Mein grüner DDR-Sozialversicherungsausweis und ich

Ein Griff - und ein ganzes Erwachsenenleben blätterte sich auf. Im SV-Buch stand im Grunde alles Relevante drin: Welchen Schulabschluss man hatte und welche Ausbildung und Qualifizierungen man absolviert hat, wo man arbeitete und wie viel man damit verdiente.

Ihren SV-Ausweis bekam TLZ-Redakteurin Sibylle Göbel 1982, als sie ihr Volontariat in Gera begann. Damals erlebte die DDR gerade einen kolossalen Engpass bei Fetten und Milchprodukten aller Art. Foto: Felicitas Göbel

Ihren SV-Ausweis bekam TLZ-Redakteurin Sibylle Göbel 1982, als sie ihr Volontariat in Gera begann. Damals erlebte die DDR gerade einen kolossalen Engpass bei Fetten und Milchprodukten aller Art. Foto: Felicitas Göbel

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Weimar. Ich gestehe: Seinen wahren Wert habe ich erst zu schätzen gelernt, als es eigentlich schon zu spät war. Zwar haben wir uns nicht getrennt, er gehört nach wie vor zu mir. Aber ich habe mich jahrelang kaum mit ihm abgegeben. Mit ihm: meinem grünen SV-Ausweis. Dem DDR-Ausweis für Arbeit und Sozialversicherung. Dem Urlaubsausweis, wie ein Kollege gerade spöttisch bemerkte.

Neulich fiel er mir wieder in die Hände - und mich überkam so etwas wie Wehmut. Nein, nicht nach der Zeit, da er zu mir kam - im Sommer '82, als die DDR einen kolossalen Engpass bei Fetten aller Art erlebte und die Kühlregale in den Kaufhallen wie leer gefegt waren. Wohl aber nach der Zeit, als mir die heutige Zettelwirtschaft fremd war und ich mein Leben noch nicht in verschiedene Ordner sortieren musste.

Ärztehopping? Unmöglich!

Im SV-Buch stand im Grunde alles Relevante drin: Welchen Schulabschluss man hatte und welche Ausbildung und Qualifizierungen man absolviert hat, wo man arbeitete und wie viel man damit verdiente, sämtliche Heilbehandlungen und Krankschreibungen, die verordneten Heil- und Hilfsmittel, Reihenuntersuchungen und Schutzimpfungen. Ein Griff - und ein ganzes Erwachsenenleben blätterte sich auf. Auf 80 Seiten, in einem grün eingeschlagenen Heft von 10 mal 14,5 Zentimetern, das bei den Jungs notfalls auch in der Gesäßtasche der Wisent-Jeans Platz fand. Neben dem Plastikkamm, versteht sich.

Der SV-Ausweis war in der DDR wichtiger als der Personalausweis. Den konnte man verlieren, ohne dass es ein Drama gewesen wäre. Beantragte man eben einen neuen. Mit dem SV-Ausweis war das schon schwieriger. Denn es war mühsam, insbesondere die - wie es hieß - "Arbeitsrechts- und Sozialversicherungsverhältnisse" nachtragen zu lassen. Schließlich waren diese Einträge spätestens für die Rentenberechnung wichtig. Erst recht, als die DDR perdu war und die Daten aus dem DDR-SV-Ausweis in die elektronisch geführten Konten der BRD-Rentenversicherung übernommen werden mussten. Die DDR war übrigens so penibel, dass sie selbst die Zwangsarbeit in Jugendwerkhöfen und die dort gezahlten Hungerlöhne in SV-Ausweisen dokumentierte.

Kaum war nach der Wende die Kontenklärung erfolgt und das grüne SV-Buch zu mir zurückgekehrt, ging es los mit dem ganzen Papierkram: Plötzlich pflegte ich einen - keinesfalls herbeigesehnten - Briefwechsel mit meiner Krankenkasse (wobei ich erst mit der Zeit begriff, dass es nicht länger mehr nur eine, sondern gefühlte Tausend gab). Ich bekam Post von der Rentenversicherung, dem Finanzamt, der Bank, meinem Vermieter. Ich sah mich genötigt, Ordner anzulegen. Anders war die Papierflut nicht mehr in den Griff zu kriegen. Kaum war etwas sortiert und abgeheftet, war der Briefkasten schon wieder voll. In der DDR hatten wir zu Hause kein Regal voll Wichtigkeit - wir hatten ein Dokument.

