1961 ins Heim gesteckt: Angelika aus Erfurt ist seither voller Angst

Erfurt/Jena/Weimar/Karlsruhe  Der lange Arm der Stasi: Ihre Mutter wird wegen „staatsfeindlicher Hetze“ eingesperrt und damit verändert sich für die Siebenjährige schlagartig alles.

Angelika mit ihrer Mutter Ende der 1950er Jahre : Das Mädchen trägt ein Matrosenkleid, das die Mutter genäht hatte. Im September 1961 wurde die Mutter inhaftiert und Angelika kam ins Heim. Foto: privat

Angelika mit ihrer Mutter Ende der 1950er Jahre : Das Mädchen trägt ein Matrosenkleid, das die Mutter genäht hatte. Im September 1961 wurde die Mutter inhaftiert und Angelika kam ins Heim. Foto: privat

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Angelika ist sieben Jahre alt im September 1961. Wenige Tage zuvor wurde sie eingeschult. Sie lebt mit ihrer Mutter Ilsetraut und ihrer sechs Jahre älteren Schwester Elke in Ellrich im Norden Thüringens. Seit dem 13. August sind die Grenzen dicht. Ihre zwölf Jahre ältere Schwester Christa ist kurz vor dem Mauerbau heimlich in den Westen gegangen. Sie schreibt vom Bodensee, wie schön es dort ist und wie schnell sie Fuß gefasst hat, auch beruflich. Damit widerlegt die 19-Jährige die DDR-Propaganda vom ausbeuterischen Westen.

Mutter Ilsetraut ist nach einer bitteren Scheidung alleinerziehend - und muss hart arbeiten: Sie hat einen Job als Reinigungskraft bei der Reichsbahn in Nordhausen. Das bringt gutes Geld. Ilsetraut fühlt sich sicher. Unter Kollegen in der Brigade hält sie mit ihrer Meinung über das DDR-Regime nicht hinterm Berg. Das geht nicht lange gut: Ilsetraut wird verpfiffen.

Es klopft an der Tür: Jetzt holen sie mich

Es ist das erste Wochenende im September 1961. Mutter hat Gehacktes gekauft. Es soll Klößchen geben. Nun bereitet sie einen Hefeteig. Besuch wird nicht erwartet. Als dennoch jemand an die Tür klopft, sagt Ilsetraut zu ihren Töchtern: Jetzt holen sie mich. Diesen Satz wird Angelika ihr Leben lang nicht vergessen. Die Mädchen rennen durch den Hinterausgang in den Garten, verstecken sich. Doch das schützt sie nicht. Sie werden geholt - in einen Barkas gepfercht, jedes Kind sitzt für sich. Die Mutter kommt in den Stasi-Knast. Die Kinder werden getrennt. Die Ältere kommt in ein Heim in Netzkater bei Nordhausen. Angelika landet in Seebach bei Mühlhausen.

Das alles ist lange her - und doch ganz präsent. Angelika, inzwischen eine Frau von 61 Jahren, trägt eine schwere Bürde: Die Angst, dass jederzeit jemand kommen könnte, um sie mitzunehmen und einzusperren, wie es einst der Mutter geschah, hat sie nie verlassen. Und je länger dieses Kindheitstrauma zurückliegt, desto schlimmer wurde die seelische Last. Depressionen. Das Gefühl der völligen Sinnlosigkeit. Sie war lange krank, psychisch angeschlagen. Sie wollte sich das Leben nehmen - und hat, dank guter Ärzte und der richtigen, aber zuzahlungspflichtigen Medikamente, inzwischen wieder Lebensmut gefasst.

