Liebe ist größer als die Angst - Bestatter aus Berufung

Seinen ersten Toten vergisst er nie. Dirk Steinbrücker war Anfang 30, arbeitete in der Altenpflege und hatte Spätdienst. Auf seinem Rundgang durch die Zimmer sah er es sofort: "Seine Hand hing herunter. Ich spürte gleich, dass etwas anders war", erzählt er.

Das größte Lob, welches Dirk Steinbrücker für seine Arbeit erhält, sei die Erwähnung in den Danksagungen der Angehörigen. Der 45-Jährige ist seit 16 Jahren als Bestatter zwischen Weimar und Jena unterwegs. Foto: Peter Michaelis

Das größte Lob, welches Dirk Steinbrücker für seine Arbeit erhält, sei die Erwähnung in den Danksagungen der Angehörigen. Der 45-Jährige ist seit 16 Jahren als Bestatter zwischen Weimar und Jena unterwegs. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Der 90-Jährige war ihm ans Herz gewachsen. Jetzt lag er tot im Bett. Und das Einzige, was Steinbrücker fühlte, war Respekt. Diesem Mann gegenüber.

Die Angehörigen würden bald da sein - und so begann er, den Mann adrett anzuziehen. "Es wird das letzte Mal sein, dass seine Familie ihn sieht. Und dieses Bild wird für immer im Gedächtnis bleiben", wusste Steinbrücker damals intuitiv - und heute - 15 Jahre später - ist es zu seiner Maxime geworden: die Menschen, sowohl die toten als auch lebenden, mit Respekt zu behandeln. Dirk Steinbrücker ist Bestatter, tätig zwischen Weimar und Jena, seit zehn Jahren selbstständig und das sehr erfolgreich auf einem Markt, auf dem die Konkurrenz groß ist.

Den Toten von A nach B chauffieren, sich um den Papierkram kümmern, Angehörige trösten, eine Trauerfeier ausrichten - so schwer kann das ja nicht sein, denkt der Laie. Und dann dieses Gehalt. Die reinen Bestatterkosten liegen in Thüringen bei 1500 Euro. Hinzu kommen Extraleistungen. Es nimmt also nicht Wunder, dass es an Nachwuchs in Thüringen nicht mangelt. Seit 2003 ist der Beruf des Bestatters ein anerkannter Lehrberuf in Deutschland. Bewerber gibt es in Thüringen genug. Derzeit gibt es im Freistaat zwischen 150 und 200 Unternehmen in dieser Branche. "Wir haben keinen Notstand", sagt Gerd Rothaug, Vorsitzender des Thüringer Landesinnungsverbandes.

Kein Notstand - ergo: Konkurrenz. Wie in keinem zweiten Job, kommt es hier darauf an, die Waage halten zu können - zwischen wirtschaftlichem Denken und Idealismus. Wer das hinkriegt, braucht keine Werbung zu schalten, der wird durch Mundpropaganda empfohlen. Wenn die Oma verstorben ist, und zwei Jahre später sitzt die Familie wieder bei Dirk Steinbrücker, weil der Opa nun auch tot ist und "weil du das damals so toll gemacht hast", dann weiß er, er macht seinen Job richtig. Es mag überzogen klingen, aber für Steinbrücker ist dieser Job Berufung. Und dabei wurde er über einige Umwege Bestatter.

Erst war der im Weimarer Land geborene Steinbrücker Werkzeugmacher, dann Dekorateur, dann ging er in die Altenpflege, war Heilerzieher. "Das war wohl das Gen meiner Mutter. Sie war beim Pflegedienst der Diakonie und sagte zu mir: Du kannst gut mit den Menschen, mit Bedürftigen." Als Gemeindeschwester hatte sie einen guten Ruf. Als Steinbrücker in die Bestatterbranche wollte, war ihm das von Vorteil. Auch sein "Ziehvater", Gerhard Volland, ein freiberuflicher Bestatter, attestierte ihm: "Ich habe dich beobachtet, du kannst gut mit Menschen."

Kein 9-17-Uhr-Job

Volland hat ihm alles beigebracht - wie man einen Toten schminkt, wie man Stabilitätsschienen einsetzt, damit das Gesicht des Toten würdevoll ausschaut bei einer Aufbahrung, wie man Särge verkauft und Urnen anbietet, wie auf Ämtern gesprochen wird und wie man sich vor jenen Kliniken schützt, die ihre Kühlzellenmiete ausreizen wollen. Volland lehrte ihn, dass Bestatter stets einen Schritt voraus sind, bei Angehörigenbesuchen Blumen mitbringen und zum Kaffee bleiben. Dass Vertrauen wichtiger ist, als Geschäfte zu machen und dies kein 9-bis-17-Uhr-Job ist, sondern auch Sonntagmorgen um 3 Uhr gestorben wird. Dass man nicht mit den Angehörigen in Trauer versinkt, aber auch nicht versuchen sollte, sie partout aufzuheitern. Und rasch erfuhr Steinbrücker auch, dass nicht jeder Tote ein friedvoll eingeschlafenes Mütterchen ist, sondern auch ein Unfallopfer, dem Gliedmaßen fehlen und das als Mensch nicht mehr zu erkennen ist.

