Gotha erinnert an den DDR-Bürgerrechtler Jürgen Fuchs

Gotha  Ein Themenabend im Gothaer Tivoli widmet sich dem DDR-Bürgerrechtler Jürgen Fuchs (1950-1999).

Auf diesem um das Jahr 1960 entstandenen Schnappschuss sind Jürgen Fuchs, Hans-Jürgen Babelotzky und ein Nachbarmädchen in der Georgenthaler Straße zu sehen. Foto: privat

Auf diesem um das Jahr 1960 entstandenen Schnappschuss sind Jürgen Fuchs, Hans-Jürgen Babelotzky und ein Nachbarmädchen in der Georgenthaler Straße zu sehen. Foto: privat

Foto: zgt

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„Für Hans-Jürgen von Jürgen herzlich!“ Diese Widmung schrieb im August 1990 der Schriftsteller Jürgen Fuchs in sein ein Jahr zuvor im Rowohlt-Verlag erschienenes Buch „Fassonschnitt“. Adressat war sein früherer Ferienfreund Hans-Jürgen Babelotzky in Gotha. Die beiden Jungs hatten einst schöne Zeiten in der Georgenthaler Straße verbracht, wo Jürgens Großeltern wohnten.

Diese Tatsache dürfte wohl den meisten Gothaern nicht bekannt sein. Den Namen Jürgen Fuchs verbindet man in Thüringen höchstens mit Jena, wo der spätere Dissident bis zu seiner politischen Zwangsexmatrikulation studiert hatte, und mit Erfurt, wo seit 2002 die Zufahrtsstraße zum Thüringer Landtag seinen Namen trägt. Dort fand auch im Januar eine Gedenkveranstaltung anlässlich seines 65. Geburtstages statt.

Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem die beiden vormaligen SPD-Landtagsabgeordneten Helmut Rieth und Hans-Jürgen Döring. Letzterer war bereits seit 1972 mit Jürgen Fuchs befreundet gewesen. Zusammen hatten sie damals ein Poetenseminar in Schwerin besucht und sich geweigert, Auftragsgedichte für die bevorstehenden Weltfestspiele in Berlin zu schreiben.

Helmut Rieth hatte wiederum 2015 in Jena den polnischen Germanisten Ernest Kuczynski kennengelernt, der über das literarische Schaffen von Jürgen Fuchs promoviert und 2014 die Anthologie „Im Dialog mit der Wirklichkeit. Annäherungen an Leben und Werk von Jürgen Fuchs“ im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) herausgegeben hatte.

Bei der Gedenkveranstaltung kamen sie allesamt ins Gespräch mit Christian Dietrich, dem Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Dieser brachte die ihm bekannt gewordenen Verbindungen von Jürgen Fuchs zu Gotha ins Gespräch. Das war die Geburtsstunde für eine diesbezügliche Veranstaltung in Gotha.

Nachdem auch die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Förderverein Gothaer Tivoli sich schnell für diese Idee hatten begeistern lassen, findet nun am kommenden Donnerstag der Themenabend „Jürgen Fuchs – Ein Kämpfer gegen das Vergessen“ im historischen Saal der Gedenkstätte Tivoli statt. Dazu sind nicht nur alle Interessenten, sondern besonders auch die einstigen Weggefährten von Jürgen Fuchs eingeladen.

Selbstverständlich wird auch Hans-Jürgen Babelotzky mit dabei sein. Er ist zwei Jahre älter als der am 19. Dezember 1950 im vogtländischen Reichenbach geborene Jürgen Fuchs. Wie dessen sieben Jahre ältere Schwester Christine Stognienko, die im südthüringischen Kamsdorf lebt, erzählt, hatte es ihre Großeltern Erwin und Olga Stiehler nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Vogtland nach Gotha verschlagen, weil der Buchhalter Arbeit bei den damaligen Vereinigten Gothania-Werken in der Bahnhofstraße 1 fand.

In der 1936 erbauten Gagfah-Siedlung schuf sich die Familie Stiehler in der Georgenthaler 20 ein bescheidenes Eigenheim in einer Doppelhaushälfte. Dort erblickte 1943 auch die Enkeltochter Christine das Licht der Welt. Aufgewachsen ist sie jedoch in Reichenbach, wo auch ihr Bruder Jürgen geboren wurde.

