Kuriositäten im Erfurter Stasi-Archiv: Tag der offenen Tür am Samstag

Erfurt  Im Erfurter Stasi-Archiv lagern neben Akten auch Kuriositäten, die über Stasi-Aktivitäten Auskunft geben. Wer einen Eindruck von den perfiden Stasi-Methoden gewinnen will, kann diesen Samstag von 9-18 Uhr das Stasi- Archiv in Erfurt auf dem Petersberg besichtigen.

Thilo Günther zeigt im Erfurter Stasi-Archiv eine Musterakte. Foto: Maximilian Wolf

Thilo Günther zeigt im Erfurter Stasi-Archiv eine Musterakte. Foto: Maximilian Wolf

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Es könnte eine Requisite aus einem James-Bond-Film der 1970er Jahre sein: In Erdnüssen versteckten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Mikrofilme, um so wertvolle Informationen außer Landes zu schmuggeln.

Die Erdnüsse gehören zu den Kuriositäten, die in den Archiven des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheitsdienste der ehemaligen DDR (BStU) ruhen. Auch in Erfurt werden Dinge aus den Beständen des MfS aufbewahrt, die auf den ersten Blick kurios wirken, aber alle nur einem Ziel dienten: der lückenlosen Überwachung der DDR-Bürger und der Sicherheit des Arbeiter- und Bauernstaates.

Thilo Günther kennt diese Zeit nur von Erzählungen. Kurz vor dem Mauerfall geboren, erlebte er das DDR-Regime nicht mehr bewusst. Heute arbeitet er in der Erfurter Außenstelle des BStU. In der Hand hält er einen „Champagnersäbel“. Ob er tatsächlich zum Köpfen von Champagnerflaschen benutzt wurde, ist nicht ganz klar, denn das Stück kam ohne Beschriftung in das Archiv. Es ist einer von vielen Gegenständen, deren Ursprung ungeklärt ist. Auch 26 Jahre nach der politischen Wiedervereinigung liegen viele Details über die Machenschaften der Stasi weiter im Dunkeln.

„Andere Methoden sind dagegen bekannt“, sagt Thilo Günther. Beispielsweise die des „toten Briefkasten“. Diese wurde benutzt, um unauffällig Informationen auszutauschen. Eine dieser Übergabestellen befand sich in der Eisenacher Sophienkirche, versteckt am Marienaltar. Am Eingang wurde auf einer Stufe markiert, wenn es eine neue Nachricht gab. „Vielleicht mit Kreide oder einem kleinen Steinchen“, sagt Günther.

„Ob der liebe Gott wohl auch bei der Stasi war?“, fragt ein Archivbesucher scherzend. Mit Sicherheit nicht, doch mit einem mulmigen Gefühl verlässt fast jeder die Räume des BStU auf dem Erfurter Petersberg. Alleine für den ehemaligen Bezirk Erfurt lagern im Archiv viereinhalb laufende Kilometer Akten. Nicht für jeden DDR-Bürger legte die Staatssicherheit eine eigene Akte an – und manchmal observierte man auch den Falschen.

Antennenstürmer in Umpferstedt

So erfuhr ein Mann in Thüringen, dass gegen ihn wegen Kälbersterblichkeit 1981 in Breitenworbis ermittelt wurde. „Die Namen haben gestimmt, aber die Geburtsdaten nicht“, sagt Günther. Seltener sei es vorgekommen, dass Menschen mit demselben Namen und Geburtstag in der DDR gelebt haben. Alleine die Akten mit dem Nachnamen Müller umfassen in der Berliner BStU-Zentrale 24 Regalmeter.

Andere Versuche, die innere Ordnung zu bewahren, gingen gründlich daneben. So informierte der Geheime Informator (GI) Bettina 1961, dass in Umpferstedt (Weimarer Land) viel Westfernsehen geschaut werde. Es folgte der Befehl des „zwangsweisen Ausbaus“, auch unter Einwirkung von Gewalt. Der zuständige überforderte Techniker baute allerdings die falschen Antennen aus, so dass in Umpferstedt zwischenzeitlich nur noch die BRD-Fernsehsender verfügbar waren. Nach dem erfolgreichen Ausbau der Westantennen folgte ein Bericht, dass die Bürger ein Jahr später die Antennen wieder selbst eingebastelt hatten.

