Nach dem Brand: Wiederaufbau von Schloss Ehrenstein in Ohrdruf bringt unerwartete Schätze zum Vorschein

Ohrdruf  Rokokomalerei kommen unter aufgeweichten Tapeten zum Vorschein, unverhoffte Sandsteinverzierungen zeigen sich, wenn die Krusten aus Ruß und Verwitterung abgetragen sind: Bei den Restaurierungsarbeiten nach dem verheerenden Feuer auf Schloss Ehrenstein lässt sich bereits erahnen, in welchem neuen Glanz das Schmuckstück im Gothaer Land bald erstrahlen wird.

Der Barockgarten um Schloss Ehrenstein, angelegt nach dem Brand am 26. November 2013, blüht jetzt erstmals in voller Schönheit. Foto: Wieland Fischer

Foto: zgt

Am Schloss Ehrenstein sind eineinhalb Jahre nach dem vernichtenden Brand erste Spuren des Wiederaufbaus zu sehen. Portale und Sandsteingewände der Tore präsentieren sich schöner als in den Jahrzehnte zuvor. Im Westflügel ist bislang Unentdecktes zum Vorschein gekommen. Die Restauratoren Gert Weber aus Gräfenhain und Stephan Keilwerth legten in Zimmern Rokokomalerei frei, von der bislang niemand etwas ahnte, selbst Museumsleiter Peter Cramer nicht, der sich seit Jahrzehnten um die Ehrenstein-Rekonstruktion müht.

Die kam nach der Wende in Gang und stand am 26. November 2013 vor der Endabnahme. Zum Tag der Fertigstellung ging das Aufbauwerk mit einem Schlag in Feuer und Wasser unter. Dachdecker hatten das Feuer bei letzten Arbeiten am Dach ausgelöst. Jetzt zeichnet sich der Wiederaufbau ab.

Eine Soforthilfe leistete das Landesamt für Denkmalpflege vergangenes Jahr in Höhe von 250 000 Euro. Das Geld musste bis Ende 2014 verbaut werden. Nur: Das Schloss war bis dahin weder beräumt, noch lag eine fertige Projektierung vor oder waren Ausschreibungen möglich. „Wir hätten das Geld zurückgeben müssen“, beschreibt Museumsleiter Peter Cramer haushaltsrechtliche Zwänge. Doch für das Millionen-Vorhaben, das aller Voraussicht nach mehr als zehn Millionen Euro kosten wird, zählt jeder Cent, selbst wenn ein Großteil über Versicherung abgedeckt wird.

So kamen die Ohrdrufer mit dem Landesamt überein, von dem Geld die Sandsteinfassungen der Toreinfahrten, von Stand- und Wappen-Erker restaurieren zu lassen. Eigentlich eine Arbeit, die erst zum Schluss ansteht. Zumal die Schäden an den Gebäudeelementen nur bedingt auf den Großbrand zurückzuführen sind, sagt Peter Cramer. Doch bei Schloss Ehrenstein ist keine Arbeit umsonst. Diese hätte auch erledigt werden müssen – sozusagen als Finale des Wiederaubaus. Das lässt sich jetzt schon an Portal und Torbögen ahnen.

Die Toreinfahrt des Westflügels ist noch eingehaust. Bei den Arbeiten daran wurde offenbar, dass Vierungen, Verbindungselemente zum Mauerwerk fehlen. Früher sei das nie aufgefallen, berichtet Peter Cramer. Der Putz hatte die fehlenden Bindeglieder verdeckt. Auf der gegenüberliegenden Seite, in Nähe des Schlossturms, zerbarsten durch die Hitze des Feuers am Stand-Erker Teile des Sandsteins und Verzierungen. Andere Elemente waren im Laufe der Jahrhunderte durch Umwelteinflüsse verwittert, schwarz geworden oder gänzlich abgebrochen. Der Sandsteinschmuck präsentiert sich jetzt hell, Details wie Ammoniten treten plastischer als je hervor. Am Wappenerker sind wieder unter dem Symbol der Grafen von Gleichen auf Medaillons die Konterfeis von Georg II. von Gleichen und seiner zweiten Frau, Walpurgis von Spiegelberg-Pyrmont deutlich zu erkennen. Sie erinnern an die Zeit der Errichtung von Ehrenstein um 1550. Auf der Gegenseite, im noch eingehausten Westflügel-Tor, ziert das Pendant der Nachfolger, der Hohenlohes, den Eingang.