Die Ferien verbrachten die beiden Geschwister stets bei den Großeltern in Gotha. Dadurch entwickelten sich zwangsläufig freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarkindern. Dazu zählte auch der Sohn des Friseurs Albert Babelotzky, der in der Nr. 16 wohnte. Das abgebildete Foto, das um das Jahr 1960 entstanden sein muss, zeigt die beiden Ferienfreunde zusammen mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft in der Georgenthaler Straße.

All dies wäre nicht weiter erwähnenswert. Auch ein Jürgen Fuchs wäre jedoch später nicht automatisch zum DDR-Oppositionellen geworden, wenn er nicht in seiner Kindheit und Jugend dazu geprägt worden wäre. Seine Bezugsperson war offensichtlich die Gothaer Großmutter Olga. Diese war nach Einschätzung von Christian Dietrich Jürgens Vorbild gewesen.

In seinem Redebeitrag im Tivoli wird er deshalb unter dem Motto „Verortungen und Wirkungen“ speziell auf die Rolle Gothas im späteren Leben von Jürgen Fuchs eingehen. Olga Stiehler hatte den Kirchenkampf im Dritten Reich hautnah miterlebt, der mit der Oppositionsbewegung in der späteren DDR vergleichbar ist. Sie hat ihren beiden Enkelkindern deshalb christliche Werte, Nächsten- und Wahrheitsliebe mit auf den Weg gegeben.

Laut Christian Dietrich war die wichtigste Frage im Leben von Jürgen Fuchs: „Woher kommt geistige Freiheit in der Diktatur?“ Er stimmte sicherlich mit seiner Großmutter überein, dass jeder die Möglichkeit habe, dem zu widerstehen. Danach lebte er fortan und kam deshalb bereits frühzeitig in Konflikt mit der DDR-Obrigkeit.

Als Jürgen Fuchs dann 1969 Grenzsoldat wurde, schrieb ihm die Großmutter aus Gotha: „Auch wenn du zur Armee gehen mußt, lieber Jürgen, du darfst nicht töten.“ Dies unterstreicht nur deren humanistische Grundeinstellung, die so prägend für den Enkelsohn geworden ist.

Auch Hans-Jürgen Döring schätzt noch heute die Redlichkeit von Jürgen Fuchs, die für ihn stets faszinierend gewesen war. Dieser hatte ihm erzählt, dass er sich immer für die Wahrheit entscheiden würde. Er sei ungeheuer sanftmütig gewesen und habe auf jegliche Ungerechtigkeit total sensibel reagiert.

Selbst nachdem Jürgen Fuchs kurz vor Abschluss seines Studiums der Sozialpsychologie in Jena 1975 zwangsexmatrikuliert, im November 1976 bei seinem Freund Robert Havemann in Grünheide bei Berlin wegen „staatsfeindlicher Hetze“ von der Stasi verhaftet und schließlich im August 1977 nach West-Berlin abgeschoben worden war, hielt Hans-Jürgen Döring über eine Tante den Kontakt zu seinem Freund. Dadurch wurde er selbst ab 1979 von der Stasi überwacht. All dies sei für ihn so prägend gewesen, dass er ohne Jürgen Fuchs nicht Mitglied des Thüringer Landtags geworden wäre. Nach der Wende habe man sich oft getroffen und gemeinsam Lesereisen in Schulen abgehalten.

Sowohl die Verhaftung als auch die Abschiebung von Jürgen Fuchs hat der erst 1978 verstorbene Großvater Erwin Stiehler noch miterleben müssen, nachdem seine Frau bereits 1974 verstorben war. Noch am Tag der Verhaftung ihres Bruders besuchte ihn Christine letztmals in Gotha. Gleich anderntags wurde auch sie bei Robert Havemann in Grünheide verhaftet, jedoch nach wenigen Stunden wieder aus der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Berliner Magdalenenstraße entlassen.

All dies – und sicherlich noch viel mehr – wird am kommenden Donnerstag bei dem Themenabend im Tivoli zur Sprache kommen. Dazu sind vor allem auch alle Zeitzeugen eingeladen, die eventuell noch weitere Fakten zur Schließung dieser bisherigen Lücke in der Gothaer Stadtgeschichte beitragen können.

l Themenabend „Jürgen Fuchs – Ein Kämpfer gegen das Vergessen“ am Donnerstag, 28. April, um 19 Uhr im Tivoli, Am Tivoli 3.

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