Eines aber, das Allerwichtigste, musste Gerhard Volland seinem Schüler nicht beibringen, das brachte Steinbrücker schon mit: die unendliche Liebe zum Leben. Denn nur wer das Leben liebt, kann sich um Tod und Trauer kümmern.

Dirk Steinbrücker liebt das Leben. Der 45-Jährige unterstützt die Karnevalisten. Er sponsert eine Sportmannschaft und feiert bald seinen fünften Hochzeitstag, wozu er die halbe Region einlädt. Er tummelt sich bei der Kirmes und hängt auch mal in der Kneipe ab. "Du kannst als Bestatter nicht immer nur mit Anzug und in Schwarz rumrennen, die Menschen müssen dich auch leger erleben." Ein Freund führt einen Partyservice, hier hilft Steinbrücker oft aus - auch, um Leute kennenzulernen.

Er kennt die Spitznamen selbst jener, die drei Orte weiter wohnen. Er bietet der Bauernfamilie nicht die Urne mit fünffacher Goldverzierung an, sondern die schlichte mit dem Ährenkranz. Er sagt: "Den Sarg seht ihr eh nicht, also tut es auch ein einfacher aus schlichtem Holz." Dirk Steinbrücker ist der Kumpeltyp, dem die Leute vertrauen, weil sie seine Ehrlichkeit schätzen. Und seine Seriosität.

Das weiß auch Martin Krautwurst, der Pfarrer der Gemeinde. Im Religionsunterricht kommt er mit Schülern gern zu Dirk Steinbrücker. Dann reden sie in einer Gesellschaft - in der Information das Nonplusultra ist - über das, worüber kaum einer sprechen mag: über den Tod. Dann sitzen die jungen Leute bei Steinbrücker zwischen Yoccapalmen, Kerzen und stillen Landschaftsaufnahmen und fragen Sachen wie: Wie kommt Oma eigentlich in die Urne? Warum haben Sie Gardinen an Ihrem Transporter? Und warum trägt man bei der Beerdigung Schwarz?

Und sie fragen: Wie ist das - mit einer Leiche umzugehen?

Dirk Steinbrücker, der seit 16 Jahren tagtäglich dem Tod begegnet, findet hierfür dennoch schwer Worte. "Klar, bin ich jedes Mal angespannt, habe Ängste. Aber irgendetwas in meinem Kopf schaltet ab, aber was? Ich weiß nur, du musst hier helfen, du musst deine Arbeit machen. Ich gehe jeden Handgriff durch. Und wir reden viel." Steinbrücker meint damit seine Angestellten. Und seine Frau.

Tiefster Schmerz

Gemeinsam sprechen sie über den Toten, was ihn ausmachte, wie er war. "Ich sehe da keine Leiche vor mir, sondern einen Menschen, der nicht mehr allein kann, der hilflos ist. Steinbrücker sagt dann auch mal liebevoll zu dem Toten, wenn das Sterbehemd nicht über den Kopf rutschen will: Na, du musst schon ein bisschen mitmachen. Oder er entschuldigt sich, wenn der Ehering etwas schwer abgeht. "Wir sind bei dem Toten und erzählen über das Leben." Das erde ihn, das erde aber auch die Angehörigen, die in Kummer und Schmerz versunken sind.

Denn tiefsten Schmerz hat Dirk Steinbrücker selbst auch schon erlebt: Als er seinen Onkel bestattete, knickten ihm bei der Trauerfeier die Beine weg. Als er seinen besten Freund aus Kindheitstagen bei einem Motorradunfall auf der Autobahn verlor. Oder als eine liebe Freundin an seine Geschäftstür klopfte und sagte, dass sie bald sterben würde und sie gern mit ihm zusammen alles regeln mag. Er weinte. "Doch die Liebe zu diesen Menschen war größer als die tiefe Angst, die ich in mir spürte." Er übernahm diese Bestattungen. Weil er das Leben liebt.

