„Ich fühlte mich gedemütigt“: Krebspatientin kämpft gegen Krankenkasse

Erfurt.  Sabine Dettmer aus Erfurt kämpft gegen den Krebs – und ihre Krankenkasse, die für ein Medikament nicht zahlen will.

Berge von Akten dokumentieren inzwischen den Rechtsstreit zwischen Sabine Dettmer und ihrer Krankenkasse.

Berge von Akten dokumentieren inzwischen den Rechtsstreit zwischen Sabine Dettmer und ihrer Krankenkasse.

Foto: Esther Goldberg

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Sabine Dettmer verschwindet fast hinter ihren Aktenordnern. Seit 2015 haben sich Klagen, Gutachten, Entscheidungen, Fragebögen angesammelt.

Vor fünf Jahren noch hatte sie ein ganz normales Leben. Dann kommt der Sommer 2015: Sabine Dettmer ertastet einen Knoten in der linken Brust. Der Krebs hat schon Zellen in die Lunge und in die Knochen geschickt hat. Nun läuft jenes Programm an, das fast immer ungefähr ein Jahr dauert: Chemotherapie, Operation und wieder Chemo. Die Ärzte sprechen von einem metastasierten Mammakarzinom.

Ihre Cousine, eine Biologin, weiß, dass es ein Medikament gibt, das ihr helfen könnte. Es handelt sich um einen Hormonblocker. „Die Toleranz gegenüber Tumoren kann dadurch aufgehoben werden, so dass das Medikament die Tumorantigene als artfremd erkennen kann“, versichert die Fachfrau.

Das klingt nach Hoffnung. Sabine Dettmer wendet sich an den Arzt Thomas Neßelhut in Duderstadt. Der hat das Medikament, das in Deutschland nur als Schwangerschaftsstopp-Pille RU 486 zugelassen ist. Er hat die Genehmigung, diese Pille auch für Menschen wie Sabine Dettmer auszugeben.

Sicherheitshalber fragt sie auch ihren behandelnden Erfurter Onkologen. „Wenn ich könnte, würde ich es Ihnen verschreiben“, rät er zu. Aber er darf nicht. Sabine Dettmer nimmt diese Pille ab August 2016. Zunächst jeden Tag eine. Kostenpunkt für drei Stück: 80 Euro. Und sie nimmt auch jene Medikamente, die von der Krankenkasse anerkannt sind. Ein Bluttest im Sommer vorigen Jahres belegt, dass sie keine Krebszellen mehr hat.

Ihre Zuversicht schwindet mit jeder Stunde vor Gericht

Sie beantragt, die Krankenkasse möge die Kosten übernehmen. Die sagt Nein. Weil das Medikament nicht für diese Diagnose zugelassen ist. Wenn es aber hilft? Sabine Dettmer bittet eine Anwältin um Rat und fragt den Duderstädter Arzt. Beide ermuntern sie zur Klage.

Was dann folgt, sind viele Monate mit Fragebögen. Das Gericht schaltet den Medizinischen Dienst der Krankenkassen ein. „Ich habe den Arzt nie gesehen“, erinnert sich Sabine Dettmer. Der nimmt nur die Unterlagen und hält es nicht für sinnvoll, das Medikament zu bezahlen. Das Gericht schaltet deshalb noch eine weitere Gutachterin ein, bei der sich Sabine Dettmer in Coburg vorstellen muss.

Dann kommt der 22. Juli 2019. Das Gericht verhandelt in Sachen Dettmer gegen Barmer. Sabine Dettmer ist zuversichtlich. Dass sie lebt, ist doch der Beweis, wie richtig die Entscheidung ist, dieses Medikament ergänzend zu nehmen. Doch die Zuversicht verschwindet in den nächsten Stunden. Im Namen des Volkes wird die Klage abgelehnt. Obwohl alle behandelnden Ärzte für das Medikament sind. Thomas Neßelhut, der extra aus Duderstadt angereist ist, wird gar nicht gehört. In dem Gutachten aus Coburg heißt es dagegen: „Diese Krankheit verläuft nicht regelmäßig tödlich oder akut lebensbegrenzend.“

Die Kosten für ein Gutachten soll sie selbst übernehmen

Dagegen steht Neßelhuts Feststellung, dass entsprechend einer Statistik „die Prognose der Patientinnen, die zwischen 1988 und 2016 an einem primär metastasierten (gestreuten- d.R.) Mammakarzinom erkrankten, mit einer Fünf-Jahres-Überlebensrate kleiner 30 Prozent äußerst ungünstig ist“. Mit anderen Worten: Sieben von zehn Frauen, die auf diese Weise erkranken, sterben innerhalb der ersten fünf Jahre.

Sabine Dettmer ist entsetzt. Wie kann man vor Gericht etwas behaupten, das nach ihrem Verständnis und nach dem Verständnis des behandelnden Arztes unwahr ist?

„Vor allem aber hat mich die Art und Weise verletzt, wie mit mir umgegangen wurde“, sagt sie und meint damit unter anderem auch, dass sie beispielsweise die Kosten für das medizinische Gutachten von Neßelhut übernehmen soll. Zumeist werden solche Gutachten vom Sozialgericht finanziert. Weil jeder das Recht auf Klage vor einem Sozialgericht haben soll - auch dann, wenn man nur wenig Geld hat. Schlimmstenfalls sind es die Anwaltskosten, die selbst zu zahlen sind, wenn man keine Prozesskostenhilfe bekommt oder keine Rechtsschutzversicherung hat. Sabine Dettmer hat zum Glück eine solche Versicherung. Und sie hat immer noch den Nerv, um ihr Recht zu streiten. Reichlich 18.000 Euro allein für dieses Medikament haben sie und ihr Mann inzwischen privat gezahlt, um den Krebs in Schach zu halten.

Reicht die Lebenszeit noch bis zur Zulassung des Medikaments?

„Aber ich verlasse mich nicht nur auf diese Pille, die noch nicht für meine Diagnose zugelassen ist“, sagt sie. Sie hat ihre Ernährung umgestellt, macht Ozontherapie, hat sogar ihre Arbeitsstelle gewechselt. „Ich arbeite gern, aber ich halte zu viel Stress nicht mehr aus.“ Die neue Arbeit im öffentlichen Dienst macht ihr viel Freude. Die Privatwirtschaft liegt hinter ihr. Sie nimmt Nahrungsergänzungsmittel, und sie hofft, dass sie es noch lange schafft, bei ihrem gerade mal volljährigen Sohn und bei ihrem Mann zu bleiben. Sie ist doch erst 45...

Die Krankenkasse wird freiwillig nicht zahlen. Sie kann sich darauf berufen, dass es für dieses Medikament noch keine abschließenden Studien gibt. Da hat die Kasse recht.

Nur: Reicht die Lebenszeit von Sabine Dettmer aus, auf das Studienende zu warten? Oder soll sie riskieren, einfach dieses Medikament weg zu lassen? „Das wäre Russisches Roulette“, sagt sie. Was, wenn es tatsächlich dieses Medikament ist, das dafür sorgt, dass sich die Krebszellen in ihrer Blutbahn nicht mehr nachweisen lassen? Sabine Dettmer hofft auf Einsicht. Ja, sie hat das Glück, dass sie diese 400 Euro (bis vor kurzem waren es sogar 800) im Monat irgendwie aufbringen kann mit ihrem Mann. Aber was wäre, wenn sie nicht mehr beide berufstätig sein könnten?

Die Richter am Landessozialgericht sind um die Entscheidung nicht zu beneiden. Sabine Dettmer um ihren elenden Krebs auch nicht.

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