Großfamilie aus Kahla wünscht sich familienfreundliche Politik

TLZ-Serie "Kinder, Kinder": Antje Bernhardt ist Mutter von sieben Kindern zwischen Baby- und Teenageralter. Alle sieben sind Wunschkinder. Die Großfamilie aus Kahla wünscht sich mehr Unterstützung und eine kinderfreundliche Politik von Seite des Staates.

Kinderreich ist Familie Bernhardt aus Kahla: Die Eltern Antje und Carsten Bernhardt mit den einjährigen Zwillingen Lou Lou und Lucio auf dem Arm. Vorne sitzen Gian-Luca (15), Miuccia (3), Dante (11), Joshua (9) und Giacomo (7). Foto: Peter Michaelis

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Kahla. Und doch ist da ein gewisser Ärger: Der Ärger darüber, dass Kinderreichtum nicht in angemessener Weise vom Staat unterstützt wird - und sei es nur durch Formulare, die unnötig kompliziert, und durch Verfahren, die unnötig zeitaufwendig sind. Insgesamt wünscht sie sich - wie viele kinderreiche Familien - mehr Anerkennung und weniger Kopfschütteln. Und sie verlangt Verständnis dafür, dass sie auch als Mutter von sieben Kindern im Büro der Familienunternehmens mitarbeitet.

Bernhardt sind Mittelschicht - und damit die Ausnahme unter den Kinderreichen. Vorrangig haben in Deutschland ganz arme oder sehr begüterte Familien viele Kinder. Kinder sind eine Bereicherung, aber Familie braucht auch viel Zuwendung. Eigentlich hat Antje Bernhardt also gar keine Zeit, sich politisch einzumischen. Sie tut es dennoch. Sie meldet sich zu Wort - und gibt mit ihrer Familie ein Beispiel, wenn es um Familienpolitik geht.

Sieben Kinder heißt Stress bei der Terminkoordination

Sieben Kinder - das heißt aus ihrer Sicht: eine Vielzahl von positiven Alltagserlebnissen, aber auch Stress bei der Terminkoordination. Dies auch deshalb, weil die Bernhardts für ihre Kinder das Beste wollen. Das führt dazu, dass nicht etwa die nächstliegende Schule besucht wird, sondern dass die Kinder dorthin geschickt werden, wo das Konzept dem Kindeswohl am meisten entgegenkommt. So etwas kostet zusätzlich - schon allein für die Fahrkarten, die deshalb nötig werden.

Für Antje Bernhardt ist klar: "Der Tag könnte mindestens 48 Stunden haben und auch das würde wohl noch nicht reichen". Gerade jetzt, so kurz vor den Ferien, sei es wieder besonders eng. Da müssen die älteren Kinder für die Abschlussarbeiten lernen, es müssen Abschlussfeiern vorbereitet werden, Sommerfeste stehen an. Und in den Vereinen, denen die Familie angehört, wird zum Saisonende ebenfalls gefeiert - und jeweils sind Buffetbeiträge herzlich willkommen. Was schon bei ein bis zwei Kindern ganz schön aufwendig sein kann, das ist bei einer Großfamilie eine Managementaufgabe.

Aber mit Blick auf die TLZ-Serie "Kinder Kinder" hat sich jetzt die Kahlaerin mitten in diesem Wirbel jetzt doch zu Wort gemeldet. Das, was sie am meisten stört, ist "der behördliche Hürdenlauf um Kinderzuschläge oder ähnliche Unterstützungsmaßnahmen etwa für Klassenfahrten". Da benötige man als Eltern "Nerven wie Drahtseile" und vor allem Zeit, die bei drei Kindern und mehr zumal mit Beruf gar nicht da sei. Antje Bernhardt wünscht sich hier mehr Verständnis. Auch das Kindergeld, sagt sie, löse die Probleme nicht. "Das reicht noch nicht einmal, um die Kita-Kosten zu decken", rechnet sie vor.

Familie und Arbeit zu kombinieren ist schwierig

Antje Bernhardt fasst dies so zusammen: "Mit vielen Kindern wird das Zeitmanagement und die Einkommenssituation schwieriger und die behördlichen Auseinandersetzungen werden langwieriger und nervenaufreibender. Besonders dann, wenn man - anders als oft erwartet - auch noch arbeitstätig bleiben möchte und auch bleibt."

Aus der Sicht von Frau Bernhardt ist die ganze Hilfe für Familien vor allem auf jene ausgerichtet, die keine Arbeit haben. Das will sie auch gar nicht kritisieren, gibt aber zu bedenken: "Versuche ich, mit Familie und Arbeit glücklich am vielfältigen sozialen Leben teilzunehmen und über die Runden zu kommen, stoße ich schnell an Grenzen unseres politischen Systems. Da ist gar nichts kinderfreundliches mehr!", so ihre Einschätzung. Deshalb sei auch die Arbeit des Verbandes für kinderreiche Familien so wichtig, macht die Kahlaerin deutlich. Sie spielt mit dem Gedanken, abzuwandern - "in ein Land, wo Familie noch zählt", sagt sie.

Aber vorerst sieht die Familie ihren Lebensmittelpunkt hier - und will einen Anstoß geben, sich mehr Gedanken über Kinderfreundlichkeit zu machen - bei Behörden, in der Politik. Formulare für Unterstützung könnten einfacher gestaltet werden. Familie könnte insgesamt mehr Wertschätzung erfahren - abseits jener Ehrenpatenschaft, die bei den beiden Jüngsten Bundespräsident Joachim Gauck im Juli 2012 übernommen hat.

Deutschland ist nicht kinderfreundlich

Antje Bernhardt ist um jedes ihrer Kinder froh. "Wir sind sehr stolz, dass wir diese Menge Kinder unser Eigen nennen dürfen", spricht sie sich für das Konzept Großfamilie aus. Dazu gehören auch Großvater und Großmutter. "Wir profitieren von dieser Lebenssituation in vielfältiger Weise", macht sie deutlich. So lernen alle in dieser Konstellation Kompromissbereitschaft. Und die Kinder haben jederzeit Ansprechpartner - ob es um Spiele, Fragen oder Probleme geht. Soziale Interaktion werden täglich geprobt. Die soziale Kompetenz, die sich im Miteinander entwickle, sei bereits im Kindergartenalter gut erkennbar, so Antje Bernhardt.

Beim Verband für kinderreiche Familien heißt es ebenfalls: Deutschland ist nicht kinderfreundlich - auf jeden Fall nicht, wenn es sich um mehr als zwei handelt. Selten gebe es Anerkennung, wenn jemand drei und mehr Kinder habe. Dabei bedeute die Lebensfreude und Glück. Der Verband will vielen Paaren Mut zur Großfamilie machen. Wichtig sei: Kinder dürfen weder "Armutsgrund" noch "Luxusgut" sein. Jeder sollte die Sicherheit haben, dass er Kinder bekommen darf und soll. Dafür brauche Deutschland eine gute Infrastruktur in der Kinderbetreuung, eine faire und familienfreundliche Steuerpolitik, ein für Familien bezahlbares Sozialsystem, das die Leistungen der Familien für die Gesellschaft mit berücksichtigt und flexible und familienfreundliche Arbeitgeber, so der Verband.

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