Gotha: Orts-Chronistentreffen zum Auftakt des Gustav-Freytag-Jubiläumsjahres

Gotha-Siebleben  Mit dem Frühjahrstreffen der Ortschronisten, Heimatpfleger und -forscher fand die Premiere für die 2015/16 geplanten Gedenkveranstaltungen statt. Der Schriftsteller Gustav Freytag lebte von 1816 bis 1895, in Siebleben hatte er ein Sommerhaus.

Die Ortschronisten mit der „Schlossherrin“ Bettina Balling (Neunte von rechts) beim Rundgang im Mönchhof. Foto: Wolfgang Möller

Die Ortschronisten mit der „Schlossherrin“ Bettina Balling (Neunte von rechts) beim Rundgang im Mönchhof. Foto: Wolfgang Möller

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Wer im Glashaus sitzt, darf nicht mit Steinen, wohl aber mit historischen Daten um sich werfen. Zum Beispiel: Gustav Freytag, geboren am 13. Juli 1816 in Kreuzburg/Schlesien und gestorben am 30. April 1895 in Wiesbaden.

Das Glashaus ist der Gemeindesaal der St.-Helena-Kirche in Siebleben, jenem Ort, in dessen unmittelbarer Nähe der Schriftsteller sein Tuskulum – das Sommerhaus – hatte. Dieses und das kommende Jahr sind also Jubiläumsjahre des berühmtesten Siebleber Nachbarn (so die damalige Bezeichnung der Bürger).

Mit dem Frühjahrstreffen der Ortschronisten, Heimatpfleger und -forscher gewissermaßen die Premiere für die 2015/16 geplanten Gedenkveranstaltungen statt. Rund 50 Heimatfreunde verfolgten am Vormittag die Vorträge zum Leben und Werk Gustav Feytags und nahmen am Nachmittag an den Führungen in der Kirche, am Grabmal, im Mönchhof sowie im Pavillon am Gustav-Freytag-Haus teil.

Landrat Konrad Gießmann (CDU) war Schirmherr der Veranstaltung, die das vierte Mal unter der Regie der Volkssolidarität Gotha, vertreten durch Arnfried Gothe, organisiert wurde. Gießmann dankte zur Eröffnung dem Siebleber Heimatgeschichtsverein für dessen jahrzehntelanges Engagement zur Pflege von Freytags Erbe. Organisationschef und Moderator Wolfgang Kümpfel begrüßte auch Ortsteilbürgermeister Maik Wachsmuth (CDU), den Schulleiter des Gustav-Freytag-Gymnasiums, Cersten Pietschmann, und den Vorsitzenden des Briefmarkensammlervereins 1890, Eckehard Fromm. Gastgeber Pfarrer Michael Weinmann baute den Zuhörern eine Brücke zwischen der klassizistischen Kirche von 1809 und dem modernen Anbau von 2000: „Das alte Erbe bewahren bedeutet auch, die Gegenwart zu prägen.“

Den Einleitungsvortrag hielt Dirk Ponick, amtierender Vorsitzender des Vereins „Freunde der Heimatgeschichte Siebleben“. Gegründet 2004, mit derzeit 21 Mitgliedern, hat sich der Verein als Hauptziel gesetzt, das Gustav-Freytag-Haus („die gute Schmiede“, wie der Dichter sie nannte, weil das Gebäude früher eine Schmiede war) zu erhalten sowie den Pavillon (das Gartenhaus) als museale Einrichtung und Gedenkstätte der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die beiden Vereinsmitglieder Reinhard Ponick und Günter Bauerfeind verrieten den Teilnehmern schon mal einige Passagen aus ihrem Buch „Wie die Götter, zweigeteilt“, das im Juli erscheint. Darin analysieren sie nicht nur den Literaten Freytag, sondern auch die Privatperson, den Ehemann und Familienvater – wie er in guter Nachbarschaft mit den Siebleber Bür-gern gelebt und wie er sich gesellschaftlich im Dorf sowie am herzoglichen Hof engagiert hat.

Siegwart Wohlleben, ebenfalls Vereinsmitglied, stellte das umfangreiche Veranstaltungsprogramm der beiden Jubiläumsjahre vor.

Sie beginnen mit der Kranzniederlegung am 30. Mai 2015 zum 120. Todestag am Grab im Kirchgarten und enden am 16. Juli 2016 mit der Festveranstaltung in der Kirche zum 200. Geburtstag.

„Gustav Freytag – nur ein Schriftsteller?“ überschrieb Professor Jochen Schröder sein Hauptreferat. Darin charakterisierte er die abwechslungsreiche Biografie und das facettenreiche Werk des Schriftstellers, Publizisten und Kulturhistorikers. Freytag war einer der meistgele-senen Autoren des deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik. „Er war mehr als ein Dichter“, sagte Franz Mehring über ihn. Im Glauben an den preußischen Protestantismus aufgewachsen, trat er für ein freies, nationalliberales Deutschland ein, was ihm die Ungnade der preußischen Zensur einbrachte. Unter dem Schutz von Herzog Ernst II. von Sachsen Coburg und Gotha, seinem späteren Freund, verlegte Freytag 1851 seinen Wohnsitz in das Herzogtum nach Siebleben. Hier „schmiedete“ er seine wichtigsten Titel: Die Journalisten (1853), Soll und Haben (1855), Bilder aus der deutschen Vergangenheit (1859/67), Die Ahnen (1873/81). In den „Bildern“ hat Freytag versucht, Geschichte und Literatur zu vereinen, was ihm auch gelingt, solange er in der Region verweilt. Aber in der Gesamtheit bleibt es ein Konstrukt. Dennoch konnte er von seinen Büchern gut leben, denn sie wurden in hohen Auflagen oder in Einzellieferungen (Die Ahnen) gedruckt.

Uwe Cölln vom Förderverein Siebleben widmete sich der Entwicklung des Dorfes, insbeson-dere der Kirche, dem Freytagschen Sommersitz und dem Schloss Mönchhof. Interessanterweise gibt es von allen 328 deutschen Orten mit der Endung „-leben“ nur einen mit der Vorsilbe „sieb-“. Sein Credo zur bisherigen Forschungsarbeit: „Regionalgeschichte kann man nicht studieren, man muss sie erleben und spüren.“

Auf Spurensuchen begaben sich abschließend die Teilnehmer des Treffens zum Mönchhof und in das Gartenhaus. Das Ehepaar Balling, als Hauseigentümer und Restaurator des Schlosses aus dem Jahre 1729, führte die Gruppe durch die 2014 fertiggestellte Parkanlage, zeigte das freigelegte Gewölbe des alten Milchkellers und den italienischen Brunnen. Reinhard Ponick und Günter Bauerfeind verabschiedeten die Heimatfreunde nach der Besichtigung der Gustav-Freytag-Gedenkstätte im Pavillon bis zum Wiedersehen beim Herbsttreffen im November 2015.

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