Das traurige Schicksal eines Hartz-IV-Beziehers aus Eisenach

Wenn Norbert Ihlow in die Stadt geht, zieht er seine besten Klamotten an. Bessere hat er nicht. Der 61-Jährige ist in Eisenach einer unter mehr als 3000 erwerbsfähigen Beziehern von Arbeitslosenhilfe II, geläufiger als Hartz IV bekannt.

Gibt sich nicht auf, obwohl ihn das Leben mit Hartz IV zermürbt: Norbert Ihlow. Foto: Rita Specht

Gibt sich nicht auf, obwohl ihn das Leben mit Hartz IV zermürbt: Norbert Ihlow. Foto: Rita Specht

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Eisenach. Der langzeitarbeitslose Maschinenschlosser bekommt nach 35 Jahren, in denen er seine Haut zum Arbeitsmarkt getragen hat, vom Staat eine Grundsicherung, die sich am wissenschaftlich errechneten Mindestbedarf orientiert: 367 Euro sind das derzeit - zuwenig zum Leben, zuwenig zum Sterben.

Hartz IV ist für Norbert Ihlow ein Grundübel. Die Jahre, in denen er damit lebt, haben ihn zermürbt und krank gemacht. Er leidet an einer chronischen Erschöpfungskrankheit, die alle Gliedmaßen befallen hat.

Grund zur Freude kommt nicht bei ihm auf, wenn er hört, dass viele Medien diese Woche an die Regierungserklärung von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder erinnerten, der vor zehn Jahren in seiner Arbeitsmarktreform namens "Agenda 2010" verkündete, dass damit Langzeitarbeitslose mittels "Fordern und Fördern" schneller in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Eine dieser "Maßnahmen" war die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zum Arbeitslosengeld II. "Erfinder" Peter Hartz, Automanager, muss seitdem damit leben, dass sein Name dafür steht.

Hartz IV hat Norbert Ihlow aus dem bürgerlichen Leben heraus katapultiert. Er ist zermürbt, nicht nur von vom täglichen Kampf ums Überleben mit wenig Geld, sondern auch vom Dauerzoff mit Behörden. Im Streit mit dem städtischen Sozialamt um eingesparte Betriebskosten für seine Wohnung sah er vor einigen Wochen keinen anderen Ausweg als den des öffentlichen Protestes. Um ernst genommen und gehört zu werden, trat er vor dem Rathaus in Hungerstreik. Das brachte ihm zumindest ein klärendes Gespräch- die eingesparten Betriebskosten, von denen er sich Winterschuhe kaufen wollte, bekommt er trotzdem nicht zurück. Schließlich bezahle ja der Staat seine Wohnungsmiete samt Heizkosten, hieß es. Wenn er da was übers Jahr spart, kassiert das der Staat auch wieder ein.

Norbert Ihlow stammt aus Frankfurt/Main. 18 Jahre wurde er in Heimen groß. Was er dort erlebte, versucht er gerade mühselig aufzuarbeiten, indem er es rekapituliert und niederschreibt. Die Erinnerung schmerzt gelegentlich so sehr, dass er aufhören muss, weil er vor Tränen nichts mehr sehen kann.

1993 kam er wegen einer Therapie nach Großburschla und blieb in der Region. 1999 wurde er arbeitslos. Bis 2003, erzählt er, fand er jedes Jahr einen neuen Job, nahm auch Leiharbeit an. Ein Auto, das er sich in dieser Zeit anschaffte, konnte er bald nicht mehr finanzieren: "Ich hab' nur drauf gezahlt". In den Hartz-Jahren hat er 27 Kilo abgenommen. Wo er noch am Leben sparen soll, ist ihm schleierhaft. Dass manche Menschen in solchen Situationen kriminell werden, wundert ihn nicht.

Dass die Medien viel über die Toten durch Autounfälle berichten, aber nicht über die Menschen, die sich in der reichen Bundesrepublik aufhängen, weil sie ihre Armut nicht mehr ertragen, wundert ihn schon. "Nun soll uns auch noch die Kostenbefreiung für Anwälte bei Gericht genommen werden", sagt er. Dann könne man sich überhaupt nicht mehr wehren. Aber, denkt er, das sei wohl so gewollt. "Was hier unten abgeht, wissen die da oben nicht", ist er überzeugt. Dass es Menschen dreckig geht, seien keine Einzelfälle: "Millionen geht es schlecht." Wenn die einmal den Mumm hätten, alle an einem Tag vor die Rathäuser zu ziehen und so für die Öffentlichkeit sichtbar wären, würde so mancher Politiker aufwachen, meint er.

Hartz IV hält er "für das größte Armutszeugnis der Bundesrepublik", eine "reine Vernichtungsmaschinerie". Er gesteht ein, dass die Maßnahme vielleicht "gut gemeint" war. Sie werde aber falsch gehandhabt, sagt er. "Ist doch verrückt. Gehe ich arbeiten als Hartz IV-Bezieher, kriege ich noch Geld abgezogen. Dann brauche ich doch auch nicht arbeiten gehen. Ich bin gezwungen, in Armut zu leben".

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