Schlimme Erfahrungen im Kreißsaal – Frauen brechen ihr Schweigen

Weimar  Zwei Frauen aus Thüringen sprechen über das Martyrium während der Geburt. Der Hebammenverband fordert bessere Arbeitssituation für Geburtshelfer.

Eine Hebamme tastet den Bauch einer Frau ab, die kurz vor der Entbindung steht. Das Vertrauen, das Schwangere in Geburtshelfer setzen, ist groß – doch in nicht wenigen Fällen wird es wegen zumeist schlechter Arbeitsbedingungen enttäuscht. Dagegen begehren Frauen und Hebammen nun auf.

Foto: Caroline Seidel/dpa

Es war für sie der reinste Horror. Ein geradezu albtraumhaftes Erlebnis. Eine Erfahrung, die sie keiner anderen Frau wünscht. Katja* aus Mittelthüringen, Mutter einer Tochter und eines Sohnes, denkt mit Grauen an ihre erste Entbindung zurück. An ein – wie sie es empfand – stundenlanges Martyrium, an dessen Ende eine Hebamme „mit vollem Körpereinsatz“ gegen ihren Babybauch drückte und ein Oberarzt gleichzeitig das Kind mit der Zange aus ihr herauszog.

„Mein Kind, ein Sternengucker, hat sofort geschrien wie am Spieß und auch lange Zeit nicht wieder damit aufgehört“, erinnert sich die heute 36-Jährige an diesen Tag im September 2013. An die Stunde, da eine Mutter eigentlich von Liebe für das kleine Wesen überflutet werden sollte, das sie gerade zur Welt gebracht hat.

Stattdessen war Katja mit ihren Kräften und Nerven am Ende und zugleich voller Sorge ob des blau angelaufenen, schreienden Bündels, das ihr Mann nur so lange auf dem Arm halten durfte, bis man es ihm zum Wiegen, Messen und Untersuchen wieder wegnahm.

Als Katja dem Oberarzt später auf die Frage nach dem errechneten Entbindungstermin mitteilte, dass ihr Baby an genau diesem Tag zur Welt kommen sollte, habe er mehr zu sich selbst als zu ihr gesagt: „Und warum haben wir dann Ihr Kind so aus Ihnen herausgeprügelt?“

Unfähig, selbst etwas zu tun – Katja war geschwächt, und die frische Dammnaht schmerzte höllisch –, musste sie die Dinge einfach geschehen lassen. Sie wurde auf ein Wöchnerinnenzimmer gebracht, ihr Mann nach Hause geschickt, das Baby kam ins Kinderzimmer. „Eigentlich wollte ich nur noch heim, auch wenn ich kaum gehen konnte“, sagt sie rückblickend.

Letztlich sei sie aber doch noch einige Tage in der Klinik geblieben, weil sie später mit Mann und Kind ein Familienzimmer beziehen durfte, obwohl ihr auch dort immer wieder zu verstehen gegeben worden sei, dass man schließlich viel besser als sie selber wisse, was gut für sie und ihr Kind sei. „Mir wurde zum Beispiel von einer Schwester ernsthaft geraten, mein Baby tagsüber wach zu halten, damit es nachts schläft. Und immer wieder wurde ich auch gefragt, ob man nicht lieber zufüttern solle. Dabei hatte ich von Anfang an viel Milch und wollte sehr gern stillen.“

Bevormundung und Mangel an Empathie

Katja schüttelt den Kopf. Ja, sagt sie, zu dieser Zeit war auf der Station und in den Kreißsälen sehr viel los. So wie das oft gerade im September ist. Die Hebammen und Schwestern hätten ununterbrochen zu tun gehabt, seien überlastet gewesen. Doch das könne, findet sie, keine Entschuldigung für den Mangel an Empathie und auch dafür sein, dass man Frauen bevormunde und ihnen kaum noch Zeit lasse, ihre Kinder in Ruhe zu entbinden und auch kennenzulernen.

Maria*, 33 Jahre alt und ebenfalls zweifache Mutter, nickt zustimmend: „Wenn die Interventionsspirale erst begonnen hat, lässt sie sich kaum mehr stoppen.“ Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Schwangeren vor und während der Entbindung im Krankenhaus oft Angst gemacht und keine Zeit gelassen wird, ihrem Gefühl zu vertrauen und ihr Baby möglichst natürlich und ohne Einleitung, Wehentropf, Dammschnitt oder Kaiserschnitt auf die Welt zu bringen.

Dabei hatte Maria vor der ersten Entbindung im September 2012 ohnehin Angst genug. Schließlich hatte sie ein Jahr zuvor bereits ein Kind durch eine Fehlgeburt in der zwölften Woche verloren. Deshalb war die Furcht, erneut mit leeren Armen und ohne Kind dazustehen, die ganze Schwangerschaft über ihr Begleiter. Trotzdem lehnte sie, als die ersten Wehen kamen, den Kaiserschnitt ab, den man ihr förmlich aufdrängte.

