Familien in XXL: Drei Weimarerinnen erzählen vom Trubel und Glück

Das mit dem Kinderkriegen hatte sich für Svenja Sieglerschmidt mit der Geburt ihres ersten Sohnes eigentlich erledigt. Für die damals 29-jährige Weimarerin war die Klinik-Geburt ein so schreckliches Erlebnis, das es sich auf keinen Fall wiederholen sollte. Auch wenn für sie schon mit 15 davon überzeugt war, dass sie eines Tages zehn Kinder haben würde.

Zu acht: Anna (42) und Michael Freitag (43) aus Weimar haben sechs Kinder: Charlotte (11), Alexander (13), Josephine (2), Konstantin (4), Nikolas (9) und Louis (7). Dass Großfamilien heute entweder als aoszial gelten oder einer Elite zugeordnet werden, die sich mehr als zwei Kinder leisten kann, stößt bei ihnen auf Unverständnis. Foto: Peter Michaelis

Zu acht: Anna (42) und Michael Freitag (43) aus Weimar haben sechs Kinder: Charlotte (11), Alexander (13), Josephine (2), Konstantin (4), Nikolas (9) und Louis (7). Dass Großfamilien heute entweder als aoszial gelten oder einer Elite zugeordnet werden, die sich mehr als zwei Kinder leisten kann, stößt bei ihnen auf Unverständnis. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Weimar. Dann aber meinte eine Freundin mit einem Kind im gleichen Alter, dass sich Svenja Sieglerschmidt die Sache mit dem Familienzuwachs doch noch einmal durch den Kopf gehen lassen sollte: "Sie sagte zu mir: ,Guck mal, wie schön unsere beiden miteinander spielen. Wäre es nicht prima, wenn auch mein nächstes Kind einen Spielkameraden in seinem Alter hätte?" Bald darauf wurde die heute 43-Jährige mit ihrem zweiten Kind schwanger.

Merle kam schließlich zu Hause zur Welt. Ihre Geburt unterschied sich von der ihres älteren Bruders so grundlegend, dass auf Mathis und Merle auch noch Micha, Tom und die jetzt dreijährige Mira folgten. Damit hat Svenja Sieglerschmidt zwar nur fünf statt der im jugendlichen Überschwang geplanten zehn Kinder, doch die Familienplanung ist für sie und Ehemann Erik abgeschlossen. "Mira", sagt sie, "war definitiv mein letztes Kind."

Zumal ihr die Kleine noch einmal gezeigt habe, dass auch ein fünftes Kind keineswegs "nebenbei" läuft: "Mira war als Baby eine Katastrophe. Sie hat nächtelang so gebrüllt, dass sich die Nachbarn schon gewundert haben." Ihren Beruf als Ärztin in der Psychiatrie hat Svenja Sieglerschmidt zugunsten ihrer großen Familie an den Nagel gehängt. Ohne jedes Bedauern. Sie will, sagt sie, eine Sache richtig machen und sich nicht zwischen Job und Großfamilie zerreißen.

Dass die ewige Fragerei nach dem Wiedereinstieg ins Berufsleben inzwischen aufgehört hat, empfindet Anna Freitag als angenehm. "Bei sechs Kindern fragt danach keiner mehr", sagt die 42-Jährige, die ihre beiden jüngsten Kinder in Weimar zur Welt gebracht und nun vier Söhne und zwei Töchter im Alter zwischen zwei und 13 Jahren hat: Alexander, Charlotte, Nikolas, Louis, Konstantin und Josephine. "Bei den ersten Kindern stand die Frage ,Und, arbeitest du schon wieder?‘ nach einiger Zeit immer im Raum. Das hat genervt."

Anna Freitag will sich nicht permanent dafür rechtfertigen, dass sie in ihrer Mutterrolle aufgeht und sich darin bestätigt fühlt. Zwar hat sie Jura studiert und zwei Staatsexamen abgelegt - das "zweite drei Tage vor der Geburt des ersten Kindes". Doch sie findet, dass sie nun niemandem mehr etwas beweisen muss. Schon gar nicht, dass es möglich ist, eine Großfamilie zu managen und auch noch arbeiten zu gehen. Weil selbst die, die nur ein oder zwei Kinder haben, die Doppelbelastung von Beruf und Familie eben nicht spielend wuppen, sind angesichts ihres Kinderreichtums alle Fragen nach dem Job verstummt.