Die Stasi machte sich außerdem die praktische Chemie zunutze: So gab es mehrere Varianten von sich selbst zerstörendem Papier, das binnen weniger Sekunden aufgelöst werden konnte. Darauf standen oftmals Kommando- sowie Verteidigungsbefehle. Schnell entzündbares Papier beispielsweise verbrannte mit einer hohen Rauchentwicklung und einer starken Flamme. Ein Buch in A 5-Größe zerfiel innerhalb von fünf bis zehn Sekunden mit einer ein Meter hohen Stichflamme zu Asche. Die Restbestände das Papiers lagern heute gut gekühlt in Berlin, sagt Thilo Günther. Das Spezialpapier „Hydrasol“ löste sich dagegen bei Kontakt mit Wasser auf. Für 100 Bögen A 4-Papier wurden gerade einmal acht bis zehn Liter Wasser benötigt. Direkt nach dem Kontakt mit Wasser bildete sich ein zäher Schleim, der alles unleserlich machte. Um den Empfänger darauf hinzuweisen, wurde am Ende des Blattes eine kleine Ecke abgeschnitten.

IM füllten Tausende von Seiten

Eine andere gängige Ermittlungsmethode bestand aus Geruchsproben. Im Verdacht von „schweren Fällen des Rowdytums“ oder illegalem Grenzübertritt wurde ein Spurträger auf persönlichen Gegenständen angebracht. „Unmengen von Geruchsproben sammelte die Staatssicherheit über die Jahre, allerdings mit mäßigem Erfolg“, sagt Thilo Günther. Zu eingeschränkt waren die Umweltbedingungen, um eine perfekte Probe nehmen zu können.

Wesentlich mehr Erfolg hatte das MfS mit inoffiziellen Mitarbeitern. In Erfurt lagern zum Beispiel die Akten von „IM Stefan“ und „IM Richard“. Beide umfassen jeweils etwa handschriftlich verfasste 10 000 Seiten. „IM Richard“ schrieb in 13 Jahren über 5600 Namen auf.

Mit dem Mauerfall 1989 versuchte die Stasi, große Mengen an Beweismaterial zu vernichten, war allerdings nur bedingt erfolgreich. Schnell waren die wenigen vorhandenen Reißwölfe kaputt, ein Nachschub „aus dem kapitalistischen Ausland“ sei nicht realistisch gewesen, sagt Günther. Also zerrissen MfS-Mitarbeiter die Unterlagen von Hand. Diese eher halbherzig beseitigten Akten wurden zu einem kleinen Teil bereits wieder zusammengesetzt. Die Aufarbeitung der Stasi-Akten dauere noch immer an, sagt Günther.

Trotz aller Spionagetechnik, einem riesigen Netzwerk an Spitzeln und perfider Methoden gelang einigen DDR-Bürgern die Flucht in den Westen. Einer von ihnen kostete den Triumph aus, in dem er sich persönlich an die DDR-Oberen wandte. In einem Brief ohne Absender und Eisenacher Poststempel schrieb er: „Lieber Erich, ein ausreisender West-Tourist, der nicht alles ausgeben konnte, schickt diesen Betrag als Spende für die Unkosten beim Abriss der Mauer.“ Dem Brief beigelegt waren fünf Pfennig.

Am Samstag öffnen die Archive des Freistaates ihre Türen. Auch die BStU-Außenstelle Erfurt auf dem Petersberg kann inklusive der Ausstellungen von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden. Der nächste Vortrag der Reihe „Stasi-Akte spezial“ widmet sich am 5. April dem Thema „Umweltverschmutzung in der Werra und die Staatssicherheit“.

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