Am eigenen Schopf aus dem Drogensumpf herausgezogen

Einfach war Nickola Lefroé zu keiner Zeit. Auch nicht als Schüler. Damals in der neunten Klasse an der Gothaer Reyherschule schmiss er einfach alles hin und begann eine Lehre als Maurer. "Ich wollte schon immer bauen", sagt er, "nun konnte ich es. Jedenfalls glaubte ich das." Dann kam der Herbst 1989. Mit dem Umbruch zog es den jungen Mann in die Welt, die ihm bisher verwehrt blieb. Auf einen Lehrabschluss pfiff er.

Nickola Lefroé sitzt gern in dem Schaukelstuhl, den er aus einer alten Kabeltrommel gefertigt hat. Mit solchen Möbeln verdient er sich zusätzlich zu seiner Kunst Geld. Foto: Klaus-Dieter Simmen

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Gotha/Weimar. Er verdiente sich sein Geld als Pizzabäcker und -ausfahrer, malochte in drei Schichten bei Gotha-Druck und in anderen Unternehmen. Glücklich war er dabei nicht. Heute sieht sich Nickola Lefroé in jenen Jahren spöttisch als "leidenden Angestellten". Selbst als er sich mit einem Ein-Mann-Unternehmen als Ton- und Lichttechniker probierte, kam Freude nicht so richtig auf. "Das war die Zeit, in der ich immer öfter zu Drogen griff", gesteht er.

Und dabei konsumierte er, was ihm unter die Finger kam. "Natürlich war mir klar, dass mir die Drogen nur kleine Fluchten erlaubten, aber die kurzen Glücksmomente, jenes Wohlfühlen, das mir der Alltag verwehrte, waren mir wichtig, sehr wichtig. Heute weiß ich, dass ich auf der Suche war. Und das Wort Suche steckt ja in Sucht auch drin."

Er sagte sich: Gut, sterben geht immer noch

Nur aufgerichtet hat ihn in dieser Situation nichts. "Es ging immer weiter bergab, und dann kam der Punkt, an dem ich eigentlich nur eines wollte, nämlich sterben." Eine vertrackte Beziehungskiste in jenen Tagen kam noch hinzu. So verfahren alles aus Lefroés Sicht auch war, es brachte ihn zum Nachdenken. "Da war plötzlich die Frage nach dem Sinn des Lebens, auch Gott spielte in meinen Gedanken eine Rolle. Und eines Tages habe ich mir gesagt: Gut, sterben geht immer noch, lass mich zuerst nach dem Leben sehen. Vielleicht ist da für mich etwas zu finden."

Konkret sah das so aus, dass der junge Mann von Gotha nach Erfurt wechselte, sich einer Entgiftung unterzog und einer Therapie stellte. Das war hart, sehr hart. Aber Nickola Lefroé biss sich durch. "Plötzlich wollte ich mehr vom Leben", sagt er. Und als ihn ein Freund mit den Gedanken der Anthroposophie bekannt machte, öffnete sich dem heute 40-Jährigen eine neue Tür. Er beschäftigte sich mit dem Philosophen und Esoteriker Rudolf Steiner, begann wieder zu zeichnen und zu malen. "Das habe ich schon in der Schule gern gemacht", sagt Nickola. Er sei nicht wirklich ein schlechter Schüler gewesen, bezieht das allerdings auf die Fächer, die ihm Spaß gemacht haben. "Was mir nicht gefiel, hat mich auch nicht interessiert."

Zu seinem Glück gab es in dieser Zeit die Private Fachhochschule für Kunst in Arnstadt. Da wurde der junge Mann mit dem Abschluss der achten Klasse und ohne Beruf immatrikuliert. "Nach dem Eignungsgespräch interessierte dort allein, was ich an künstlerischen Arbeiten vorlegte und was ich zu sagen hatte. Was ich nicht war, kümmerte niemand." Das war 2010, und es begannen gute Jahre für Nickola Lefroé. Als begieriger Student der "Freien Bildenden Kunst" erwarb er die Scheine, die das Studium vorschrieb.

Doch dann zerplatzte das Projekt der privaten Kunstschule wie eine Seifenblase. Das Unternehmen ging pleite. Die Folgen für die Studenten waren unterschiedlich. Einige aus der Fachrichtung Freie Bildende Kunst nahm die Bauhaus Universität Weimar auf. Zu ihnen gehörte auch Nickola Lefroé. "Da fand ich mich plötzlich an dieser Uni wieder. Ein Exot einerseits wegen meines Alters, andererseits hatte ich nicht mehr vorzuweisen als einen Abschluss der achten Klasse."

Noch heute besucht Lefroé Vorlesungen in Weimar. Aber immer seltener. "Ich bin da nie wirklich heimisch geworden." Die Scheine mit dem Stempel der Arnstädter Fachhochschule seien hier Muster ohne Wert. "Das ist aber auch nicht wichtig", sagt er. "Ich brauche keine Scheine, und ich brauche auch keinen Abschluss an der Uni." Was er in Arnstadt und in Weimar gelernt habe, kann ihm keiner nehmen. Und das zählt mehr als ein Papier für ihn, auf dem steht, was er kann.

Mit seiner Kunst hat Nickola Lefroé längst Aufmerksamkeit erregt. Vergangenes Jahr bekam er den Kunstpreis "Partizipia II", im Jahr davor gehörte er zu den Gewinnern des Architektur Award "72 Hour Urban Action" in Stuttgart.

"Ein Leben ohne Drogen ist lebenswert"

Heute stellt sich der Künstler einer neuen Herausforderung. Gemeinsam mit Mädchen und Jungen der Gothaer Myconiusschule will er ein Fenster gestalten - von innen mit Zetteln beklebt, die eine Botschaft nach außen vermitteln. Welche das sein wird? "Das entscheiden die Kinder. Es soll ihr Kunstwerk werden, ich bin lediglich der Mittler."

Bei der Beerdigung eines Freundes aus Tagen exzessiven Drogenkonsums traf er Streetworkerin Angela Gräser. Diese brauchte nicht viel Überredungskunst, um Nickola Lefroé zu bewegen, sich an dem Projekt in der Gothaer Regelschule zu beteiligen. Das geht über mehrere Tage und will den Schülern zeigen, dass ein Leben ohne Drogen lebenswert ist. "Klar, das ist ein Anliegen, das mir am Herzen liegt."

Noch arbeitet der Künstler auf dem Gelände in Arnstadt, das einst zur Kunstschule gehörte. Die Stadt hat es den ehemaligen Studenten vermietet. Lefroé sucht aber nach einer neuen Bleibe, nach einem Ort, an dem er Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zusammenbringen kann. Irgendwo in Thüringen soll es sein.

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