Erfurter Taubblinden – Selbsthilfegruppe: Wege aus der Isolation

Erfurt  Aus dem Alltag einer Taubblinden: Ina Lewandowski hört nichts und sieht nur noch ganz wenig. Die Erfurter Selbsthilfegruppe besteht im Juni seit 15 Jahren.

Das Ehepaar Lewandowski unterhält sich über Lormen. Dabei werden mittels eines Zeichencodes die Worte in die Hand buchstabiert. Ina Lewandowski ist taubblind. Ihr Mann Jürgen Lewandowski kann noch etwas sehen, ist aber auch gehörlos. Foto: Maik Ehrlich

Das Ehepaar Lewandowski unterhält sich über Lormen. Dabei werden mittels eines Zeichencodes die Worte in die Hand buchstabiert. Ina Lewandowski ist taubblind. Ihr Mann Jürgen Lewandowski kann noch etwas sehen, ist aber auch gehörlos. Foto: Maik Ehrlich

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Der Würfel hat statt Zahlen Punkte. Die Spielfiguren sind groß und unterscheiden sich stark durch die äußere Form voneinander. Auf dem Brett sind die Felder durch Punkte und Linien markiert. An den Startpunkten sind die Spielfarben in Braille-Schrift gestanzt.

Die Blindenschrift können zwar Ina Lewandowski und ihr Mann Jürgen Lewandowski nicht entziffern – dennoch erweist ihnen die Blindenversion vom Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel gute Dienste: Ina Lewandowski ist taubblind. Ihr Mann kann zwar etwas besser sehen, ist aber auch wie sie gehörlos.

Das Brettspiel bringt eine kurzweilige Abwechslung in den ansonsten gleichförmigen, anstrengenden Alltag. Marita Müller, selbst gehörlos, ist Taubblinden-Assistentin und schaut schon seit vielen Jahren einmal pro Woche bei den Lewandoswskis vorbei. Marita Müller berät in allen Lebenslagen – kümmert sich sozusagen um die Software, während ein gesetzlich bestellter Betreuer die Hardware im Auge hat: behördliche Dinge und die Finanzen.

Der Würfel kullert nur ein kurzes Stück über den Tisch: Ina Lewandowski taste nach ihm, erkennt mit den Fingerspitzen die Anzahl der Punkte und rückt vier Felder vor. Dabei wirft sie eine Spielfigur ihres Mannes raus. Er hat das Ganze schemenhaft verfolgt und trägt es mit Fassung.

Aufgewühlt berichtet der 68-Jährige dagegen, dass sie jüngst von einem Passanten auf dem Gehweg angerempelt wurden. Sie kamen vom Einkauf. Seine Frau ging vorsichtig mit einem Rollator. Er trug den Beutel. Es kann schon sein, lässt er durch den Gebärdensprach-Dolmetscher und Diplom-Sozialpädagogen Thomas Schulz dem Reporter ausrichten, dass sie sich vielleicht etwas breit auf dem Gehweg gemacht hätten. Aber er hat nur ein Sehfeld von weniger als einen Meter und seine Frau kann nur ganz schwach Umrisse erkennen. „Darauf kann man doch Rücksicht nehmen“, meint Jürgen Lewandowski.

Nichts hören trennt von den Menschen. Nichts sehen trennt von den Dingen. Es ist kaum vorstellbar, was es bedeutet, nichts zu hören und fast nichts zu sehen.

Ina Lewandowski ist seit ihrer Geburt gehörlos. Dass auch andere gehörlos seien können und dass sich Gehörlose verständigen können, erfuhr die heute 63-Jährige erst, als sie als Kind in die Gehörlosenschule Erfurt kam. Nach der Schule erlernte sie den Beruf des Korbflechters und arbeitete einige Jahre darin.

Sie lernte Jürgen Lewandowski kennen. Sie zogen nach Erfurt, heirateten und bekamen zwei Kinder. Inas Sehkraft ging schleichend und unaufhaltsam. Nach der Geburt des zweiten Kindes konnte sie nicht mehr arbeiten. Sie sah einfach zu schlecht. Kurz nach der politischen Wende wurde sie berentet. Ihr Mann, ein gelernter Gärtner, war schon zu DDR-Zeiten Frührentner wegen seiner gesundheitlichen Handicaps.

Ina und Jürgen Lewandowski meistern so gut es geht den Alltag. Sie versuchen, selbst einzukaufen, wobei das in letzter Zeit immer schwieriger wird. Jürgen Lewandowski muss im Regal die Dinge suchen und hat dabei immer mehr Probleme, weil auch seine Sehkraft nachlässt. Sie wünschen sich mehr Unterstützung, mehr gesellschaftliche Teilhabe, mehr Zeit mit einem Taubblinden-Assistenten. Doch Marita Müller ist bisher die einzige hauptamtliche.

Irmtraud Sieland weiß um diese Probleme. Sie ist Vorsitzende der Selbsthilfegruppe Taubblinde Thüringen, zu der neben den Lewandowskis zwei weitere Erfurter und gut zehn Taubblinde aus ganz Thüringen kommen. Man trifft sich monatlich – und am 10. Juni das nächste Mal.

Dann feiert die Selbsthilfegruppe ihr 15-jähriges Bestehen. Die Taubblinden wollen den Zeitpunkt nutzen, um bei der Landespolitik Gehör zu finden. „Unsere Gesellschaft hält eine Fülle von Informationen bereit. Diese aufzunehmen und für das tägliche Leben zu nutzen, ist eine typische Herausforderung, an der taubblinde Menschen scheitern. Ohne qualifizierte Unterstützung droht taubblinden Menschen die völlige Isolation“, erklärt Irmtraud Sieland.

l Weitere Infos: www. taubblinde-thueringen.com

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