Demo im Herbst '89: Die Tontechnik kam von der Kirche

Als in Erfurt im Herbst 1989 die erste Demonstration geplant wird, stellt sich die Frage nach der Technik: Am Ende des Protestganges durch die Innenstadt muss ein Schlusswort auf dem Domplatz gesprochen werden.

Vorwärts zu neuen Rücktritten: Es waren solche Forderungen, die bei der Demonstration auf dem Erfurter Juri-Gagarin-Ring am 19. November 1989 auf den Bannern standen. Wenn die Demonstranten zum Domplatz kamen, stand dort Tontechnik von der Kirche. So konnten alle hören, was zum Abschluss gesagt wurde. Foto: Stadtarchiv Erfurt

Foto: zgt

Erfurt. Dafür braucht es zunächst ein Mikrofon und zwei Lautsprecher. Vom Staat war da nichts zu wollen, wohl aber von der Kirche: Die katholische Administratur hatte eigens für Wallfahrten in Erfurt Beschallungstechnik angeschafft. Das ermöglichten zu DDR-Zeiten auch die intensiv gepflegten Beziehungen der Katholiken in den Westen.

Und Tobias Donat, Jahrgang 1958, der von Haus aus Toningenieur ist und damals im katholischen Tonstudio in Erfurt arbeitet, hat in jenen Tagen Zugang zur Technik. Gefragt hat er seine Vorgesetzten nicht. Die wussten sowieso Bescheid. "Das wurde stillschweigend geduldet", sagt er im Rückblick.

Donat ist im Herbst 1989 auch derjenige, der die erste Demonstration anmeldet. Da geht es von der evangelischen Predigerkirche bis zum Fuß des katholischen Doms - mitten durch die Stadt, vorbei am Rathaus. Das war zu der Zeit, als die Menschen Kerzen in den Händen hielten - und keine Plakate. "Ich habe bei der Polizei angerufen. Die wollten natürlich noch mehr von mir wissen, aber ich habe gesagt: Ich wollte nur kund tun, dass die Demonstration stattfindet." Es gibt also im offiziellen Sinne keine Genehmigung. "Komischerweise hat die Polizei dann aber auch die Straßen abgesperrt und die Straßenbahn angehalten, damit diese Demonstration stattfinden konnte", sagt er.

Beim Auftakt genügen zwei Lautsprecher auf den Domstufen. Unter denen, die moderiert haben, ist der Vater von Tobias Donat. Er ist damals als Leiter der Arbeitsstelle für pastorale Medien und damit ebenfalls ein Beschäftiger der katholischen Kirche. Später benötigen Donat und seine Helfer das komplette Equipment, das sonst für die Wallfahrer zum Einsatz kam. Und dann ebbt die Protestwelle ab, doch die Proteste gehen fast bis zum Ende des Winters 1989/90 mit kleinerer Zahl an Interessierten weiter - die Demonstranten wechseln vom Domplatz auf die Marienwiese hinter dem Dom.

In Erfurt gibt es lange vor den Demos immer donnerstags die Friedensgebete. Und so wird in der Stadt an der Gera der Donnerstag - und nicht wie in Leipzig der Montag - zum Demotag. Immer donnerstags ist Tobias Donat mit seinem Trupp, der sonst bei Wallfahrten die Technik aufbaut, rechtzeitig zur Stelle. Diese "ehrenamtliche Truppe" gibt es seit zehn, 15 Jahren nicht mehr, sagt Donat. Damals steht die Kirche vor der Frage: neue Beschallungsanlage oder Fremdfirma.

So fremd ist die Firma dann doch nicht: Tobias Donat übernimmt als mittlerweile selbstständiger Veranstaltungstechniker diese Dienstleistung. Seit 1. Juni 2004 ist er selbstständig. Mittlerweile ist er mit "Bild & Ton Medienservice" als Beschaller auch von großen Hallen gefragt; auch Konferenztechnik hat er, verleiht aber auch für Familienfeste Beamer und Leinwand. Wenn es nötig ist, werden freie Mitarbeiter eingesetzt.

Mit dem eigenen Kuli in der Kabine durchgestrichen

Donat erinnert sich an die 1980er Jahre: Die Mängel in der Versorgung und die Umweltschäden wurden immer mehr - und es war keine Lösung in Sicht, sagt er. Bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 wird es laut: Wahlbetrug ist der Vorwurf. "Ich war bei der Wahl in der Kabine, hatte einen eigenen Kugelschreiber dabei, um die Einzelnen durchzustreichen. Das habe ich so gemacht, seit ich wählen durfte", erinnert er sich. 1989 wird der Wahlbetrug nachgewiesen und dennoch wieder ein fast hundertprozentiges Ergebnis verkündet. Es rumort. Aber dass sich dann binnen weniger Monate so vieles verändern würde, "damit habe ich, wie wohl die meisten, nicht gerechnet", sagt Donat.

Weg wollen er und seine Freunde nicht, auch seine beiden Schwestern bleiben hier. Eine lebt an der Küste, die andere in Suhl. Sein Bruder Sebastian und dessen Frau aber reisen über die Prager Botschaft aus. Heute ist er Professor in Innsbruck und Dekan an der dortigen Uni. Die erste Station des Ehepaars ist bei der Großmutter mütterlicherseits in Witten. 1978 war die verwitwete Frau im Rentenalter zu ihren im Westen lebenden Geschwistern gezogen.