„Aber natürlich war ich sehr unsicher, denn immer wieder wurde mir gesagt, dass der Kopfumfang des Kindes und sein Gewicht viel zu groß für eine normale Geburt seien.“ Nachdem sie auf Geheiß der Hebamme stundenlang durch die Klinik spaziert war, sich aber trotzdem nicht viel tat, floh sie zunächst mitten in der Nacht wieder nach Hause. „Das war meine Rettung“, ist Maria überzeugt, „denn ich war längst total verkrampft.“ Als sie dann am Nachmittag dieses Tages mit viel stärkeren Wehen in die Klinik zurückkehrte, ging zwar „alles Schlag auf Schlag“, denn kaum zwei Stunden nach der Ankunft war ihr erster Sohn geboren.

Doch Maria hat nicht vergessen, dass sie es vor Schmerzen im Liegen kaum aushalten konnte, die Hebamme sie aber trotzdem nötigte, auf dem Kreißsaalbett zu bleiben. „Sie herrschte mich an, dass sie schließlich die Hebamme sei. Und wenn ich wolle, dass mein Kind lebend zur Welt kommt, dann müsse ich unbedingt in Rückenlage auf dem Bett bleiben“, sagt sie. Maria hätte sich gern bewegt, um besser mit der Geburt umgehen zu können, zumal sie das Gefühl hatte, dass die Geburt in Rückenlage nur für die Geburtshelfer gut wäre. Aber sie hatte nicht die Kraft und den Mut aufzubegehren.

Auch Marias Kind war ein Sternengucker, der mit dem Gesicht nach oben geboren wurde. Auch ihr Sohn schrie und hatte von Anfang an massive Einschlafprobleme. Als er vier Jahre alt war, diagnostizierte ein Kinderorthopäde bei ihm eine Kopfgelenksblockade, die Auslöser der Probleme gewesen sein könnte. Katja ist davon überzeugt, dass es zu dieser Komplikation nicht gekommen wäre, wenn sie ihr Kind in einer Geburtsposition bekommen hätte, die ihr angenehm gewesen wäre. In der sie sich nicht vor Angst und Schmerz verkrampft hätte.

Immer mehr Frauen brechen ihr Schweigen

Katja und Maria gehören nicht zu den Müttern, die sich bei jeder Gelegenheit mit Berichten über dramatische Geburten wichtigmachen und ihre Entbindungen in den schwärzesten Farben schildern wollen. Aber sie finden es richtig, dass seit einigen Jahren im Zusammenhang mit dem internationalen Aktionstag „Roses Revolution Day“ Gewalt in der Geburtshilfe sichtbar gemacht wird, viele Frauen ihr Schweigen brechen und das Thema selbstbestimmte Geburt diskutieren.

An diesem „Roses Revolution Day“ am 25. November legen weltweit Frauen rosafarbene Rosen vor jenen Krankenhäusern und Kreißsälen nieder, in denen ihnen verbale oder körperliche Gewalt widerfahren ist. Mithin in einer Situation, in der Frauen am schutzlosesten sind.

Dabei äußert sich diese Gewalt auf ganz unterschiedliche Weise. Sätze wie „Stell dich nicht so an! Reiß dich jetzt mal zusammen! Kinderkriegen ist eben kein Spaziergang!“ oder „Weinen hilft Dir jetzt auch nicht“ – Sätze, wie sie auch Katja zu hören bekam – können sich bei der Entbindung wie Faustschläge anfühlen.

Doch Gewalt ist es auch, wenn Intimität nicht gewahrt wird, Türen offen stehen bleiben, während eine nackte Frau unbedeckt auf dem Bett liegt oder gerade untersucht wird. Und erst recht handelt es sich um Gewalt, wenn ohne Erklärung und Zustimmung Fruchtblasen geöffnet oder Dammschnitte gesetzt werden oder aber kristellert wird – kristellern heißt: Von Geburtshelfern wird mit massivem Druck auf den Bauch der werdenden Mutter das Kind nach draußen gedrückt. Ganz abgesehen davon, dass Letzteres ein durchaus umstrittener Eingriff ist.

Katja ist froh, dass ihre zweite Entbindung sie mit der ersten ein wenig versöhnen konnte. Denn obwohl ihr Sohn, der im Mai 2016 geboren wurde, fast fünf Kilo auf die Waage brachte und man ihr im Krankenhaus dringend zu einem Kaiserschnitt geraten hatte, kam das Kind zehn Tage nach dem Termin bei einer Hausgeburt zur Welt.

