Im Leutratal gedeihen langsam wieder Pflanzen auf der alten A4

Leutra  Im Herbst beginnt die Renaturierung auf der alten Trasse der A4 – auch zur Freude des Naturschutzbundes (Nabu). Wer bislang auf der Suche nach seltenen Pflanzen ist, wird enttäuscht.

Ein Blick vom Heißluftballon auf die ehemalige Trasse. In der Mitte ist Leutra zu sehen. Foto: Barbara Glasser

Ein Blick vom Heißluftballon auf die ehemalige Trasse. In der Mitte ist Leutra zu sehen. Foto: Barbara Glasser

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Wo vor zwei Jahren noch Tausende Autos und Lastwagen entlang brausten, steht nun ein Hase. Doch vor ihm ist nicht etwa freie Bahn, sondern ein Schutthaufen. In Hab-Acht-Stellung hockt er davor – und flitzt dann doch nach einer Minute seitlich in den Wald bei Pösen.

Die Natur holt sich die alte Trasse der A4 im Leutratal zurück – allerdings nur langsam. So schnell wächst kein Gras über ein Bauwerk, das seit den 1930er Jahren die Landschaft bestimmte. Biologe Dietrich Berger steht nahe Leutra und urteilt: „Die Landschaft ist verbraucht.“ Ausgleichsmaßnahmen können kein Wunderwerk vollziehen. Bis sich wieder Boden auf der alten Trasse bildet, vergehen Jahrhunderte, sagt er. Beton und Asphalt wurden beim Rückbau der Fahrbahn abgetragen, jetzt laufen Neugierige über Schutt und Flusskiesel, die mit Resten des Betons vermischt wurden.

Was jetzt im Tal wächst, sind Pionierpflanzen. Diese passen sich schnell neuen, vegetationsfreien Gebieten an. Salzschwaden findet man, ein Süßgras. Fuchsschwanzgewächse wie die Spieß-Melde ragen hervor. Die Gewächse nutzen das alkalische Substrat im Beton und in den Kalksteinen aus, erklärt Berger. Basenreichtum nennt das der Biologe. So groß, wie manch Gärtner diese Pflanzen auf seinem Kompost gedeihen sieht, seien sie im Leutratal allerdings nicht.

Dann glaubt der Biologe, Echte Kamille entdeckt zu haben – „ist eigentlich auch nur ein Unkraut“, sagt er. Mit geübtem Blick teilt er die Blüte, um den körbchenförmigen Blütenstand zu sehen und eindeutig zu wissen: Sein erster Blick war richtig, es ist Echte Kamille.

Wer auf der Suche nach seltenen Pflanzen ist, ist auf der Trasse fehl am Platz. Es ist bislang eine „langweilige Vegetation“, sagt der Biologe – auch mit Blick auf die wenige hundert Meter weiter wachsenden, seltenen Orchideen auf den Muschelkalkhängen des Leutratals.

Ein ungewöhnliches Bild zeigt sich dann doch nahe Leutra. Auf einem aufgeschütteten Hügel wächst Raps in Hülle und Fülle. „Das muss im Boden drin gewesen sein oder jemand hat die Samen eingebracht“, vermutet Berger, denn in der Nähe sind keine Rapsfelder zu sehen.

Die Deges – die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH – bestätigt die Vermutung: Mutterboden westlich der Neubaustrecke ist dort aufgeschüttet worden. Die Gesellschaft ist mit dem Rückbau der Trasse sowie der Renaturierung beauftragt. Bis Ende November 2015 wurden etwa 92 000 Kubikmeter Fahrbahnbefestigung abgebrochen, 16 Brücken zurückgebaut und 35 000 Meter Schutzplanken demontiert, teilt ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage mit. Parkplätze und Rastanlagen sind ebenfalls nicht mehr vorhanden.

Renaturierungsmaßnahmen stehen ab Herbst 2016 auf dem Plan der Deges. Innerhalb von etwa einem Jahr sollen Flächen von Magerrasen geschaffen werden. Dieser wächst an Standorten, die nährstoffarm sind. Zudem sollen Frischwiesen entstehen, wo es nährstoffreicher ist. Feldgehölze anzupflanzen und den Buchen- und Laubmischwald aufzuforsten sind weitere Maßnahmen, die der Deges-Sprecher ankündigt. Ziel soll sein, die vorhandenen Strukturen mit den neu angelegten zu verbinden.

Während bei Bucha einige landwirtschaftliche Flächen durch den Neubau der A4 verloren gingen, sollen nahe der Anschlussstelle Schorba und dem Amselberg wieder Nutzflächen entstehen.

Der Naturschutzbund Saale-Holzland urteilt positiv über die Renaturierungspläne. „Es ist eine sehr gute Maßnahme, die nicht sehr teuer ist und den örtlichen Gegebenheiten entspricht“, sagt Klaus Götze vom Nabu. Dass heimisches Material benutzt werde, sei gut. Der Biotop-Verbund um Jena werde wieder geschlossener, seltene Greifvögel könnten wieder brüten, ohne dass der Nachwuchs dem Verkehr zum Opfer fällt.

„Man sollte verfolgen, was sich entwickelt“, wünscht sich Biologe Berger. Ein Projekt an der Universität Jena beobachtet die „Entwicklung und Wiederbesiedlung von Lebensräumen“ an der einstigen A4. Federführend ist das Institut für Spezielle Botanik. Die Forscher wollen beispielhaft an der einstigen A4 untersuchen, welche Auswirkungen der Rückbau einer Autobahn auf die Tier- und Pflanzenwelt hat. Bis 2017 werden Daten im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung gesammelt.

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