Auch Adele Grafe geht seit Jahren nicht mehr arbeiten. Die 40-Jährige erinnert sich daran, dass einer Behördenmitarbeiterin einmal vor Schreck der Kugelschreiber aus der Hand fiel, als sie auf die Frage, seit wann sie denn in Elternzeit sei, wahrheitsgemäß antwortete: "Seit 2001." Adele Grafe, selbst das jüngste von acht Geschwistern und ein "absolutes Wunschkind", wie ihre Eltern ihr versicherten, hat fünf Kinder. Drei Jungen und zwei Mädchen im Alter von vier bis 13 Jahren. Die Weimarerin ist Kantorin, eine reflektierte, kluge Frau, so wie auch ihre Freundinnen Svenja und Anna. Doch sie will sich und ihre Kinder nicht dem Stress aussetzen, die eine Berufstätigkeit unweigerlich mit sich brächte. Kein Geld der Welt könnte sie dafür entschädigen, kein Geld der Welt es rechtfertigen, dass sie sich ihren Kindern nicht mehr mit Muße widmen könnte. Die drei Söhne gehen zur Schule, die beiden kleinen Töchter in den "Muttigarten". "Meine Kinder machen mich ganz reich", sagt Adele Grafe.

Der größte Einschnitt in ihrem Leben sei nicht gewesen, über die übliche Zahl von einem oder zwei Kindern hinauszugehen, "sondern überhaupt Mutter zu werden. Die Zahl der Kinder danach ist beinahe nebensächlich. Aber sich umzustellen von einem Leben, in dem man frank und frei ist, auf das Mutterdasein, in dem dein Herz immer zweigeteilt sein wird, das krempelt das Leben total um." Überfordert durch die Kindererziehung kann sich aus Adele Grafes Sicht nur jemand fühlen, der nicht bereit sei, "sich dem Leben zur Verfügung zu stellen und das anzunehmen, was es einem schenkt". Ihre Kinder hat sie in einem Geburtshaus in der Oberlausitz zur Welt gebracht und sich in der Zeit danach stets im Haus ihrer Mutter erholen können.

Wohnungssuche ist schwierig

Sechsfachmutter Anna Freitag sieht indes schon Unterschied darin, ob man zwei oder mehr Kinder hat: "Ich empfand die Geburt des dritten Kindes noch mal als einen großen Einschnitt. Denn plötzlich hat man mehr Kinder als Arme - und kann nicht mehr jedes Kind an der Hand halten." Doch auch diesen Übergang hat sie bewältigt. Anna Freitag findet es schön, dass ihre Kinder gelernt haben, aufeinander aufzupassen. Für die Kinder sei es ein großer Reichtum, einander zu haben. Svenja Sieglerschmidt und Adele Grafe nicken zustimmend.

Das Geld ist in allen drei Familien knapp, bei der einen mehr, bei der anderen weniger. Anna Freitags Mann ist Arzt in Jena und fährt, wie seine Frau sagt, "ohne Ende Dienste", um die Familie zu ernähren. Anna Freitag mag durchaus schöne Kleidung und schöne Möbel, doch anstatt Unsummen dafür auszugeben, kauft und verkauft sie die Sachen bei eBay. Das größte Loch ins Familienbudget reißt allmonatlich die Miete. In Weimar eine ausreichend große und bezahlbare Wohnung zu finden, das sei beim Umzug von Bayreuth in die Klassikerstadt ein Riesenproblem gewesen. "Wir haben zwei Jahre gesucht, bis mein Mann zufällig im Internet eine schöne alte Villa fand. Aber wir zahlen hier doppelt so viel Miete wie in Bayreuth."