"Der Staat war froh: Ein Rentner weniger, den er hier versorgen musste. Wir hatten einen Fürsprecher und Reiseziele", beschreibt er die Situation. Donat kann nun zu runden Geburtstagen Besuche im Westen beantragen - und nutzt das auch: "Von 1986 an war ich jedes Jahr im Westen." Neben der Großmutter gibt es väterlicherseits einen Onkel in Bonn, Korrespondent beim Deutschlandfunk und zuvor Berater bei Franz Josef Strauß. Manchmal kann damals Familie Donat (Ost) den West-Donat im Fernsehen erleben: Er sitzt bisweilen in der sonntäglichen Runde des Internationalen Frühschoppens.

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass Tobias Donat in der DDR nicht auf geradem Weg zum Abitur kommt: "Ich war mit Klassenbester in der zehnten Klasse, habe aber nie den Sprung zur EOS geschafft. Deshalb bin ich den Umweg Berufsausbildung mit Abitur gegangen." Elektronik-Facharbeiter lernt er, dann geht's für 18 Monate zur Armee; er wird Sanitätskraftfahrer. Anschließend studiert Donat drei Jahre Gesang in Weimar, merkt, dass das nicht ganz das Richtige ist und arbeitet im Tonstudio, ehe er Mitte der 1980er Jahre an der Hochschule für Film und Fernsehen ein Fernstudium zum Toningenieur beginnt. Den Abschluss macht er 1990.

Akteneinsicht hat Donat in den vergangenen fast 25 Jahren nicht. Vielleicht später. "Würde mich schon interessieren, aber in den vergangenen 20 Jahren ist so viel in meinem Leben passiert, dass es mir nicht so wichtig erschien", sagt er. Sicher ist er sich, dass es Überwachungsstrategien mit Blick auf die Medienstelle der Kirche gab... Und er weiß, dass zumindest das Telefon abgehört wurde.

Viele wichtige Wende-Momente gibt es auf Video

Zurück in den Herbst 1989: Tobias Donat sorgt nicht nur für die Beschallung. Seine kirchliche Dienststelle hat auch Videotechnik. Das ist damals etwas ganz Besonderes im Osten. Zu kaufen gibt es das für den Interessierten ohne Beziehungen nicht. Zum Einsatz kommt die Technik bei den Demonstrationen. Deshalb gibt es Mitschnitte in großer Zahl: beinahe 20 DVDs dokumentieren die damaligen Ereignisse bis hin zum Besuch von Helmut Kohl auf dem Erfurter Domplatz. Aus einem Teil der Aufnahmen wird später "Die Wendeschleife" zusammengeschnitten, die es zeitweilig am Domberg zu kaufen gab. Ganz gehoben ist der Filmschatz, dessen Rechte bei der katholischen Kirche liegen, aber noch längst nicht.

Und wer sich jetzt fragt, ob diese Aufnahmen damals ins Westfernsehen gelangen, der erfährt: Nein, das war nicht der Fall. Anders als etwa in Leipzig, wo solche Aufnahmen über die Grenze nach Westberlin geschmuggelt werden, gibt es in Erfurt "ein bisschen ein zögerliches Verhalten" der Verantwortlichen. "Man hätte damit offensiv rausgehen können..."

Festgehalten werden damals nicht nur Demos mit der Kamera. So ist Tobias Donat mit dabei, als mitten in der Nacht in der Parteischule am Erfurter Stadion das Waffenlager der Kampfgruppen geräumt wird. Auch als das Bürgerkomitee zur Bienstädter Warte fährt, einem Spähposten westlich von Erfurt, ist er mit dabei. Hochinteressant sei das gewesen. Doch nicht nur durch das Objektiv erlebt er diese Zeit der Veränderung: Donat ist auch dabei, als in der damaligen Straße der Einheit, heute Alfred-Hess-Straße, eine für die Autobahnen zuständige Stasi-Außenstelle besetzt wird. An viele diese Geheimposten, die die SED-Diktatur aufgebaut hat, erinnert sich heute kaum noch einer.

Ein paar Wochen zurück in jenem Jahr 1989: Der 9. November fällt auf einen Donnerstag. Abends um sieben stolpert Günter Schabowski durch die Sätze - und verkündet die sofortige Reisefreiheit. "An dem Tag standen etwa 100 000 Leute auf dem Domplatz. Wir standen auf den Karvaten. Die Menge unten rief: Stasi raus. Das kam wie Wellen nach oben. Wahnsinn", so Donat. Und dann erfahren er und die anderen, die oben am Dom stehen, von jemand, der "Aktuelle Kamera" gesehen hatte: "Die Grenze ist auf. Wir haben überlegt: Geben wir das jetzt hier bekannt. Wir haben das nicht gemacht, um keine Tumulte zu provozieren."

Was wäre wohl passiert, wenn damals dieser Druck nicht abgelassen worden wäre... "Die Stimmung war teilweise schon sehr aufgeheizt", hat er in Erinnerung. "Es war vielleicht ganz gut, dass genau zu dem Zeitpunkt ein Ventil geschaffen wurde", sagt er.

Wie ein Thüringer die DDR-Kommunalwahlen 1989 erlebte

Kommentar von Gerlinde Sommer: Wer widerspenstig war, sollte weggesperrt werden

Hasselhoff und das Ende des Kalten Krieges: Zeitzeugen zum Mauerfall für Doku gesucht

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.