Eisenacher Elektriker hilft beim Wiederaufbau in der syrischen Stadt Kobanê

Eisenach  Der Eisenacher Thomas May unterstützte den Neubau eines Gesundheitszentrums in der einst hart umkämpften Stadt Kobanê. Im TLZ-Interview spricht er über die Gefahren, vor allem aber über die Gastfreundschaft der Menschen und die Aufbruchstimmung in der Stadt.

Der Eisenacher Brigadist Thomas May (45) spricht über seinen Hilfseinsatz in Nordsyrien. Er half für den Neubau des Gesundheits- und Sozialzentrums in Kobanê. Das Bild zeigt das Zentrum im Rohbau. Foto: Norman Meißner

Der Eisenacher Brigadist Thomas May (45) spricht über seinen Hilfseinsatz in Nordsyrien. Er half für den Neubau des Gesundheits- und Sozialzentrums in Kobanê. Das Bild zeigt das Zentrum im Rohbau. Foto: Norman Meißner

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Der Eisenacher Thomas May unterstützte im September und im Oktober für vier Wochen den Aufbau eines Gesundheits- und Sozialzentrums in der fast völlig vom IS zerstörten nordsyrischen Stadt Kobanê. Inzwischen konnte die Stadt befreit werden. Die Normalisierung des Lebens schreitet trotz Selbstverwaltung jedoch nur langsam voran, denn Hilfslieferungen kommen in der fast vollständig vom IS umzingelten Stadt auch aufgrund der Blockadehaltung an der geschlossenen türkischen Grenze nur schwerlich an. Die TLZ sprach mit dem Elektroniker über seine Bewegründe, einen solchen, doch nicht ganz ungefährlichen Ort für seine Hilfe aufzusuchen.

Was veranlasste sie, als Brigadist in ein Krisengebiet zu gehen?

Bedingung war für mich natürlich, dass Kobanê kein Krisengebiet mehr ist und dort auch keine Gewalt mehr herrscht. Im Vorfeld habe ich ganz intensiv die Lage verfolgt und schon überlegt, ob ich die Reise erst gar nicht antrete. Während meines Einsatzes hatte ich manchmal ein mulmiges Gefühl. Hätte sich die Lage weiter zugespitzt, hätte ich meinen Einsatz sofort abgebrochen. Dennoch konnte man sich nicht frei in der Stadt bewegen, denn es bestand noch immer die Gefahr von Blindgängern und Sprengfallen.

Ängste hatte sie keine?

Wir fühlten uns gut beschützt – wir wurden rund um die Uhr von Mitarbeitern der Stadtverwaltung bewacht. Aber auch in Europa ist man nicht mehr sicher, wie die jüngsten Terroranschläge zeigen.

Haben sie für ihren Hilfseinsatz viele Urlaubstage opfern müssen?

Meine Firma hat mich prima unterstützt; ich konnte unbezahlten Urlaub nehmen und habe sogar einige Tage zusätzlich bezahlt bekommen.

Wie viel Menschen unterstützten vor Ort den Neubau des Gesundheits- und Sozialzentrums?

Ich flog erst mit dem fünften Trupp hin. Insgesamt waren es 170 Leute aus zehn verschiedenen Ländern.

Wie klappte es mit der Verständigung zwischen den anderen Brigadisten und den Bauarbeitern vor Ort?

Mit Händen und Füßen. In der Nachbarschaft gab es einen Bauingenieur-Studenten, der sich für das Bauprojekt sehr interessierte und helfen wollte. Er hat viel für uns übersetzt – er spricht Türkisch, Arabisch, Kurmandschi und Englisch.

Kamen sie trotz Sprachbarriere mit Einwohnern in Kontakt?

Das normale Leben geht in Kobanê weiter. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde Hochzeit gefeiert. Sie haben uns gesehen, kamen herüber und feierten mit uns Richtfest. Das kennt man dort gar nicht. Jeden Tag sieht man, dass ein weiterer Schutthaufen verschwunden ist und an einer Ruine eine Wäscheleine angebracht wurde. Die Leute sind stolz, den IS besiegt und sich nicht vom Assad-Regime unterkriegen lassen zu haben.

Es herrscht also Aufbruchsstimmung?

Viele Leute sind noch immer traumatisiert. Von einem 20-Jährigen wurde die gesamte Familie ausgelöscht, dennoch hat er seine Lebensfreude nicht verloren. Es ist ein Demokratisierungsprozess. Ich vergleiche es mit den Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989.

Haben sie mit ihrem Einsatz ihre Ziele in Kobanê erreichen können?

Der Bau hat sich verzögert, da er wegen des Massakers im Juni erst später beginnen konnte. Als Elektroniker hatte ich mich für die Installation der Photovoltaikanlage beworben; soweit kam es aufgrund der Verzögerung aber noch nicht. Ich selbst habe viel über das Maurerhandwerk gelernt; vor allem das ökologische Bauen mit Lehm hat mich interessiert. Das wichtigste ist aber, dass wir die Menschen vor Ort im Kampf gegen den IS moralisch unterstütz haben. Der IS hat bei seinem Rückzug alle Pistazien- und Olivenhaine niedergebrannt, aber auch Baufahrzeuge und Brunnen zerstört. Der Neubau des Gesundheitszentrums ist das einzige internationale Projekt in Kobanê. Die ersten Räume können jetzt genutzt werden.

Wenn sie ein solches Projekt in Syrien unterstützen, wollen sie da die Flüchtlinge nicht im eigenen Land haben?

(Kopfschütteln). Es gibt ein Schwesterprojekt – das „Haus der Solidarität“ in Truckenthal. Hier sollen sich Flüchtlinge, die traumatisiert sind, erholen und Kraft tanken, bis sich die Bedingungen in ihrem Land für die Rückkehr wieder verbessert haben.

Parallel zur Eröffnung des Sozial- und Gesundheitszentrums in Kobanê fand im Eisenacher Kunstpavillon ein Solidaritätsfest mit knapp 60 Interessierten statt. Wie wurden die Schilderungen ihrer Eindrücke von den Gästen aufgenommen?

Alle hatten für uns drei Brigadisten aus Eisenach Respekt. Einige sagten, dass sie sogar Angst um uns gehabt hätten, ob wir auch gesund wiederkommen. Vor allen sind wir nach unseren Erlebnissen gefragt worden. Obwohl die Menschen dort nichts haben, bin ich vor allem von der Gastfreundschaft und der Herzlichkeit überwältigt, die mir entgegen gebracht wurde. So etwas kennt man aus Deutschland nicht. Bevor der illegale Grenzübertritt von der Türkei nach Kobanê möglich wurde, lebte ich einen Woche in einem Flüchtlingscamp für 35 000 Menschen. Als Fremder wird man sofort ins Zelt gebeten und bekommt einen Tee angeboten.

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