Ärzte- oder Therapeutenhopping? War mit dem SV-Buch völlig ausgeschlossen. Schließlich wurde jede Behandlung - ob in der Arztpraxis oder im Krankenhaus - mit Stempel und Unterschrift genau dokumentiert. Und die Sprechstundenhilfe beim nächsten Arzt hätte unsereins schön zur Schnecke gemacht, wenn man - kaum dass man beim Doc war - schon wieder den nächsten aufsuchte. Den Begriff "Zweitmeinung" kannte damals meines Wissens kein Mensch. Zumindest in diesem Teil Deutschlands. Und ob jener vom Datenschutz zu unserem aktiven Wortschatz gehörte, wage ich angesichts des Umstands, dass im Überwachungsstaat eh nichts geheim blieb, zu bezweifeln.

Sicher: "Die bei Einsichtnahme in den Ausweis ... bekanntwerdenden Eintragungen und Angaben sind vertraulich zu behandeln", hieß es unter Punkt 5 der "Allgemeinen Hinweise" auf Seite 2 des SV-Buches. Doch das hielt keinen davon ab, den Ausweis bereitwillig in der Lohnbuchhaltung abzugeben, wenn wieder ein Jahr um war. Was hätte man dort schon mit der Diagnose Nummer "463" oder "525" anfangen sollen? Eben.

Mit einem Griff alles parat

Warum der SV-Ausweis für mich plötzlich wieder so interessant ist? Weil er in gewissem Sinne die elektronische Gesundheitskarte von heute vorwegnahm. Während die mit viel Getöse, hohen Kosten und gegen viele Widerstände eingeführt wird und sie bislang immer noch nicht viel mehr kann als die alte Krankenkarte, hat das SV-Buch schon alle relevanten Daten "gespeichert". Der Arzt - und natürlich auch der Patient selbst - konnte ablesen, ob, wann und weshalb ein Patient schon einmal beim Röntgen "durchleuchtet" worden war, welcher Kollege ihn bisher behandelt hat und warum, welche Impfungen er bekommen hatte und so weiter und so fort. Unnötige, belastende und auch teure Mehrfachuntersuchungen und -behandlungen ließen sich so sparen. Sicher: Der Ausweis hatte kein Lichtbild, vor Missbrauch war er nicht geschützt. Und womöglich funktionierte er auch nur in der DDR, in diesem System. Aber es gibt nicht wenige, die meinen: Heute muss jeder einen gigantischen Zettelberg verwalten und zusammenhalten - damals hatten wir den SV-Ausweis. In Internet-Foren wird das SV-Buch als "genial" bezeichnet, als "perfekt", als "dem Heute weit voraus". "Heutzutage muss ich suchen und Ordner wälzen - damals ein Griff", beschreibt ein Leser die unschlagbaren Vorteile des SV-Ausweises. Und nicht wenige meinen, dass dieses Dokument es durchaus verdient gehabt hätte, nicht wie so vieles andere mit der Wende einfach eingestampft und abgeschafft zu werden. Auf der Homepage "www.direktzurkanzlerin.de" forderte ein Schreiber aus dem Osten 2007 sogar, "dass das in der DDR bekannte und vorgeschriebene SV-Buch wieder eingeführt wird". Ob die Kanzlerin geantwortet hat, ist nicht bekannt. Aber kommt nicht alles zurück? So wie Schulterpolster, Dauerwellen oder Bumerangs? Auch die Sero-Annahmestellen verschwanden mit dem Ende der DDR - und kehrten dann vor einigen Jahren in Gestalt der Papierhändler zurück, die allerorten wie Pilze aus dem Boden schießen und längst nicht mehr nur Papier, sondern auch Glas und Alttextilien annehmen.

Oder nehmen wir die Polikliniken: Orte, in denen verschiedene Fachärzte Patienten ambulant behandelten und interdisziplinär kooperierten. Die Ärzte waren angestellt, Funktionsbereiche wie Röntgen oder Labors gut ausgelastet. Zugunsten von Einzelpraxen niedergelassener Ärzte war ihre Stilllegung per Gesetz verordnet worden - auf dass sie jetzt wieder in Gestalt von Ärztehäusern oder MVZ wiederkehren.

Damit wir uns recht verstehen: Keiner will die DDR zurück. Keiner die Gespenster der Vergangenheit heraufbeschwören. Bloß nicht. Aber der Vorläufer der Gesundheitskarte, der hatte schon was. Und, wie ich finde, eine klitzekleine Reminiszenz verdient.

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