Albrecht Schröter besucht "Islamischen Kulturverein" in Jena

Im Eingangsbereich steht ein Schuhregal. Selbst wenn man keine Ahnung vom Islam hat: Instinktiv zieht man hier seine Schuhe aus. Die mit Teppich ausgelegten Gebetsräume des "Islamischen Kulturvereins" betritt man in Strümpfen. Die Männer tragen weiße Gebetskappen.

Oberbürgermeister Albrecht Schröter (rechts) im Gespräch mit den Mitgliedern des "Islamischen Kulturvereins". Foto: Jördis Bachmann

Oberbürgermeister Albrecht Schröter (rechts) im Gespräch mit den Mitgliedern des "Islamischen Kulturvereins". Foto: Jördis Bachmann

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Jena. Jeden Freitag treffen sich Jenaer Muslime, um gemeinsam zu beten. Das Freitagsgebet ist eine religiöse Verpflichtung. Frauen werden zwar freundlich in den Räumen des "Islamischen Kulturvereins" empfangen, allerdings reichen die Männer ihnen zur Begrüßung nicht die Hand, sondern begrüßen sie mit einem Kopfnicken.

Es ist dem Platzmangel geschuldet, dass die Frauen - obwohl auch für sie das Freitagsgebet religiös empfohlen ist - nicht mit beten können. Es gibt keinen abgetrennten Bereich für die Frauen. In den Räumen des "Islamischen Zentrums" in der Wagnergasse, der zweiten "Moschee" in Jena, treffen sich jeden Freitag etwa 150 Muslime zum Beten. Dort gibt es auch einen Bereich für die Frauen.

Gestern besuchte Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) die muslimische Gemeinde im Damenviertel. "Angesichts von Entwicklungen, die mir persönlich gar nicht gefallen - ich spreche hier vor allem von Pegida - war es mir ein Bedürfnis, mit meinem Besuch im Gebetsraum des Vereins ein Zeichen zu setzen - für Respekt und Anerkennung", sagte Schröter. Toleranz bedeute nicht, jemanden notgedrungen zu akzeptieren, sondern die Wahrheit des anderen als eine Möglichkeit zu verstehen, die eigene Wahrheit zu vergrößern. Das Attentat in Paris auf die Redakteure des Satiremagazins "Charlie Hebdo" dürfe auf keinen Fall von Bewegungen wie Pegida instrumentalisiert werden.

Omar Nassimi vom "Islamischen Kulturverein" sieht das Internet als einen entscheidenden Aspekt bei der Radikalisierung von Gläubigen. Viele Inhalte im Netz würden eine radikale Anschauung befördern, indem Inhalte aus dem Kontext gerissen werden. "Eine intakte Moschee als zentraler Ort, an dem sich Muslime treffen können und ein gut ausgebildeter Imam als religiöses Oberhaupt der Gemeinde, wären wichtig, um einer Radikalisierung entgegenzusteuern. Religiöse Bildung ist notwendig."

Oberbürgermeister Schröter wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass viele Menschen in der westlichen Welt mit dem Islam noch nie in Berührung gekommen seien, was zu Verunsicherung und Missverständnissen führe.

"Ich selbst pflege gute Beziehungen nach Palästina. Ich bin Christ, aber mit den Gepflogenheiten des Islam gut vertraut. Die christlichen Grundgedanken unterscheiden sich im Ansatz nicht wesentlich von den islamischen. - Und immer geht es um die Kraft der Liebe in der Welt." Der Westen trage mit seiner "zur Schau getragenen Weltmacht" zu einem ungesunden Verhältnis zwischen den Kulturen bei. "Auch wir sollten über uns reflektieren", sagte Schröter. Das Recht, jemanden als ungläubig zu bezeichnen, besitze niemand.

Dass sich Muslime in Jena sicher und wohl fühlen können, dafür wolle Schröter weiterhin eintreten. Er sicherte unter anderem seine Unterstützung bei der Suche nach größeren Räumlichkeiten für den "Islamischen Kulturverein" zu. Durch die wachsende Zahl der Flüchtlinge in Jena wachse auch die muslimische Gemeinschaft.

Etwa 500 Muslime leben derzeit in Jena, schätzt Nassimi. Der Jenaer Muslim Wolfgang Hasselberg bat an dieser Stelle um Asyl für die Menschen aus Syrien. "Die Wirtschaftsmetropole Aleppo ist heute nur noch ein Schutthaufen. Auf diesem Haufen sitzen noch immer Familien mit Kindern. Jeden Tag besteht die Gefahr, dass diese Familien kleiner werden."

Schröter erklärte, dass in Jena eine sehr offene Asylpolitik betrieben werde. Derzeit lasse er beispielsweise prüfen, ob man in Jena eine Aktion aufgreifen kann, die bereits in Heidelberg durchgeführt wurde: Auf den Rückseiten von Straßenschildern wurde hier der Spruch aufgeklebt: "Krank und ohne Papiere?" und dann ein Hinweis darauf, wo sich Betroffene melden können.

Papierlose, Asylbewerber und im Asyl lebende Menschen müssen sich an das Sozialamt wenden, um eine Behandlung bei einem Arzt zu bekommen. Das hält vor allem Papierlose, also Migranten, die ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland leben, davon ab, sich behandeln zu lassen. Der Verein "MediNetz" Jena hat es sich zum Ziel gesetzt, den in Thüringen lebenden Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus, also Papierlosen, medizinische Hilfe zu vermitteln. Genau darauf soll mit der Aktion hingewiesen werden.

Glücklicherweise sei in Jena Weltoffenheit der Normalzustand, sagte Wolfgang Hasselberg. Durch die Universität seien schon immer viele ausländische Stundenten in der Stadt gewesen. Das Klima sei in Jena generell gut. "Jena ist eine Stadt mit einem hohen Bildungsstandard."

Zum Abschluss des Besuchs betete Oberbürgermeister Schröter gemeinsam mit den Muslimen.

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Es wirkt befremdlich, und vielleicht kränkt es die europäische Frau, wenn ihr zur Begrüßung von den muslimischen Männern die Hand verweigert wird. Das symbolische Händereichen ist ein Teil unserer Kultur, und es grenzt an Unmöglichkeit, gänzlich darüber hinwegzusehen, wenn ein Muslim diese Geste verweigert.

Doch ähnlich unmöglich fühlt es sich für ihn an, eine Frau zu berühren, mit der er kein Verwandtschaftsverhältnis pflegt - vor allem in den Gebetsräumen. Natürlich halten sich nicht alle Muslime an dieses religiöse Gebot, das das Berühren zwischen den Geschlechtern verbietet. Die Frage, die sich jedoch aus diesem "Begrüßungs-Konflikt" ergibt, ist: Schafft man es, Grundsätze, Glaubensvorstellungen und kulturelle Gepflogenheiten zu tolerieren - und noch mehr: zu respektieren - obwohl sie einem fremd und gedanklich unzugänglich erscheinen?

Ich kann mit dem Kopf nicken, um muslimische Männer zu begrüßen, solange sie mit dem Kopf nicken, wenn ich sie danach frage, ob es okay ist, wenn ich ein Feierabendbier trinke. Natürlich geht es hier um verschiedene Dinge, einerseits um das zutiefst Heilige und andererseits um Alltäglichkeit. Vielleicht ist unsere moderene Welt schon zu sehr "entspiritualisiert", um das Heilige zu spüren. Doch wer kann schon behaupten, er verstehe, was für sein Gegenüber heilig ist.

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