Auch Annas Freundinnen empfinden die Wohnungssuche kinderreicher Familien als extrem schwierig. Vorbehalte von Vermietern haben sie zwar nicht erlebt, aber Angebote, die sie finanziell überfordert hätten. Svenja Sieglerschmidts Familie hatte Glück: Vor drei Jahre bezog sie eine Wohnung, die der Kirche gehört. Vorher hatte die siebenköpfige Familie in einer 84 Quadratmeter großen Wohnung gelebt. Ein Kinderzimmer für alle fünf Kinder. Doch Svenjas Mann ist Musiker - und die 2000 Euro, die die Familie für eine entsprechend große Wohnung auf dem freien Markt hätte zahlen müssen, wären nie im Leben drin gewesen. Jetzt haben die Sieglerschmidts dank ausgebautem Dachboden 200 Quadratmeter zu einem moderaten Preis - und noch dazu in einer Gegend, von der aus sie alles zu Fuß bewältigen können. Denn ein Auto besitzen sie nicht.

Kleidung und Spielsachen kauft Svenja Sieglerschmidt vor allem secondhand, außerdem bekommt ihre Familie säckeweise Kinderkleidung von Freunden geschenkt. "Wenn man die Ansprüche hätte, die viele andere haben, kämen wir natürlich nicht zurecht. Wir schrappen schon knapp am Existenzminimum vorbei", sagt sie - und Adele Grafe ergänzt: "Man muss Prioritäten setzen." Auch bei ihr ist es finanziell oft eng. Ihr Mann arbeitet als Wissenschaftler in einem Darmstädter Institut, war aber auch schon arbeitslos. Adele Grafe hat es Überwindung gekostet, Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket zu beantragen. Aber schließlich kommen die Finanzhilfen ihren Kindern zugute: Johann, Lorenz, August, Alma und Bertha.

Und wie organisiert man den Alltag mit fünf oder sechs Kindern? Einen Alltag mit Konflikten, wie es sie in jeder Familie gibt? Wie hält man den Kopf über Wasser angesichts von Wäschebergen und Bergen von Lebensmitteln, die für eine Großfamilie herangeschafft werden müssen? Mit guter Organisation und Planung, findet Anna Freitag. Man muss sich disziplinieren, sagt Adele Grafe und erzählt, dass sie sich, so turbulent ein Tag auch gewesen sein mag, zum Beispiel am Abend zum Aufräumen der Küche aufrafft.

Bei allen drei Mehrfachmüttern gibt es an der Wand Pläne mit Schulstunden, Arzt- und sonstigen Terminen, aber auch über die Verteilung der Hausarbeit. Doch auch Gelassenheit sei wichtig, wirft Svenja Sieglerschmidt ein. Die Kinder müssten ordentlich, aber eben nicht wie aus dem Ei gepellt aus dem Haus gehen. Und schon gar nicht mit Markenklamotten und Schuhen. Adele Grafe findet es wichtig, seine Ängstlichkeit abzulegen. Man könne die Kinder einer Großfamilie nicht ständig vor allem bewahren und kontrollieren. Alle drei Frauen verbannen auch Zeit- und Energiefresser aus ihrem Leben. Fernseher zum Beispiel und Handys. Dafür bleibt Zeit für Hausmusik, für Spiele und Touren mit dem Rad.

An den Reaktionen vieler Mitmenschen, die sie unterwegs erleben, haben sich die drei Mehrfachmütter fast schon gewöhnt. Anna Freitag: "Es sind immer die gleichen Fragen: ,Alles Ihre? Alle vom gleichen Vater? Keine Zwillinge darunter?‘. Das ist ganz schön anstrengend."

Zur Sache: Mehr Akzeptanz

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes leben im Mai 2011 in Thüringen 470 Familien mit fünf, 170 mit sechs und 80 Familien mit sieben Kindern. 30 der 182.080 Familien mit minderjährigen Kindern hatten acht und mehr Kinder. Bei Eltern mit mehr als drei Kindern waren nur 59 Prozent erwerbstätig. Dem Landesverband kinderreicher Familien gehören derzeit 113 Familien an. Mit seiner Arbeit will er die gesellschaftliche Akzeptanz für das Modell Großfamilie erhöhen.

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