Nun steht die großflächige Sanierung an. Dieses Jahr noch soll das Dach des Ostflügels erneuert werden. Es ist vorübergehend mit einem provisorischen Schutzdach versehen, das die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten Anfang 2014 für zwei Jahre zur Verfügung stellte. Die darin erhalten gebliebene Raumstruktur bleibt bestehen.

Schwieriger stellt sich das im Südflügel dar. Dort ging alles zu Bruch. Der gesamte Flügel ist entkernt. Nur die Außenwände stehen noch, außen von Stahlträgern gehalten, mit einem Holzdach bedeckt. Ein Teil der Außenwände muss wohl abgetragen werden, sagt Peter Cramer.

Im Westflügel, wo ein Viertel des Daches abgebrannt ist, laufen im Innern schon die Vorarbeiten zur Rekonstruktion. Dazu haben Gert Weber aus Gräfenhain und Stephan Kleilwerth aus Gotha erste Vorarbeiten geleistet. Sie brachten Überraschendes zu Tage: Rokokomalerei. Damit habe niemand gerechnet, sagt Peter Cramer. Die Löscharbeiten des Brandes begünstigten das. Das Löschwasser löste alte Tapeten und Farben von den Wänden. Gert Weber entdeckte nun Rocaillen, muschelförmige Ornamente, typisch für die Zeit um 1750. Daran knüpfen sich neue Hoffnungen und Pläne. „Es besteht die einmalige Chance, die Räume in ihrem alten Glanz wieder herrichten zu können“, sagt Peter Cramer. Das sieht auch das für den Wiederaufbau vorgelegte Schloss- und Museumskonzept vor. In den fünf Räumen des ersten Obergeschosses soll die Barockzeit präsentiert werden, während der der junge Johann Sebastian Bach bei seinem Bruder Johann Christoph Bach in Ohrdruf lebte, der Grundstein für seine Laufbahn als Komponist und Orgelspieler gelegt wurde. Für die Rekonstruktion der Räume gibt es finanzielle Zusagen von Versicherung, der Kreissparkasse und Stiftung Denkmalschutz. „Wir wollen keine abgespeckte Variante“, sagt Peter Cramer zur Neugestaltung des Innern. Aus Gesprächen mit Schlossbesuchern vorm Brand weiß er, dass diese die schöne Anlage bewundert, aber innen gern mehr Räume aus der Barockzeit gesehen hätten.

Im unbeschädigt gebliebenen Nordflügel lässt sich die Neuausrichtung des Museums schon erkennen. Wo bis dato der ur- und frühgeschichtliche Teil der Sammlung präsentiert wurde, sind jetzt Kopfnischengräber in die Überreste der Mauern von Kirchen aus dem 8. bis 13. Jahrhundert eingefügt. Weitere Exponate sollen hinzukommen, die bei Ausgrabungen vor etwa fünf Jahren im Schlosshof und Außengelände zum Vorschein kamen und von der Geschichte der Stadt an der Ohra zeugen, die weit über Bach und Bonifatius zurückreicht.

Zur Sache: Millionen-Investition

Am 26. November 2013 wurde der Wiederaufbau von Schloss Ehrenstein in Ohrdruf innerhalb von ein paar Stunde zum Teil zerstört, Süd- und Ostflügel vollkommen. Die Kosten für den Wiederaufbau werden auf zehn Millionen Euro geschätzt. Allein für dieses Jahr hat die Stadt Ohrdruf in ihrem Etat 4,3 Millionen Euro für Ehrenstein vorgesehen.

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