Internationale Studenten erzählen von der Offenheit der Thüringer und Kulturschocks

"In Litauen essen wir auch viele Kartoffeln", sagt Ida Sevelkaityte, "aber bei weitem nicht so viel Brot wie die Deutschen. Sie haben auch immer etwas zu Essen dabei, das kannte ich nicht. Mittlerweile mache ich mir aber auch ein Pausenbrot, denn das ist ganz schön praktisch", erzählt die Studentin, die an der Weimarer Musikhochschule eingeschrieben ist.

Schätzen die Offenheit der Thüringer: Die Litauerin Ida Sevelkaityte (li.) und Kommilitonin Ahyun Kim aus Korea studieren an der Hochschule für Musik in Weimar. Die Zahl der internationalen Studenten in Thüringen steigt. Foto: Julia Stadter

Foto: zgt

Erfurt/Weimar/Jena. Außerdem seien Süßgetränke in Deutschland viel billiger und werden daher auch mehr konsumiert als in ihrer Heimat, wo man fast immer Wasser trinke.

In die Goethestadt lockte sie ein Youtube-Video ihres Professors: "Ich habe ihn singen gehört und dachte - bei dem will ich Unterricht haben", erinnert sie sich. Sie absolvierte dann vier Monate Freiwilligendienst an einem Litauischen Gymnasium bei Mannheim, um Deutsch zu lernen. "Ich dachte mir, in Deutschland lerne ich die Sprache doch besser als in Litauen", sagt sie in recht flüssigem Deutsch.

Wer mit dem Studienaustauschprogramm Erasmus ein oder zwei Semester im Ausland studierte, kennt ihn - den Kulturschock; wenn man Dinge an der eigenen Lebensweise entdeckt, die bisher ganz normal schienen und nun plötzlich in einem anderen Kulturraum als typisch deutsch aufscheinen. Wie die Thüringer durch die internationale Brille gesehen werden, fragte unsere Zeitung ein paar Ausländer, die an Thüringer Universitäten studieren. Denn an den Hochschulen des Freistaats steigt die Zahl der internationalen Studenten zunehmend, aber auch aus den alten Bundesländern gibt es immer mehr Immatrikulationen.

Weimar findet Ida Sevelkaityte perfekt zum Studieren, man brauche kein Auto und habe den wunderbaren Park. Zudem gebe es nicht zu viel Nachtleben, da könne man sich gut auf das Studium konzentrieren. Außerdem seien Stadt und Uni auf die ausländischen Studenten eingestellt: "In Litauen wäre es viel schwieriger, denn Englisch ist nicht so weit verbreitet." So kommt jeder dritte Musikstudent aus dem Ausland.

In Thüringen herrsche viel Offenheit gegenüber den internationalen Studenten, findet die 21-Jährige. Außerdem werden Hierarchien in Deutschland nicht so streng gehandhabt, wie sie das aus Litauen kennt, das sagt Ida Sevelkaityte sehr zu. "Mit gefällt auch der Umgang mit älteren Menschen - hier kümmert man sich viel um sie und behandelt sie als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft", beobachtete die Studentin.

Ihre Kommilitonin Ahyun Kim aus Südkorea ist schon ein paar Semester länger in Weimar - und rundum integriert. Sie leitet einen Kinderchor, gibt Nachhilfe in einer Nachmittagsbetreuung und organisiert Konzerte im Altenpflegeheim: "Weil die Kinder meinen koreanischen Namen so fremd finden, habe ich mir einen deutschen Künstlernamen zugelegt - die Kinder nennen mich Rebekka", erzählt die fröhliche Asiatin. Weil sie es als ein großes Privileg empfindet, hier studieren zu können, und als gläubige Christin möchte sie der Gesellschaft etwas zurückgeben, deshalb engagiere sie sich. Außerdem habe sie dabei ihre Sprachkompetenz erlangt: "Wenn man sich mit Kindern unterhält, ist es nicht schlimm, Fehler zu machen, denn sie machen ja oft selbst welche.

Und ältere Menschen freuen sich, wenn sich jemand Zeit nimmt, mit ihnen zu sprechen - außerdem sind sie oft sehr gebildet und können viel erklären", sagt Rebekka. Allerdings trauen sich nicht alle ihre asiatischen Kommilitonen so offen wie sie auf die Deutschen zuzugehen. Rebekka mag die geduldige, ruhige Art: "Die Deutschen können gut zuhören."

In ihrer Heimat Korea habe sie eine strenge Ausbildung genossen und sei mit der europäischen Musik aufgewachsen. "Nun aber hier an den historischen Orten zu sein, ist etwas ganz anderes", schwärmt sie. Rebekka möchte in Weimar bleiben: "Auch wenn ich meine Familie vermisse und sie nur etwa alle drei Jahre sehe: Deutschland passt besser zu mir."

Divij Verma studiert im Master molekulare Medizin an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Der 23-Jährige kommt aus Indien, aus Neu-Delhi. Er wählte Jena als Studienort, weil die Universität international einen sehr guten Ruf in seinem Fachgebiet hat und ein spezielles Studienprogramm anbietet - rund 200 internationale Studenten werden dort jedes Jahr begrüßt. Der europäische Kulturraum ist für Divij Verma ungewohnt: "Junge Menschen ziehen hier so früh bei ihren Eltern aus, sie sind sehr viel unabhängiger als meine Generation in Indien", erzählt er. Unterrichtssprache in seinem Master ist Englisch, Divij Verma lernt aber auch Deutsch: "Die Thüringer sind sehr ruhig, sprechen nicht sehr viel. Sie sind nicht so offen wie die Bayern", ist sein Eindruck, der aber, schränkt er ein, natürlich durch die Sprachbarriere geprägt sein kann. Fremd sind Divij Verma auch unsere Essgewohnheiten: "In Indien wird viel mehr gekocht - und nicht so viel Alkohol getrunken. Hier bringt man als Geschenk ganz oft Bier oder Wein mit", schildert er seine Beobachtungen.

Immer mehr Abiturienten kommen auch aus den alten Bundesländern zum Studium nach Thüringen. Dennoch herrschen häufig noch Ost-West-Barrieren in den Köpfen, weiß Linda Keck. "Ich war die einzige aus meinem Abiturjahrgang, die in die neuen Bundesländer ging. In meinem Fach war ich dann die einzige aus Bayern", erzählt Linda Keck, die im oberfränkischen Naila ihr Abitur gemacht hat und dann in Erfurt einen Bachelor in Literaturwissenschaft absolvierte. Es fehle den Thüringer Universitäten an Bekanntheit in den alten Bundesländern: "Dabei sind die Studienbedingungen hier sehr gut: Die Unis sind nicht so groß und es gibt einen guten Betreuungsschlüssel", erzählt sie. Und Linda Keck kennt die Überlegungen von Abiturienten sehr gut, denn sie hilft an ihrer alten Schule bei der Studienwahl.

"Für mich gab es vor allem auch einen finanziellen Beweggrund, in Thüringen zu studieren: Keine Studiengebühren, geringe Lebenshaltungskosten und die Entfernung in meine Heimat ist die gleiche wie zu den anderen Hochschulstädten in Bayern", nennt sie weitere Argumente für Thüringen. Es gefällt Linda Keck hier sogar so gut, dass sie einen Master an der Weimarer Bauhaus Universität anschloss.

Am eigenen Schopf aus dem Drogensumpf herausgezogen

Kommentar von Sibylle Göbel: Die Bafög-Erhöhung ist überfällig

Studenten vergeben gute Noten an Universität Jena

Zu den Kommentaren