Erfurt: Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland

Alexander Nachama und Adrian Michael Schell wurden in der voll besetzten Neuen Synagoge in Erfurt zu Rabbinern berufen. Gleichzeitig erhielt Bodo Ramelow, im Beisein von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die Abrahahm-Geiger-Plakette wegen seiner Verdienste um Kolleg und das jüdische Leben.

Die neuen Rabbiner Alexander Nachama (r.) und Adrian Michael Schell sind in der Neuen Synagoge in Erfurt in ihr Amt berufen worden. Sie sollen die Jüdischen Gemeinden in Hameln und Dresden betreuen. Foto: dpa

Die neuen Rabbiner Alexander Nachama (r.) und Adrian Michael Schell sind in der Neuen Synagoge in Erfurt in ihr Amt berufen worden. Sie sollen die Jüdischen Gemeinden in Hameln und Dresden betreuen. Foto: dpa

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Erfurt/Weimar. Adrian Michael Schell hat viele Jahre als Buchhändler gearbeitet. Sein Beruf machte ihm Spaß. Einen Grund für Veränderungen gab es eigentlich nicht. Doch dann fragten ihn Freunde, ob er sich nicht vorstellen könne, Rabbiner zu werden? Etliche Gesprächen später stand der Entschluss des gebürtigen Frankfurters, Jahrgang 1973, fest, noch einmal umzusatteln. "Ich bin glücklich, diesen Schritt getan zu haben", sagt Schell heute.

Gemeinsam mit Alexander Nachama, der bereits seit November 2012 für die Jüdische Gemeinde zu Dresden arbeitet, wird Schell in der voll besetzten Neuen Synagoge in Erfurt feierlich zum Rabbiner ordiniert. Und mit Isidoro Abramowicz und Nikola David werden in Anwesenheit von zahlreichen Gemeinderepräsentanten aus dem In- und Ausland sowie Vertretern der christlichen Kirchen und der Politik zudem zwei neue Kantoren berufen.

Ein Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft

"Es ist alles andere als selbstverständlich, dass in Deutschland - und nun auch hier in Erfurt - junge Absolventen des Studiums der Jüdischen Theologie wieder zu Rabbinern ordiniert werden", sagt Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht bereits im Vorfeld. In Ihrer Festansprache betont sie nun noch einmal, dass dadurch auch ein wesentlicher "Beitrag für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft" geleistet werde.

Bodo Ramelow, Stiftungsratsmitglied der Leo Baeck Foundation, dankt Lieberknecht ausdrücklich für ihren Einsatz für die Jüdische Landesgemeinde in Thüringen, die etwa 800 Mitglieder zählt. Am Abend wird der Linke-Landtagsfraktionschef im Kaisersaal mit der Abraham-Geiger-Plakette ausgezeichnet.

Dass in Landeshauptstadt erstmals zwei Rabbiner in ihr Amt eingeführt werden können, ist das Verdienst des vor 14 Jahren gegründeten liberalen Abraham Geiger Kollegs der Universität Potsdam - dem damals ersten Rabbiner­seminar in Deutschland seit dem Holocaust. Dessen Direktor, Walter Homolka, würdigt die Förderung durch die öffentliche Hand. "Ohne die hochher­zige Unterstützung von Bund und Ländern wären jüdische Gemeinden nicht lebensfähig", sagt der Professor. Soweit sei die Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland noch nicht fortgeschritten.

Die Ordination sei aber ein Zeichen für das Widererstarken jüdischer Gemeinden. Die bis 2011 15 Absolventen des Geiger Kollegs sind nach Homolkas Angaben heute weltweit tätig - in Deutschland ebenso wie in den USA, Israel oder Frankreich. Mit der wissenschaftlichen Ausbildung von Rabbinern und Kantoren wolle das Kolleg Traditionen jüdischen Lebens des 19. Jahrhunderts vor dem Vergessen bewahren.

Auch der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, lobt den engen Schulterschluss mit den Parteien. In jeder gebe es Partner und Freunde, mit denen man nicht zuletzt beim Kampf gegen Rechtsextremismus eng zusammenarbeite. Dadurch sei eine Atmosphäre entstanden, die das Selbstbewusstsein der ­Juden stärke.

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