Angelika ist unbestritten das Kind eines Diktaturopfers. Angelika sieht sich aber auch selbst als Diktaturopfer - und deshalb liegt sie im Streit mit der Justiz. Es stelle sich doch die Frage, um wie viel unbeschwerter ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihre Mutter nicht wegen vermeintlich „staatsfeindlicher Hetze“ eingesperrt worden wäre, sagt sie im TLZ-Gespräch. Sie wollte sich deshalb rehabilitieren und entschädigen lassen. Das Landgericht in Erfurt sah das mit ihrer Opferrolle genauso wie sie und folgte damit anderen Gerichtsentscheiden. Das Oberlandesgericht Jena nicht. Nun kam der Fall vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe - und jetzt ist klar, dass nur noch im Einzelfall ein Kind, das wegen der politischen Kriminalisierung der Eltern zu DDR-Zeiten ins Heim gesteckt wurde, als Opfer zu betrachten ist. Ob Angelika so ein Einzelfall ist, muss sich noch weisen.

Schüchterne Angelika wird zu einer kleinen Anführerin

Zurück in die frühen 1960er Jahre: Angelika wird die nächsten 22 Monate in dem Kinderheim in Seebach bei Mühlhausen leben. Das Mädchen leidet vordergründig nicht. Angelika, eigentlich schüchtern, wird eine kleine Anführerin und eine gute Schülerin. Im Heim hat jedes Kind kleine Aufgaben. Sie achtet darauf, dass alle Arbeit gemacht wird. Angelika ist mutterseelenallein. Aber nach außen wirkt sie fröhlich. Es gibt ein Foto von ihr und anderen Heimkindern beim Rodeln: Sie lacht übers ganze Gesicht und wirft die Arme schwungvoll in die Luft.

Im Sommer 1963 - Angelika macht gerade mit den anderen Kindern Hausaufgaben - geht die Tür auf. Eine grauhaarige, verhärmte Frau betritt den Raum. Mutti, ruft Angelika. Und sagt heute: Diese Frau glich in nichts meiner Mutter. 1961 war Ilsetraut, Jahrgang 1921, eine große Blondine gewesen. Eine Dame, die sehr auf ihr Äußeres achtete. Zwei Jahre später wirkt sie wie eine alte Frau. Die 20 Monate im Knast haben sie gebrochen. Und hart gemacht.

Alles ist anders, als Angelika zwei Monate später das Heim verlassen und zu ihrer nach Erfurt umgesiedelten Mutter ziehen darf. Die Frau ist zermürbt. Schlechtes Essen. Einzelhaft, weil sie sich gegen einen sexuellen Übergriff durch eine andere Gefangene wehrt. Wenig werden die Töchter über diese Demütigungen erfahren. Doch das wenige genügt, um zu verstehen, warum die Mutter so anders ist.

Die Mutter führt ein hartes Regiment

Was der Knast mit der Mutter gemacht hat, bekommen auch Angelika und ihre ältere Schwester zu spüren. Die Mutter führt ein hartes Regiment. Die Kinder müssen funktionieren und Ordnung halten. Für Mutterliebe ist da wenig Platz. Die Familie ist fremd in Erfurt - und Mutter wie Töchter werden beargwöhnt. Angelika gilt bald als renitent. In der Dorfschule von Seebach war sie die Beste. Jetzt verschlechtern sich ihre Noten. In Betragen hat sie nur noch eine Drei. Von einem Lehrer hört sie, im Kollegium sei über sie gesprochen worden. Das verheißt nichts Gutes.

Die Mutter hat einen schweren Stand. Sie geht arbeiten in der Schuhfabrik Paul Schäfer - und spricht aus bitterer Erfahrung mit ihren Kollegen kein unnötiges Wort. In Nordhausen hatte sie ihre Meinung offen gesagt - und wurde verpfiffen. Jetzt wird ihr das Schweigen als Verstocktheit angekreidet. Die Akten füllen sich mit übler Nachrede. Auch von den Nachbarn. Die Spitzelei hört und hört nicht auf. Zehn Jahre lang - weiß Angelika inzwischen durch Einsicht in die Akten - war die Mutter im Visier der Stasi. Die Frau wird manisch-depressiv. Sie leidet an den Folgen der Knastzeit, aber auch an der vorhergegangenen Demütigung durch ihren untreuen Ehemann und die darauf folgende Scheidung. Der Mann ist längst wieder verheiratet, hat mit seiner neuen Frau zwei Kinder. Als seine Töchter im Heim waren, holte er sie nicht zu sich. Doch später durften die Schwestern manchmal und jede für sich Ferientage bei ihm verbringen.