Und weil er das Leben liebt, winken ihm heute noch Angehörige nach Jahren der Beerdigung zu. Schleppt er einen Sarg zur Dorfjugend, damit die ihre Kirmes beerdigen können. Gibt er Geld für eine Musikanlage in der Kirche, damit auch mal ein Rocksong zur Beerdigung gespielt werden kann. Stellt er eine Bank auf dem Friedhof auf, damit eine Witwe sich ans Grab ihres Mannes setzen kann. Nimmt er gern die Einladung zur Hochzeit einer anderen Witwe an, deren Mann er vor Jahren bestattet hatte.

Und wenn der Bestatter selbst abtritt von dieser Welt? "Möchte ich am liebsten auf der Spielfeldmitte von Carl Zeiss begraben werden", scherzt er. Und wird doch schnell wieder ernst: "Finanziell habe ich alles geregelt." Und auch in punkto Grabpflege will Dirk Steinbrücker seine Kinder zeitlich und finanziell nicht belasten. Ein Gemeinschaftsgrab könnte er sich vorstellen, die grüne Wiese. "Wie das aussieht, ist mir egal. Ich möchte im Herzen weiterleben." Und dann fällt ihm doch noch ein Wunsch ein: "Sie sollen auf meiner Beerdigung eine ruhige Rocknummer spielen."

Zur Sache: Was kostet eine Bestattung?

Eine einfache Beerdigung kostet im Durchschnitt 7000 Euro. Die Kosten reichen hierbei von 2000 Euro für die preiswerteste anonyme Bestattung bis hin zu 25.000 Euro für Hinterbliebene mit höheren Vorstellungen.

+ Urkundengebühren: 165

+ u.a. Leichenschau: 80

+ Sterbeurkunde: 10

+ Friedhofsgebühren: 2400

+ u.a. Kühlzellen (3 Tage): 300

+ Beisetzungsgebühr: 600

+ Einäscherung: 290

+ Erdreihengrab: 1400

+ Urnenreihengrab: 800

+ Urne anonym: 800

+ Bestatterleistungen: 2350

+ u.a. Sarg (Kiefer massiv): 800

+ Sarg (Edelholz): 2200

+ Urne, einfach: 100

+ Urne, Design: 350

+ Formalitäten: 180

+ Grabkreuz: 70

+ Kosten Steinmetz: 3350

+ u.a. Neuer Grabstein: 2000

+ Neue Grabeinfassung: 700

+ Kosten Floristen: 300

+ u.a. Trauerkranz: 170

+ Sargschmuck: 130

+ Kosten Dritter: 1200

+ u.a. Todesanzeige: 250

+ Kirche/Trauerredner: 210

+ Gasthof (30 Pers.): 520

(Angaben in Euro)

Die wichtigsten Schritte

Wenn ein Mensch stirbt, fallen zahlreiche Aufgaben und Formalitäten an. Hier eine Checkliste mit den wichtigsten Schritten:

Unmittelbar nach Eintreten des Todes:

+ Arzt verständigen, Totenschein ausstellen lassen

+ engste Angehörige benachrichtigen

+ Dokumente und Verfügungen des Verstorbenen zusammenstellen

In den Folgestunden:

+ Bestatter auswählen

+ Auswahl des Sarges, der Urne, der Totenbekleidung und des Umfanges der Trauerfeier

+ Abholung des Toten innerhalb von 48 Stunden vom Sterbeort und Überführung in die Leichenhalle (Kühlzelle)

+ Sterbefall dem Standesamt melden, Sterbeurkunde ausstellen lassen

+ Erbschein beim Nachlassgericht beantragen

+ Krankenkasse, Lebens- und Unfallversicherung informieren

+ Pfarramt und Arbeitgeber benachrichtigen

Bis zur Beerdigung / Bestattung:

+ Bestattungsform bestimmen

+ Friedhof und Grab auswählen, Grabnutzungsrechte erwerben oder verlängern

+ Termin für Bestattung mit Friedhofsträger sowie Pfarrer festlegen

+ Todesanzeige, Trauerkarten, Blumen für Trauerhalle und Grab organisieren, Gaststätte für Trauerkaffee reservieren

Nach der Trauerfeier:

+ Danksagungskarten verschicken oder -anzeige schalten

+ laufende Zahlungen abbrechen, Verträge und Daueraufträge kündigen

+ abmelden bei Versicherungen, Renten- und Krankenkasse, Behörden, Ämtern

+ Wohnsituation klären

+ nach sechs Wochen Grab räumen und -pflege organisieren

+ nach sechs Monaten Grabeinfassung und Grabstein beauftragen

+ nach Erhalt des Erbscheins Testament eröffnen lassen

Angemerkt: Nähe und Abstand

Erfurt muss immer mehr Sozialbestattungen bezahlen

Trend zu pflegearmen Gräbern auch im Eichsfeld

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