Wartburgregion: 90 Kinder erhalten neuen Vormund

Jensen Zlotowicz
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Das Jugendamt kümmert sich um Kinder, deren Eltern das Sorgerecht entzogen wurde. Foto: dpa

Das Jugendamt kümmert sich um Kinder, deren Eltern das Sorgerecht entzogen wurde. Foto: dpa

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Wie ein "Schutzengel" - nur ohne Flügel: Vormunde kümmern sich derzeit um 74 Kinder und Jugendliche im Wartburgkreis. Die "Lotsen fürs Leben" wurden durch das Jugendamt vermittelt.

Wartburgkreis. In der Stadt Eisenach sind es 16 Vormundschaften, darunter zwei gesetzliche Vormundschaften wegen Minderjährigkeit der Mutter. Für diese insgesamt 90 Kinder und Jugendlichen in der Wartburgregion wurde der Mutter beziehungsweise den Eltern das Sorgerecht teilweise entzogen und das Jugendamt zum Ergänzungspfleger bestellt. Im Vorjahr wurde in insgesamt vier Fällen in Eisenach Eltern die elterliche Sorge ganz oder teilweise entzogen.

Das Thema ist sensibel und nicht frei von Problemen, weil es auch Mütter/Eltern gibt, die meinen, dass ihnen ihr Nachwuchs unbegründet entzogen werde. Hin und wieder gibt es strittige Fälle. Unlängst wandte sich eine Mutter mit der Bitte an unsere Zeitung, ihren Fall öffentlich zu machen. Es zeigte sich: Die Gemengelage ist komplex, die subjektive Wahrnehmung der Eltern und die der Mitarbeiter des Jugendamtes zum Thema Kindeswohl - und alles was dies bei Eltern voraussetzt - gehen mitunter weit auseinander. Die Mitarbeiter der Jugendämter halten sich in solchen Fällen bedeckt. In Kreis und Stadt sei man in dieser Thematik jedoch generell gut aufgestellt, heißt es.

Vormunde sind "Anwälte im Alltag"

Von Vormunden wird viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl verlangt. Denn sie machen das, was eigentlich die Eltern tun: Sie ergreifen Partei für junge Menschen - sind deren "Anwälte im Alltag". Und trotzdem heißen sie - etwas angestaubt und bürokratisch - "Vormund". Dabei machen sie mehr als "Arbeit nach Aktenlage".

Ein Vormund sorgt dafür, dass es Kindern und Jugendlichen gut geht. "Wenn die Eltern dies nicht mehr leisten können oder wollen, kümmert sich das Jugendamt um einen Vormund", sagt Amtsleiter Bernd Scheumann vom Jugendamt im Wartburgkreis. Auf einen Vormund kommt dann auch rechtlich all das zu, was sonst die Eltern machen. Er verwaltet das Geld, bis die Kinder 18 Jahre alt sind. Und er sorgt dafür, dass sie in einer Pflegefamilie, in einem geeigneten Heim oder in einer betreuten Wohnung leben können.

"Ein Vormund hat zwar etwas von einem ‚Schutzengel für das Kind'. Er fällt aber nicht vom Himmel. Da gucken das Familiengericht und das Jugendamt schon ganz genau hin, wer die Vormundschaft und damit die Verantwortung bekommt. Oft ist dies der Amtsvormund", sagt Bernd Scheumann. Es gehe schließlich um eine enorme Verantwortung.

Der Vormund habe eine zentrale Aufgabe: Er müsse die Interessen des Kindes fest im Blick haben. Oft gebe es Menschen, denen die Kinder bereits vertrauen. "Das können zum Beispiel Großeltern sein. Die Kinder werden aber auch entsprechend ihres Alters und ihrer Entwicklung bei der Auswahl des Vormunds beteiligt", so Scheumann.

Familiengericht wird eingeschaltet

Für die Kinder und Jugendlichen sei ein Vormund so etwas wie ein neuer "Lotse fürs Leben". Fast immer hätten die jungen Menschen vorher Schlimmes erlebt: Wenn Eltern sehr krank oder gestorben sind, springe ein Vormund ein. "Und natürlich dann, wenn Eltern sich nicht um ihr Kind kümmern - wenn sie es schlagen oder misshandeln", sagt Scheumann. Diese Eltern könnten und dürften dann nicht mehr für das Kind sorgen. In solchen Fällen entscheide sich das Familiengericht dafür, die Verantwortung teilweise oder ganz in die Hände eines Amtsvormunds zu legen.

Seit 2008 erlaubt ein Gesetz den Jugendämtern die Familiengerichte einfacher und schneller einzuschalten, um auch über Inobhutnahme zu entscheiden.

Es komme darauf an, dass der Vormund unabhängig sei. Betreuer in einem Heim würden schon deshalb als Vormünder ausscheiden. "Schließlich ist das eine - die Kindererziehung - ihr Beruf; das andere - die Vormundschaft - eher eine Berufung. Beides darf aber nicht vermischt werden", erklärt Bernd Scheumann. Entscheidend sei, dass ein Vormund sich Zeit für das Kind nehme. Monatliche Besuche seien sogar vorgeschrieben.

"Denn die persönlichen Gespräche sind wichtig. Genauso wie der regelmäßige Griff zum Telefon. Der Draht zwischen Kind und Vormund sollte möglichst kurz sein. Denn Entscheidungen über den Kopf des Kindes hinweg sind selten gut", sagt Bernd Scheumann. Je älter ein Kind werde, desto mehr sollte es auch direkt mitentscheiden.

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