Lebensrettung vor Datenschutz: Über Digitalisierung im Gesundheitswesen

Weimar  „Datenschutz ist wichtig“, unterstreicht Guido Dressel. Es sei aber nicht zu rechtfertigen, dass die Patientensicherheit aus Gründen des Datenschutzes blockiert worden sei. Notfalldaten oder Hinweise auf Medikamente fehlen auf der Gesundheitskarte.

Weimarer Gespräche zur Digitalisierung im Gesundheitswesen: An den von TLZ-Cheredakteur Nils R. Kawig (2.v.l.) moderierten Podiumsdiskussionen im "Russischen Hof" nahmen auch Dr. Markus Müschenich (v.l.), Dr. Martin Specht und Prof. Dr. André Scherag, beide Universitätsklinikum Jena, teil. Foto: Maik Schuck

Weimarer Gespräche zur Digitalisierung im Gesundheitswesen: An den von TLZ-Cheredakteur Nils R. Kawig (2.v.l.) moderierten Podiumsdiskussionen im "Russischen Hof" nahmen auch Dr. Markus Müschenich (v.l.), Dr. Martin Specht und Prof. Dr. André Scherag, beide Universitätsklinikum Jena, teil. Foto: Maik Schuck

Foto: zgt

Seit Januar 2014 ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK) für gesetzlich Krankenversicherte Pflicht - aber was kann sie? So gut wie nichts. Bislang jedenfalls. Sie speichert zwar die persönlichen Daten des Versicherten, mehr aber auch nicht. Für Guido Dressel, Leiter der Landesvertretung Thüringen der Techniker-Krankenkasse (TK), ein Skandal. Ein Skandal vor allem deshalb, weil es in den vergangenen zehn Jahren seit Einführung der eGK das Leben von Tausenden Patienten hätte retten können, wenn auf der eGK wichtige Notfalldaten oder beispielsweise auch Medikamente, die dem Versicherten verordnet wurden, hinterlegt worden wären. Das aber ist bislang - vor allem aus datenschutzrechtlichen und Sicherheitsbedenken - unterblieben.

"Datenschutz ist wichtig", unterstrich Dressel gestern bei den Weimarer Gesprächen zum Gesundheitswesen, zu denen die TK und das Universitätsklinikum Jena nach Weimar eingeladen hatten und bei denen es diesmal um die Digitalisierung im Gesundheitswesen ging. Es sei aber nicht zu rechtfertigen, dass die Patientensicherheit aus Gründen des Datenschutzes jahrelang blockiert worden sei, auch der einzelne Versicherte nichts tun konnte, um auf seiner Karte Daten wie Arztbriefe oder Befunde speichern zu lassen.

"Datenschutz ist nur die zweitwichtigste Sache"

Auch Dr. Markus Müschenich, Gesundheitswissenschaftler und Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin, sprach sich in den von TLZ-Chefredakteur Nils R. Kawig moderierten Runden mit aller Deutlichkeit dafür aus, sich nun endlich "auf die Daten zu fokussieren, die Leben retten. Datenschutz ist nur die zweitwichtigste Sache." Mit einer elektronischen Gesundheitskarte, die diesen Namen auch verdient, könnte aus Müschenichs Sicht die Lebenserwartung in ähnlicher Weise erhöht werden wie einst durch die Hygieneverordnung.

Die eGK - ein Feld der Digitalisierung, das bislang schon etwa eine Milliarde Euro gekostet hat - hätte auf lange Sicht aber auch den Effekt der Kostenersparnis, der wiederum allen Versicherten zugute käme: Zum einen dadurch, dass etwa Doppeluntersuchungen vermieden werden könnten und Behandlungsdaten im Notfall schneller verfügbar wären. Zum anderen in der Verwaltung. TK-Chef Guido Dressel beschrieb das am Beispiel einer Krankschreibung: Noch ist es so, dass der Patient zum Arzt kommt, dort seine eGK vorlegt, den Arzt konsultiert und eine Krankschreibung in Papierform erhält. Mit dieser geht er zu seiner Kasse, wo das Papier eingescannt wird. "Der galoppierende Wahnsinn", fasste Dressel dieses aufwändige Procedere zusammen. Würde dagegen mit eGK, Smartphone und Scanner gearbeitet, ließen sich Verwaltungskosten einsparen.

Auch Dr. Ulf Zitterbart, praktischer Arzt in Kranichfeld im Weimarer Land, ist froh dar-über, dass der Gesetzgeber nun die Digitalisierung im Gesundheitswesen forciert - das Bundeskabinett hat am 28. Mai den Entwurf des E-Health-Gesetzes beschlossen und damit konkrete Fristen für den weiteren Ausbau der Vernetzung und für elektronische Anwendungen festgelegt. An einen Erfolg der eGK glaubt der Allgemeinmediziner zwar nicht unbedingt. Er wünscht sich aber endlich eine "bessere Vernetzung unter den Playern", eine gemeinsame Plattform, auf der Haus- und Fachärzte sowie die Krankenhäusern miteinander kommunizieren und Patientendaten austauschen können. "Die Patienten sind besser vernetzt als wir", sagte Zitterbart. Viele Patienten nutzten bereits Apps. Diabetiker zum Beispiel oder Hypertoniker, die in diesen Apps eine Art Behandlungspfad fänden. "Gute Apps wirken wie ein Medikament", bestätigte Dr. Müschenich - und appellierte an die Ärzteschaft, Qualitätskriterien für solche Apps zu schaffen. An ihrer Nutzung zeige sich jedenfalls, dass die Patienten im Interesse ihrer Gesundheit gar nicht so viel Scheu hätten, ihre Daten digital erfassen zu lassen, wie es die Datenschützer nicht müde werden zu behaupten.

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