Angelika leidet unter dieser Situation, aber sie macht ihren Weg. Sie ist eine fleißige junge Frau, studiert in Weimar.

Kein spätes Glück im Westen

Die Mutter bekommt Unterleibskrebs, wird früh Invalidenrentnerin - und hat kaum das Nötigste zum Leben. Die Tochter gibt ihr vom Leistungsstipendium 40 Mark im Monat ab. Angelika wird Erzieherin mit Lehrbefähigung in Musik und Kunst. Sie heiratet. Kinder sind ihr und ihrem Mann nicht vergönnt.

1987 kommt Mutter Ilsetraut von einem Westbesuch nicht zurück. Doch sie findet kein spätes Glück im Westen - sondern stirbt bald. Am Krebs - und wohl auch an den Langzeitfolgen des Knast-Aufenthaltes. Die Töchter dürfen nicht mehr in die Wohnung der Mutter. Die Stasi bemächtigt sich des Erbes. Angelika sieht kurz darauf in einem Antiquitätengeschäft auf der Krämerbrücke ein besonders schönes Meißner-Porzellan-Stück, das ihrer Mutter gehört hatte. Und in einem An- und Verkauf unweit des Domes gibt es Heimwäsche zu kaufen, die Angelikas Mutter geschneidert hat. Schneidern konnte sie gut. Als ihre Mädchen klein waren, hatte sie ihnen die meisten Kleider genäht.

Jetzt holt sich der Staat alles: Was zu verwerten ist, wird von der Stasi in den Wirtschaftskreislauf eingebracht. Der Rest geht auf den Müll. Deshalb hat Angelika heute auch nur ganz wenige Fotos von sich aus ihrer Kinderzeit - und kaum Bilder aus der Zeit davor. Die Alben der Mutter bleiben verschwunden. Nur wegen eines Sparbuchs, auf dem zwei Mark Guthaben liegen, wird Angelika einbestellt. Als sie nach den anderen Wertgegenständen fragt, heißt es: Man habe ihre Adresse nicht gehabt, als die Wohnungsauflösung anstand... Eine Lüge. Doch sie kann nichts machen.

Mit dem Ende der DDR hofft Angelika auf Gerechtigkeit

Angelikas Schwester geht kurz danach in den Westen. Da sind es nur noch zwei Jahre bis zum Mauerfall. Mit dem Ende der DDR hofft Angelika auf Gerechtigkeit. 25 Jahre zieht sich diese Hoffnung schon hin - und womöglich wird sie schon in wenigen Tagen final enttäuscht werden.

Dabei sah es lange so aus, als würden die Schwestern rehabilitiert und für ihrer Heimzeit entschädigt. Das Landesverwaltungsamt in Meiningen hatte schon nach der Kontonummer gefragt. Das Gericht in Erfurt hatte positiv entschieden. Doch dann kam Staatsanwalt Lehmann und hatte Vorbehalte. Das Oberlandesgericht Jena folgte seiner Argumentation. Und weil nun widersprüchliche Gerichtsentscheide vorlagen, musste der Bundesgerichtshof die Zielrichtung vorgeben. Das geschah - wie berichtet - im März. Bald danach hat Angelika vom Oberlandesgericht Jena einen Brief erhalten, wie sich der Sachverhalt darstelle - und dass sie Stellung nehmen könne bis 8. Juni. Wer den Brief liest, kann sich denken, dass der Fall beinahe so gut wie entschieden ist: Angelika kam nicht zur Strafe ins Heim, sondern aus Fürsorge, meinen die bundesdeutschen Juristen. Schließlich: Die Mutter konnte die Mädchen nicht versorgen, weil sie in Haft gesteckt wurde. Die Kinder konnten von niemand anderem aus der Verwandtschaft versorgt werden. Also blieb nur das Heim.

