Fleischermeister aus Ohrdruf riskierte sein Leben

Es waren Tage, ja Wochen voller Angst. Dabei ist Inge Herrmann damals, Ende 1943, extra vom Württembergischen, wo sie Nacht für Nacht vor Bombenangriffen in den Luftschutzkeller fliehen musste, ins heimische Ohrdruf zurückgekehrt, um endlich wieder Ruhe zu finden.

Fleischermeister Gerhard Groll aus Tambach-Dietharz ist stolz auf seinen Großvater. Walter Groll hat Ende des Zweiten Weltkrieges zwei jüdische KZ-Häftlinge versteckt. Foto: Lutz Ebhardt

Fleischermeister Gerhard Groll aus Tambach-Dietharz ist stolz auf seinen Großvater. Walter Groll hat Ende des Zweiten Weltkrieges zwei jüdische KZ-Häftlinge versteckt. Foto: Lutz Ebhardt

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Ohrdruf. Arbeit hatte die gelernte Verkäuferin seinerzeit bei Fleischermeister Walter Groll (1894-1972) gefunden. Dass es eine aufregende Zeit werden sollte, ahnte sie nicht. Doch 1944, als nahe der Stadt ein Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald entstand, wirkte sich das auch auf die angesehene Fleischerei aus. „Walter Groll musste Waren an das KZ liefern“, erzählt Inge Herrmann.

Aus diesem Grunde tauchte eines Tages ein SS-Mann auf, der allerdings nur gebrochen Deutsch sprach. Die Frau glaubt, dass er aus Bukowina stammte. In seiner Begleitung waren zwei Häftlinge, die mit einem Karren die Waren ins Lager transportieren sollten. Der SS-Mann wandte sich an Fleischermeister Groll mit einer ungewöhnlichen Anfrage: Er bat um Essen für die beiden Häftlinge.

„Mein Chef hat sie fortan immer, wenn sie Waren abholten, hereingeholt und ihnen Wurst oder Suppe gegeben. Ich stand Schmiere, damit uns niemand überraschte“, erinnert sich Inge Herrmann. Und dabei schlug ihr das Herz bis zum Hals. „Es gab in diesen Tagen genügend Denunzianten, praktisch standen wir mit einem Bein auch im KZ.“ Doch glücklicherweise bekam niemand mit, was sich regelmäßig in der Fleischerei abspielte.

Dienstverpflichtet

Walter Groll sei ein herzensguter Mensch gewesen, sagt die ehemalige Verkäuferin. „Wann immer er helfen konnte, er tat es.“ Inge Herrmann weiß, dass die beiden französischen Kriegsgefangenen, die in der Fleischerei dienstverpflichtet waren, genau so wie alle anderen Mitarbeiter behandelt wurden. „Wenn Schnitzfleischtag war, bekamen sie ihre Ration genau wie wir. Allerdings haben sie das Fleisch aufgespießt und überm Feuer gegrillt. Uns tat jeder Tropfen Fett leid, der ins Feuer tropfte. Der Meister hat es toleriert, weil es eben ihre Art war.“ Als die Insassen aus dem Nordlager des KZ Ohrdruf auf den Todesmarsch geschickt wurden, hat der SS-Mann mit Fleischermeister Groll eine weitere Absprache getroffen.

Die Häftlinge marschierten nachts durch Ohrdruf in Richtung Jonastal, vorbei am Hoftor der Grolls. Der SS-Mann aus Bukowina stieß die beiden Häftlinge aus der Kolonne durch das geöffnete Tor, hinter dem Walter Groll bereits wartete. Wenige Minuten später waren die beiden – ein polnischer Jude und ein 18-jähriger Jude aus Frankreich – auf dem Heuboden versteckt. Dort blieben sie mehr als acht Tage. Inge Herrmann, die während des Arbeitsdienstes zur Sanitätsschwester ausgebildet wurde, versorgte sie medizinisch. Groll brachte das Essen auf den Heuboden.

Was die beiden Häftlinge und den SS-Mann verband, haben weder Familie Groll noch Inge Herrmann jemals erfahren. Die Frau glaubt auch nicht, dass der Bukowiner den Krieg überlebte. Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Ohrdruf waren die ehemaligen Häftlinge frei. Der jüdische Franzose verschwand mit den zwei ehemaligen Kriegsgefangenen nach Frankreich. Von ihm hat niemand in Ohrdruf wieder etwas gehört. Der polnische Jude – ein Zahnarzt – blieb so lange wie die Amerikaner, für die er arbeitete. Später, Inge Hermann glaubt, es war 1948, schenkte er Walter Groll aus Dankbarkeit einen Mercedes.

Für Inge Herrmann ist wichtig zu betonen, dass es in Ohrdruf mehrere mutige Menschen wie Walter Groll gegeben hat. Auch sie haben KZ-Häftlingen geholfen und manchen versteckt, dem beim Todesmarsch durchs Jonastal die Flucht gelang.

Vielfach waren KZ-Häftlingen zu Arbeitseinsätzen in der Stadt. Diese Gelegenheit nutzten Ohrdrufer, sie mit Essen oder medizinischer Hilfe zu versorgen. Inge Herrmann kümmerte sich mit Freundinnen um Häftlinge, die in den „Schützenhof“ zur Arbeit abkommandiert waren. „Unter ihnen ein Professor aus Holland, der entsetzlich unter Geschwüren litt. Ich half ihm, so gut ich konnte.“ Dass der Holländer den Todesmarsch nicht überlebte, erfuhr Inge Herrmann erst Jahre später. Seine Frau hatte sich auf den Leidensweg ihres Mannes begeben und war nach Ohrdruf gekommen.

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