Taubblinde geben in Erfurt Einblick in lautlose Verständigung

Wie es ist, weder sehend noch hörend durch das Leben zu gehen, erfahren am Freitag Erfurter. Die Selbsthilfegruppe der Taubblinden Thüringen veranstaltet einen Gebärdensprach-Schnupperkurs.

In die Welt der Zeichensprache eintauchen: Irmtraud Sieland (links), Marita Müller und Thomas Schulz zeigen die Gebärden für die Worte Usher-Syndrom (links), Assistenz und Unterstützen. An Gebärden Interessierte sind morgen zum Schnuppertag eingeladen. Foto: Maik Ehrlich

In die Welt der Zeichensprache eintauchen: Irmtraud Sieland (links), Marita Müller und Thomas Schulz zeigen die Gebärden für die Worte Usher-Syndrom (links), Assistenz und Unterstützen. An Gebärden Interessierte sind morgen zum Schnuppertag eingeladen. Foto: Maik Ehrlich

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Erfurt. Marita Müller hat selbst erlebt, wie es ist, taubblind zu sein. Bei einem Rollenspiel musste sie ein Tuch vor den Augen tragen. Die junge Frau, die seit dem zweiten Lebensjahr gehörlos ist, war erschrocken, wie hilflos und orientierungslos man sich fühlt. "Nichts hören und nichts sehen, das war schrecklich", erzählt die Erfurterin mittels Gebärden - also mittels Handzeichen, die, mit Gesten und Mimik unterstützt, ganze Wortgruppen ausdrücken können.

Vor 13 Jahren kam Marita Müller erstmals mit Taubblinden in Berührung und entschied sich spontan, ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen, sie bei alltäglichen Wegen zu begleiten. 2007 absolvierte Marita Müller schließlich eine Ausbildung zur Taubblindenassistentin, die sie momentan noch einmal auffrischt. Sie begleitet die Taubblinden bei Einkäufen, Vereinstreffen oder bringt sie zu Behörden- oder Arztterminen.

Taubblind ist nicht gleich taubblind. Taubblind ist man entweder von Geburt oder man ist im Laufe des Lebens durch Krankheit oder Traumata taubblind geworden. Einige Taubblinde haben noch ein Restsehvermögen, wie zum Beispiel die Gruppe der Menschen, die unter einem Usher-Syndrom leiden.

Beim Usher-Syndrom haben die betroffenen Personen neben ihrer Hörbeeinträchtigung auch noch einen so genannten Tunnelblick und können nur in einem sehr beengten Blickfeld Umrisse oder Konturen wahrnehmen.

Marita Müller verständigt sich mit den Taubblinden auf zwei verschiedenen Wegen. Bei der taktilen Gebärdensprache berührt der Taubblinde den Gebärdenden an den Händen und kann so besser den Bewegungen der Hände folgen. Bei der Verständigung über Lormen werden die einzelnen Buchstaben und Zeichen direkt in die Handfläche des Taubblinden mit Fingern übertragen.

Die Selbsthilfegruppe der Taubblinden Thüringen veranstaltet am Freitag, 17. Oktober, ab 10 Uhr in den Räumlichkeiten des Landesverbandes der Gehörlosen einen Schnupperkurs zu Lormen und taktiler Gebärdensprache. "Es gibt zu wenige Taubblinden-Assistenten in Thüringen. Marita Müller ist bisher die einzige", sagt Irmtraud Sieland, die selbst am Usher-Syndrom erkrankt ist.

Sie leitet die 21 Mitglieder zählende Selbsthilfegruppe und wird zum Schnupperkurs darüber berichten, wie man sich verständigen kann und wie es sich anfühlt, wenn Buchstaben in die Hand übertragen werden. "Wir hoffen, dass sich Menschen finden, die sich zum Taubblindenassistenten ausbilden lassen", sagt Irmtraud Sieland und denkt dabei vor allem an Angehörige oder an Studierende sozialer Studiengänge. "Taubblindenassistenten sind sehr wichtig. Sie ermöglichen den Taubblinden die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Sie holen die Taubblinden aus der Isolation", ergänzt Irmtraud Sieland.

Und wie empfindet Marita Müller, wenn sie Konkurrenz bekommen soll? "Ich habe jüngst bei einer Veranstaltung für drei Taubblinde gedolmetscht. Das war fast zu viel für mich. Ich werde bestimmt nicht traurig sein, wenn es weitere Taubblindenassistenten in Thüringen gibt", erzählt Marita Müller, die im Landesverband der Gehörlosen als Betreuerin arbeitet und im Rahmen dieser Tätigkeit auch für Taubblinde aktiv ist. Taubblindenassistenten könnten aber auch auf Honorarbasis tätig sein.

"Arbeit gibt es jedenfalls genug", weiß der hörende Thomas Schulz. Er leitet die Beratungsstelle im Landesverband der Gehörlosen und wird zum Schnupperkurs als Gebärdensprachdolmetscher fungieren.

Der Schnupperkurs Lormen und taktile Gebärdensprache findet am 17. Oktober von 10 bis 12 Uhr im Konferenzraum beim Landesverband der Gehörlosen, Hans-Grundig-Straße 25 statt und richtet sich an Hörende, Gehörlose, Taubblinde, Angehörige und an Taubblinden-Assistenz Interessierte. Anmeldung erbeten per E-Mail bei Irmtraud Sieland: irmasieland@googlemail.com oder per Telefon bei Thomas Schulz: (0361) 3452964.

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