Martin Pfleiderer gräbt in Eisenach Jazz-Geschichte aus

Eisenach  Umringt von Schallplatten, einer Musikbox und vielen Zeitschriften lagern im Lippmann-und-Rau-Musikarchiv private Sammelalben. Was nach persönlichen Erinnerungen eines Jazzfans aussieht, ist für die Erforschung der Geschichte der populären Musik in Deutschland höchst interessant:

Professor Martin Pfleiderer zeigt Alben des Sammlers Günter Boas Foto: Julia Stadter

Professor Martin Pfleiderer zeigt Alben des Sammlers Günter Boas Foto: Julia Stadter

Foto: zgt

„Aktuell interessiere ich mich sehr für die Unterhaltungsmusik in der Weimarer Republik“, sagt der Musikwissenschaftler Martin Pfleiderer. Aus Fanpost, gesammelten Zeitungsausschnitten und Autogrammkarten des Jazz-Enthusiasten Günter Boas zieht er Anregungen für seine wissenschaftliche Arbeit.

„In der Weimarer Republik gab es viele jüdische Künstler, die dann in der Nazi-Zeit emigrieren mussten und nicht mehr zurückkehrten. Das ist ein vergessenes Kapitel der populären Musik in Deutschland“, erklärt Pfleiderer, der an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar eine Professur für populäre Musik und Jazz hat.

„Ihre Musik wurde durch die Nazis aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht“, sagt Pfleiderer. Er blättert in den Alben und stößt dabei auf zahlreiche Künstler, die heute fast vergessen sind: beispielsweise die Orchesterleiter Efim Schachmeister oder Dajos Béla.

Günter Boas’ Sammlung bildete den Grundstock des Lippmann-und-Rau-Musikarchivs. Das kleine Paradies für Jazzfans in der alten Mälzerei lässt eintauchen in die Welt der Sammler: Schon der Aufbau des Archivs, geordnet nach einzelnen Sammlerpersönlichkeiten, zeigt, dass es um Nachlässe von Musikliebhabern geht, die auf ihre ganz persönliche Weise ein Stück Geschichte der populären Musik festgehalten haben.

In Fotoalben sammelte der Jazzfan Günter Boas Zeitungsausschnitte, Fotos, Autogrammkarten und Korrespondenzen mit den Koryphäen der ersten Jahrhunderthälfte. In den Zwanziger Jahren lebten viele jüdische Musiker in Berlin, die in Osteuropa in den sogenannten Schtetln aufgewachsen waren. Als sie aus diesen vertrieben wurden, fassten einige in Berlin Fuß. Günter Boas hat ihre Karrieren verfolgt. Seine Notizen helfen heute, die Künstlerbiografien nachzuvollziehen. Daneben hat sich der Sammler Günter Boas aber auch mit bekannten Musikgrößen verewigt: 1952 traf er Louis Armstrong auf seiner Tournee durch Westdeutschland, wie ein Foto zeigt, auf dem er mit Trompeter in die Kamera lächelt.

Von einem Zeitungsausschnitt, der fein säuberlich in eines der Alben eingeklebt ist, lächelt der Tenor Richard Tauber – bekannt als „König des Belcanto“: Ein Konzert mit Schlager und Operette wird angepriesen. „Eine strenge Unterscheidung zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik gab es damals noch nicht, viele Künstler waren in beiden Genres unterwegs“, erklärt Martin Pfleiderer.

Komplette Sammlungen von verschiedenen Jazz-Enthusiasten – rund 100 000 Einzelstücke – werden im Lippmann-und-Rau-Musikarchiv in Eisenach aufbewahrt. Für den Musikwissenschaftler Martin Pfleiderer liegt der Reiz der Alben von Günter Boas gerade in ihrer Mischung aus persönlichen Erinnerungen und Korrespondenzen sowie dem Anspruch, ein Jazz-Almanach zu erstellen. „Die Alben reflektieren die Jazzrezeption eines Sammlers und eröffnen einen Blick auf das deutsche Lebensgefühl aus Sicht des Sammlers“.

Der gebürtige Dessauer Günter Boas lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt und Dortmund. Er war in den letzten Kriegsjahren wegen des Hörens von Jazzsendungen in einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald inhaftiert und spielte im Lagerorchester. Nach dem Krieg baute er ein weltweites Netzwerk auf, korrespondierte mit Musikern über Platten und Künstler. Günter Boas war Jazzpianist und Musikjournalist, lebte aber vor allem von seiner Arbeit in einem Plattenladen. In seiner Freizeit hielt er Abendvorträge in Jazzclubs, führte dort Schallplatten vor und reiste quer durch die Republik zu Konzerten. Er schrieb namhafte Musiker an, einige traf er persönlich, wovon Fotos in seinen Alben zeugen.

„Ich danke Ihnen vielmals für Ihre liebenswürdigen Zeilen“, antwortet ihm Dajos Béla 1971 auf einer Postkarte. Paul Godwin freute sich in seinem Brief 1962 „mit einem Anhänger aus der guten alten Zeit“ gesprochen zu haben, um nur einige Beispiele zu nennen. Günter Boas besuchte die Vorkriegs-Musikgrößen, wenn sie in den Sechzigern und Siebzigern wieder auf Tourneen nach Deutschland kamen. „Er fuhr hin, ließ sich mit ihnen für sein Album fotografieren und fragte sie, was mit anderen Musikern aus der Weimarer Republik wurde“, sagt Pfleiderer. Günter Boas‘ Begeisterung für Jazz steckt nicht nur beim Durchblättern seiner liebevoll angelegten Alben an und lässt eintauchen, in die große Zeit des Jazz, sie beflügelt nun auch die Forschung.

Zur Sache:

Die Qual der Wahl hinter den Kulissen

In der TLZ-Serie „Lieblingsstücke“ stellen Mitarbeiter von Museen und Sammlungen ihre ganz persönlichen Schätze vor. In den Eisenacher Depots und Ausstellungen verstecken sich unzählige Kleinodien, die so einmal aus ihrem Schattendasein hervorgeholt werden sollen. Oft verbirgt sich hinter ihnen eine besondere Geschichte.

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