DDR-Heimkind wartet auf erste Rate der Entschädigung

Erfurt  Gerhard Zerfaß war einst ein Heimkind in der DDR und erlebte Schikanen und Gewalt. Jahre später muss er nun das umständliche Prozedere erleben, um an Entschädigungszahlungen zu gelangen.

Das Kinder-Betreuungsheim in Bad Berka im November 1960. Foto: dpa/zbarchiv

Das Kinder-Betreuungsheim in Bad Berka im November 1960. Foto: dpa/zbarchiv

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Jahrzehnte lang hat er verdrängt, was sich in seiner Kindheit ereignet hat. Gerhard Georg Zerfaß war ein kleiner Junge, acht Jahre alt, als er ins Kinderheim nach Bad Berka kam. Er war der jüngste von vier Geschwistern. Und er verstand nicht, warum die anderen drei in andere Heime geschickt wurden als er. Das weiß er bis heute nicht. Was er während der neun Jahre erlebte an Schikanen, Gewalt und Missbrauch, will er nicht im Detail schildern. Es gab auch gute Momente.

Inzwischen ist er 60 Jahre alt. Und verzweifelt schier an bürokratischen Hürden, die sich Betroffenen mit dem Antrag auf Entschädigung aus dem Fonds „Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 - 1990“ auftun. „Mein Schicksal ist kein Einzelfall, das weiß ich“, sagt er. Es ist gar nicht strittig: Eine Entschädigung steht ihm zu. Das hat er schwarz auf weiß. Aber das Prozedere ist umständlich, beklagt er. Warum nicht mehr Betroffene dies in die Öffentlichkeit tragen, kann er sich nicht vorstellen.

Für die viereinhalbjährige Haftzeit in Bautzen als junger Erwachsener ist er längst entschädigt worden. Das war unkompliziert. Den Antrag für die Entschädigung aus dem Fonds „Heimerziehung in der DDR“ hat er immerhin rechtzeitig auf den Weg gebracht. Anträge konnten nur bis zum 30. September 2014 gestellt werden. Aber das war kein Problem, obwohl er damals noch in Rheinland-Pfalz gearbeitet hat. Mit seiner frühesten Vergangenheit setzt er sich erst seit ein paar Jahren auseinander. Abgeschlossen hat er damit noch lange nicht.

Zuständig war und ist für ihn die Beratungsstelle in Erfurt. Dort gab es im April 2014 ein umfangreiches Beratungsgespräch. Das sei so üblich, sagt er. Er erfuhr auch, dass sich die Bewilligung hinziehen könne. Im Beratungsprozess in der Anlaufstelle wird der individuelle und konkrete Hilfebedarf ermittelt und eine Vereinbarung abgeschlossen. Das ist passiert.

Im Sommer vergangenen Jahres ist Gerhard Zerfaß wieder nach Erfurt gezogen. „Es ist meine Heimat und ich habe noch Familie und Kontakte hier“, sagt er. „Im November 2015 habe ich die Bestätigung für meinen Antrag bekommen und das Original ging zur Ausgabestelle nach Köln“, berichtet der 60-Jährige.

Seitdem wartet er – nicht etwa tatenlos – auf die Startzahlung. Der zeitliche Ablauf ist nicht sein eigentliches Problem. Gesetzlich festgelegt ist, dass es neun Zehntel der Entschädigung in Sachleistungen gibt, ein Zehntel in bar. Bei den Sachleistungen sind die Anteile klar geregelt, wie er sie zum Beispiel für die Verbesserung seiner Wohnbedingungen oder in Anschaffungen für Hobbys stecken darf. Dies muss er zunächst aus eigener Tasche bezahlen. Für ihn muss klar sein, dass jede Anschaffung auch so abgerechnet werden kann wie geplant. „Meine finanzielle Situation ist nicht so, dass ich losgehen und groß einkaufen kann“, sagt er. Er ist also zunächst auf die Anweisung des ersten Zehntels in bar angewiesen. 1000 Euro. Genaugenommen hat er davon schon einen Abschlag von 250 Euro für Fahrtkosten erhalten, für die Anreise aus Rheinland-Pfalz.

Erst wenn er Bares hat, kann er jedoch Geld ausgeben, Quittungen sammeln, einreichen und hoffen, dass die Kriterien erfüllt sind. Er muss also 9000 Euro peu à peu abarbeiten, wenn er das Geld komplett in Anspruch nehmen möchte. Ideen hat er. Da er allerdings in Vorkasse gehen muss, wird ihn das eine Weile beschäftigen.

Warum es Betroffenen wie ihm so schwer gemacht wird, kann er sich nicht erklären. Zwar versteht er, warum der Gesetzgeber will, dass nicht in einem Rutsch ausgezahlt wird: „Wer von Hartz IV oder irgendwie von staatlicher Unterstützung lebt, dem würde das angerechnet und der Sinn einer Entschädigung ginge verloren, aber noch komplizierter kann man das gar nicht machen“, beklagt er.

Welche Probleme und Hürden sich aufbauen, auch wenn feststeht, dass die Entschädigung rechtens ist und Geld fließen soll, das könne sich niemand vorstellen, der das nicht erlebt hat.

Seit Gerhard Zerfaß wieder in Erfurt lebt, sitzt er an der Quelle, was seinen Kontakt zur Beratungsstelle angeht. Das hindert ihn aber nicht daran, auch in Köln regelmäßig nach dem Stand der Dinge zu fragen.

Das Geld, das ihm zusteht, will er bis auf den letzten Cent ausgeben. Mühselig hin oder her. Und so hofft er, bald anfangen zu können. „Man wird ja nicht jünger.“

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