Sobald die Wehen einsetzten, legte sich Katja in einen in ihrer Wohnung aufgestellten Pool und überließ sich ganz dem warmen Wasser und den Kraftwellen, die immer stärker über sie hinweg rollten. Zehn Stunden nach der ersten Wehe bekam sie ihren Sohn – ohne jede Intervention, hockend und im Wasser, wie es ihr am liebsten war. „Ich habe mein Kind selbst in Empfang genommen“, erzählt sie strahlend. „Das war das Schönste und hat vieles wieder gut gemacht.“ Die Verletzungen, die sie dennoch erlitt, seien schneller als beim ersten Mal geheilt und hätten keine Probleme bereitet. Schon bei ihrer ersten Entbindung hatte sich Katja danach gesehnt, in die Wanne zu steigen. Sie war sich sicher, dass sie den Wehenschmerz dort viel besser ausgehalten hätte. Aber der Wunsch blieb ihr verwehrt.

Hebammenlandesverband weiß um das Problem

Auch Maria ließ sich bei der Geburt ihres zweiten Kindes im Dezember 2014 von ihren eigenen Wünschen leiten und nichts mehr vorschreiben. „Ich war an der ersten Geburt gewachsen. Konnte deutlich sagen, was ich will und was nicht. “ Statt in der Rückenlage brachte sie ihren Sohn in der Hocke zur Welt, nahm ihn auch sofort selbst hoch. „Die Hebamme hat mich ganz anders behandelt, mit Respekt und Verständnis.“

Nur Stunden nach der Entbindung verließ Maria das Krankenhaus, dem Baby und ihr ging es gut, zumal sie beide nun ihrem ganz eigenen Rhythmus folgen konnten.

Heute freuen sich die beiden Frauen an ihren lebhaften, neugierigen, fantasievollen Kindern und denken nur selten an die schlimmen Erfahrungen, die sie während ihrer ersten Geburt gemacht haben. Aber vergessen können sie die schlimmen Erfahrungen nie. Maria: „Das ist schon deshalb nicht möglich, weil ich bis heute das Gefühl habe, dass für meinen ersten Sohn der Start ins Leben alles andere als optimal war.“ Es habe die innige Verbindung, der Moment gefehlt, da ein Neugeborenes seiner Mama direkt nach der Geburt in die Augen blickt und auf ihrer Brust liegt. Maria hat sogar das Gefühl, dass auch ihr großer Sohn diesen Verlust empfindet. Er habe das einmal mit den Worten „Mama, ich habe dich gar nicht richtig gemerkt“ ausgedrückt.

Annika Wanierke, die Erste Vorsitzende des Hebammenlandesverbandes Thüringen, tut die Berichte keineswegs als die von zwei überspannten jungen Frauen ab – und betrachtet sie auch nicht als Generalangriff auf ihren Berufsstand.

Im Gegenteil: Sie weiß um das Problem und verweist auf die Forderung, die der Deutschen Hebammenverband erst zum Frauentag in diesem Jahr erneut erhoben hat: die Forderung nach einem Umdenken in der Geburtshilfe. „Ich finde es wichtig, dass wir uns mit diesem Thema beschäftigen und es auch in den Parlamenten angekommen ist“, sagt sie. Schließlich gehe es im Kern um bessere Arbeitsbedingungen für Geburtshelfer.

Seit Jahren, so Wanierke, mache der Verband darauf aufmerksam, dass Eingriffe den natürlichen Geburtsverlauf stören und eine Körperverletzung darstellen, wenn sie ohne medizinische Notwendigkeit und Aufklärung erfolgen. „Frauen können diese Eingriffe dann als Gewalt erleben.“ Doch was als verbale Entgleisung oder körperlicher Übergriff empfunden werde, habe seine Ursache häufig in schlechten Arbeitsbedingungen, Personalmangel oder fehlender Zeit für gute Kommunikation.

Der Verband fordere deshalb von der Politik Maßnahmen, die die Arbeitssituation von Hebammen nachhaltig verbessern. Dazu gehöre, die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen von Hebammen sowie ihre Vergütung zu verbessern. Die intensive Betreuung einer Frau während der Geburt durch eine Hebamme solle in den Kliniken Standard sein. Durch die Debatte zu Gewalt und Traumatisierungen in der Geburtshilfe bekomme das Recht von Frauen, selbst über sich und ihren Körper zu bestimmen, „aktuell neue Bedeutung“.

Zur Sache: Aktion gegen Respektlosigkeit

Die Roses Revolution ist ei-ne weltweite Aktion gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe. Am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, legen Betroffene an den Orten, an denen sie Gewalt während der Geburt, in der Schwangerschaft oder im Wochenbett erlebten, einen Brief und eine Rose nieder, um ein Zeichen für würdevolle Geburtsbegleitung zu setzten.

Im Januar startete eine Bundestagspetition mit dem Ziel einer umfassenden Geburtshilfe-Reform.

Weitere Informationen zur Roses Revolution sowie zu der Petition und der Mög-lichkeit, sie zu unterzeichnen, gibt es im Internet: www.gerechte-geburt.de

* Die Namen der Frauen im Beitrag wurden redaktionell geändert.

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