Die Zeit im Heim hat Spuren hinterlassen

Angelika findet diese Betrachtungsweise nicht nur abwegig, sondern geradezu zynisch. Sie sei doch nur ins Heim gekommen, weil die Mutter angeschwärzt und politisch verfolgt wurde. Weil es als Verbrechen galt, dass sie den Kollegen davon erzählte, wie gut es ihrer ältesten Tochter am Bodensee ging - und weil sie sich einen Katalog hatte schicken lassen, den sie unter der Matratze versteckte. „Staatsfeindliche Hetze“. Ein großer Straftatbestand für eine schwer arbeitende Putzfrau bei der Reichsbahn, die ihren Mund nicht halten wollte.

Die Zeit im Heim hat bei Angelika Spuren zurückgelassen. Das war die Angst, wie die Mutter wegen offener Worte verhaftet zu werden. Angelika ist infolge ihrer Traumatisierung zu 50 Prozent schwerbeschädigt. Hortnerin ist sie schon lange nicht mehr. Sie hat sich weitergebildet am Computer und eine gute Arbeit in der Verwaltung gefunden. Sie hat sich nicht in vorzeitigen Ruhestand schicken lassen. Sie arbeitet gern. Zu ihrem Bereich gehört es im weiteren Sinn, sich mit den Ansprüchen von Flüchtlingen zu befassen. Das, was sie dort erfahren hat und als richtig erachtet, will sie dem Gericht schreiben: Bei Flüchtlingen wird bei der Bewertung des Asylgrunds nicht unterschieden zwischen Eltern und minderjährigen Kindern. Sind die Eltern Opfer von Verfolgung, sind es die Kinder auch. Das leuchte jedem ein, sagt Angelika. Sie möchte nicht falsch verstanden werden. Sie missgönne keinem seinen Status, sagt sie. Aber sie möchte, dass das Gericht in ihrem Fall nicht von staatlicher Fürsorge spricht bei der Heimeinweisung, sondern von einer Zwangsmaßnahme, bei der Kinder in Sippenhaft genommen wurden. Und deswegen will sie rehabilitiert und entschädigt werden.

Zum Verfahren: Rechtsstaatswidrige Freiheitsentziehung oder Fürsorge?

Die Unterbringung von Kindern politisch verfolgter Eltern in ein DDR-Kinderheim gilt nicht in jedem Fall als politische Verfolgung. Nur wenn die Heimunterbringung dazu diente, das Kind zu benachteiligen oder die Eltern auf diese Weise zu disziplinieren, bestehe Anspruch auf Rehabilitierung und Entschädigung, entschied der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe; Aktenzeichen: 4 StR 525/13. Zuvor hatte es unterschiedliche Urteile in solchen Fällen gegeben. Im jetzt entschiedenen Rechtsstreit sah sich eine Frau aus Thüringen - es handelt sich um Angelika H. aus Erfurt - von den damaligen DDR-Behörden als politisch verfolgt an. Ihre Mutter wurde wegen „staatsgefährdender Hetze“ Anfang der 1960er Jahre zu einer 20-monatigen Haftstrafe verurteilt. Die Klägerin wurde daher als Siebenjährige in dieser Zeit zwangsweise in einem regulären Kinderheim untergebracht, ebenso ihre Schwester. Die Mutter - mittlerweile längst verstorben - wurde rehabilitiert. Auch die Tochter stellte einen Rehabilitierungsantrag und hoffte auf eine Entschädigung. Die Kinderheimunterbringung basiere auf der politischen Verfolgung der Mutter. Es habe sich um eine rechtsstaatswidrige Freiheitsentziehung gehandelt, urteilte das Landgericht Erfurt.

Doch der BGH entschied: Allein eine Kinderheimunterbringung stelle noch keine politische Verfolgung dar, die einen Rehabilitierungs- und Entschädigungsanspruch begründe. Dies sei nur dann der Fall, wenn die Heimunterbringung das Ziel habe, das Kind politisch zu benachteiligen. „Auch die zur politischen Disziplinierung von Eltern oder Verwandten angeordnete Heimunterbringung stellt sich als politische Verfolgung dar.“ Im Beschluss wird erwähnt, dass das Kind von den DDR-Behörden aus Fürsorgepflichten in das Kinderheim kam.

Über das Verfahren muss jetzt das Oberlandesgericht Jena abschließend entscheiden.

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