiedlichen Grundschulen heute auch unterschiedlich lernen können. Es gibt - erlauben Sie mir, dass ich das hier sage - zum Glück, kein Schema F mehr, nach dem alle Kinder "beschult werden", und dies halte ich für gut, da Lernen ein höchst individueller Prozess ist. Diese wissenschaftliche Erkenntnis muss sich im Interesse unserer Kinder in allen Köpfen durchsetzen.

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