Fotojournalist zu DDR-Zeiten "Ich wollte nicht mehr mitmachen"

Als Uwe Gerig am 9. November 1989 aus den Abendnachrichten von den sofortigen Reise-Erleichterungen für DDR-Bürger erfährt, ruft er aus dem Taunus gleich bei Pan Am an und fragt nach einem Berlin-Flug für den nächsten Morgen.

"Karl Marx lebt in uns und unseren Taten": Dieser Spruch zierte 1983 einen Gemüse- und Obstladen in Weimar, vor dem die Menschen Schlange standen. Uwe Gerig nahm solche Widersprüche auf.

Foto: zgt

Erfurt/Quedlinburg. Gerig ist Fotograf, genauer gesagt: Fotoreporter. Und der Mauerfall, das ist ihm sofort klar, gibt historische Bilder. Bilder von Menschen aus einem Land, das er selbst bestens kennt. Denn: Gerig hat sechs Jahre zuvor die DDR heimlich verlassen, ist bei einer Urlaubsreise zusammen mit seiner Frau getürmt - und steht daher auf der Fahndungsliste.

Tochter Gaby hatte damals kurz nach ihren Eltern das Land legal verlassen dürfen, weil Uwe Gerig damit gedroht hatte, über die wahren DDR-Zustände in den Westmedien zu berichten. "Dass das im Westen in Wahrheit gar keinen interessierte, hat mich geschockt. Aber die, die über das Schicksal unserer Tochter im Osten zu entscheiden hatten, haben so gehandelt, wie wir uns das ausgerechnet hatten", sagt er im Rückblick.

Gerig hatte im "Roten Kloster" in Leipzig Journalismus studiert. Doch um Journalismus sei es da weniger gegangen, "eigentlich war das eine Parteihochschule", sagt er. Als Gerig seinen Abschluss in der Tasche hatte, schickte ihn die Partei zum "Volk" nach Erfurt. Aber der junge Fotoreporter mit dem losen Mundwerk passte nicht so recht in die Riege der altgedienten Kader. Seine Aufgabe war ehrenvoll: Immer, wenn es auf Bezirksebene etwas zu fotografieren gab, wurde Gerig damit beauftragt.

Als er Ende der 1960er Jahre in der Dunkelkammer im Kollegenkreis einen hohen Kader, der gerade das Zeitliche gesegnet hatte, ein "Rumpelstilzchen" nannte, petzte eine Kollegin beim Chefredakteur. Am nächsten Morgen dann ganz großes Theater. Gerig kündigte - wurde aus dem Journalistenverband geschmissen und galt fünf Jahre lang als unwürdig, für die SED-Presse zu arbeiten. Er verdiente sich mit Blumenfotos für den Katalog der staatlichen Samenzucht sein Geld. Und er schuf die großen Porträts für die IGA in Erfurt. "Die wurden nach Quadratmetern bezahlt", erinnert er sich - und lacht. Gerig verdiente als Freiberufler gutes Geld. Doch es sollte noch besser kommen: 1973 meldete sich die NBI bei ihm. "Wahrscheinlich hatte das ZK meinen Namen als Nomenklaturkader nie gestrichen", sagt er. NBI, das steht für Neue Berliner Illustrierte - "und das war die größte und einzige Zeitschrift ihrer Art", sagt Gerig und erinnert an den Witz: Die DDR war ja auch die größte, weil einzige ihrer Art...

Nun hatte Gerig gut zu tun - und die Bezirksleitung Erfurt, die ihn vorher aufs Abstellgleis geschoben hatte, musste ihn nun beinahe hofieren. Schließlich sollte er die Region ins richtige Licht rücken. Derweil wurde Gerig von sechs IM bespitzelt. Das aber erfuhr er erst zwei Jahrzehnte später beim Blick in seine Stasi-Akte. Bei Gerig hatte es die Stasi auch einmal mit der Anwerbung versucht. "Aber das habe ich elegant abgeschmettert, ohne dass es mir einen Nachteil gebracht hätte", sagt er.

Freiberuflicher Fotoreporter bei der NBI hieß: große Fotostrecken, begleitet von Berichten. Dabei war Gerigs Aufgabe vor allem, die DDR als heimeliges Land in Szene zu setzen. Heimatfeste, schöne Landschaften - der Fotograf war dafür im ganzen Land unterwegs. Und musste immer öfter wegschauen. Bilder, die die DDR mit all ihrem Sanierungsstau, mit ihren zerfallenden Innenstädten, mit ihren Umweltsünden gezeigt hätten, waren tabu. Fotografierte er offiziell etwa den Umzug zum 1. Mai im Eichsfeld, dann sollten die maroden Häuser in der Stadt möglichst nicht zu sehen sein...

Gerig wusste viel mehr über den tatsächlichen Zustand im Land als viele seiner Redaktionskollegen in Ost-Berlin: "Die kamen fast nie raus. Das Reisen mit Bus und Bahn war schwierig. Ich dagegen durfte meine Reportagereisen mit dem eigenen Wagen machen. Und ich habe als Freiberufler mehr verdient als unser Chefredakteur", erinnert sich Gerig. Kam er in die Provinz, dann wurde er meist vorrangig als "Genosse aus Berlin" und nicht als Fotojournalist betrachtet. "Mir wurde vieles über die Mängel erzählt, weil die Menschen glaubten, dass ich das dann direkt an Erich Honecker weitergeben würde. Dass ich nur ein kleines Licht war und zu diesen Kreisen gar keinen Zugang hatte, habe ich natürlich nicht gesagt", macht er deutlich.

Gerigs lebten in Erfurt in einer schönen Penthousewohnung in einem der Hochhäuser in der Innenstadt. "Wir waren privilegiert", sagt er. Aber bei Gerig machte sich das Gefühl breit: "Ich will da als Journalist nicht mehr mittun!" Die Vorstellung, bis zur Rente in seinem Beruf weiterzumachen, wurde für ihn immer unangenehmer. Auch die Anfang der 1980er Jahre zunehmende Polenfeindlichkeit unter seinen Kollegen bei der NBI stieß ihm bitter auf: Gerigs waren oft nach Polen gereist, mochten Land und Leute.

Langsam reifte der Plan, die DDR zu verlassen. Ein Ausreiseantrag kam für die Eheleute nicht in Betracht. Sie beschlossen, auf einer der Sonderreisen, die es für verdiente Kader gab, zu türmen. Zuvor hatten sie nach und nach einen Teil ihres Erfurter Haushaltes päckchenweise an über Freunde vermittelte Adresse nach Westdeutschland geschickt. Bei Null anfangen mussten Gerigs daher nicht im Westen. Die Unterstützung durch die BRD aber fiel nicht gar so üppig aus, denn sie galten nicht als politische Flüchtlinge.

Uwe Gerig war als Fotograf sechs Jahre später an der Berliner Mauer dabei. In die alte Heimat reisten er und seine Angehörigen aber Monate später. Eisenach, Erfurt und Weimar waren im Winter 1990 das Ziel, weil West-Freunde darauf drängten. Für Gerig war diese Reise mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Noch gab es die DDR, noch stand er auf der Fahndungsliste - aber das interessierte zu diesem Zeitpunkt keinen mehr.

"Stiller Sieg nach neunzig Tagen" - Gerlinde Sommer sprach mit Uwe Gerig

Uwe Gerig hatte sich bei mir gemeldet mit dem Hinweis, dass er die Geschichte seiner Flucht aufgeschrieben habe. Dann schickte er das Buch "Stiller Sieg nach neunzig Tagen - Protokoll einer Selbstbefreiung im geteilten Deutschland". Auf 284 Seiten erzählt der Mann, der einst mit seiner Frau und Tochter in Erfurt lebte, aber nicht nur von jener Flucht, die er akribisch geplant hatte. Das Schwierigste bei diesem Vorhaben: Die Gerigs wollten erreichen, dass ihre volljährige Tochter Gaby möglichst schnell den Eltern in den Westen folgen durfte. Dazu bedurfte es mancher Tricks... Das alles können Sie, liebe Leser, in Gerigs Buch (ISBN 978-3-95631-064-5) nachlesen. Das, was der Flucht vorausging bei jenem bekannten Fotoreporter und Genossen, steht auf dieser Seite, die Teil unserer Serie zum Ende der DDR ist. Wenn auch Sie eine interessante Geschichte zu erzählen haben, bitte melden: g.sommer@tlz.de

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